03 April 2018

Zehn Tage Abstinenz

»Ich schau gelegentlich mal rein«, versprach ich vollmundig, bevor ich in den Osterurlaub entfleuchte. Mit »rein« waren Twitter und Facebook, die Maildienste und dergleichen gemeint.

Aber tatsächlich schaffte ich es, zehn Tage lang das Internet zu ignorieren: zwei komplette Wochenenden und alle Tage dazwischen. Da auch der Fernseher ausblieb, bekam ich von den aktuellen Nachrichten immer nur das mit, was einen Tag oder zwei Tage später oder eben gar nicht in der Zeitung zu lesen war.

Dabei hatte ich das Gefühl, vor allem von den Aufregungsspiralen verschont geblieben zu sein, die ich sonst über Twitter und Facebook mitbekomme. Ich sah keinen neuen Unfug, den gewisse Präsidenten von sich geben. Ich hörte nicht die neuesten Dummheiten unserer Minister. Ich erfuhr nichts von aktuellem Wahnwitz, den Rechtsradikale und ihre Claquere in die Medien kotzen.

Und ich hatte nicht das Gefühl, viel zu verpassen. Twitter vermisste ich an manchen Tagen, weil ich diese Plattform auch wegen ihres Unterhaltungswertes sehr schätze. Aber ich konnte es meist vermeiden, auf das Netzwerk zu klicken (zwei-, dreimal habe ich reingeschaut, wie ich gestehen muss).

Spazierengehen, gelegentliches Radfahren, gemeinsames Kochen und Essen und Reden, gemütliches Lesen (ich empfehle hiermit gleich mal »Hologrammatica« von Tom Hillenbrand), sogar ein Einkaufsbummel – ich hatte nicht den Druck, ständig zu schauen, welche neuen Mails ich erhalten hatte. Und ich genoss die digitale Ruhe.

Übrigens ging meine digitale Abstinenz nicht mit einer digitalen Demenz einher. Ich konnte mich nach dem Urlaub an alle Passwörter erinnern und hatte bei kaum einem Internet-Dingsda vergessen, wie man sich an welcher Stelle mit mehr oder weniger klugen Worten öffentlich äußert. Und ich finde nach wie vor das »Neuland« interessant und besuchenswert.

Kommentare:

Christina hat gesagt…

Internet Abstinenz ist übrigens die neue Form des Fastens. Du hast also alles richtig gemacht. :-)

Uli Thomsen hat gesagt…

Ich habe mal 10 Jahre lang TV-Abstinenz geübt - von 1982 die ganzen 80er hindurch bis 1991. Das ist sehr erholsam und aller Hype (von Wiedervereinigung bis Schimanski und Dallas) gingen spurlos an mir vorbei. Als ich wieder einen Fernseher hatte, gab es plötzlich Privatsender - na sowas...

Heute mache ich permanent Internet-/Mail-/Telefon-Abstinenz so gut es geht: meine Handy-/WhatsApp-Nummer kennen nur 3 Menschen, meine private E-Mail nur eine Hand voll und sowas wie Twitter, Facebook & Co. habe ich noch nie beutzt.

Dafür habe ich einen riesigen 'realen' Freundes- und Bekanntenkreis...