30 April 2017

Nicht vernünftig eingebürgert

»Ich bin kein Deutsche«, sagte der Mann, der mir gegenüber saß. »Ich wohne seit dreißig Jahren hier, und ich habe meine Staatsangehörigkeit behalten.« Wie es sich herausstellte, kam er aus einem der Staaten der südlichen EU, einem Land, das sogar in der Eurozone war.

Recht verwundert schaute ich ihn an. »Warum eigentlich nicht? Sie reden besser deutsch als ich, und ...«

»Schon klar. Ich habe hier studiert, ich lebe und arbeite seit dreißig Jahren hier, ich zahle richtig viel Steuern.« Er trug einen guten Anzug mit Krawatte, er war Abteilungsleiter in einem deutschen Unternehmen, er fuhr ein dickes deutsches Auto, seine Frau war deutsche Beamtin, und ich wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, dass er ein Ausländer sein könnte.

Auf mein Nachfragen erzählte er, dass er vor einem Jahr etwa versucht habe, deutscher Staatsbürger zu werden. Man habe ihn Fragebogen ausfüllen lassen und Fragen nach seiner Verfassungstreue gestellt. Man habe seine Frau nach seinen Vorlieben gefragt und alle möglichen blöden Fragen geäußert: zum politischen System, zu Landeshauptstädten und Parteien.

»Als ob die glaubten, dass ich illegal einwandern wollte.« Er schüttelte den Kopf und erzählte weitere Geschichten von seltsamen Fragen und noch seltsameren Mutmaßungen. »Vielleicht hätte ich die Nationalhymne singen sollen.«

»Und dann?«, fragte ich gespannt.

»Wenn mich Deutschland nicht will oder es mir so spät macht, lasse ich es halt«, sagte er lakonisch. Dann prosteten wir uns zu: jeder ein alkoholfreies Bier in der Hand, weil wir in der Nacht noch autofahren mussten.

Soviel zum Thema Leitkultur.

29 April 2017

Mein Treffen mit Wahnfried

Dass ich von Opern wenig Ahnung habe, dürfte kaum jemanden überraschen. So wusste ich bislang auch nichts davon, wie eng meine Heimatstadt Karlsruhe – über den jüdischen Dirigenten Hermann Levi – mit der Geschichte des judenfeindlichen Kompnisten Richard Wagner verknüpft ist. Jetzt weiß ich das ... und ich finde die Verwicklungen spannend.

Karlsruhe leistet sich ein Opernhaus, in dem in diesem Jahr gewissermaßen Richard-Wagner-Festspiele sind. In diesem Rahmen wurde die Oper »Wahnfired« auch uraufgeführt; gestern sah ich diese Oper dann auch.

Komponiert wurde die Oper von dem israelischen Komponisten Avner Dorman, geschrieben wurden sie von deutschen Dramaturgen. Erzählt wird die Geschichte des Wagner-Clans aus ungewöhnlicher Perspektive: aus der eines Engländers, der so fasziniert von den Deutschen ist, dass er quasi zu ihnen überläuft.

Mit der Musik konnte ich nicht viel anfangen: Das war wenig melodisch, das war sehr hektisch. Klar wurde ein Opernchor aufgeboten, und selbstverständlich stand ein fettes Orchester zur Verfügung. Aber ins Ohr ging mir da nichts.

Umso eindrucksvoller dann die Vorstellung selbst. Die Verstrickungen des Wagner-Clans in den Aufstieg des Nationalsozialismus wurden stark dargestellt, das Schicksal des jüdischen Dirigenten immer wieder eingeflochten. Adolf Hitler trat auf, der Kaiser hatte ein Gastspiel, alles in allem bekam man fünfzig oder sechzig Jahre deutscher Geschichte um die Ohren gehauen.

Vor allem halt der judenfeindliche Teil dieser Geschichte. Wenn Opernsänger von »jüdischer Hetze« singen oder »die Arier« beschworen werden, jagt einem das einen kalten Schauder über den Rücken. Vielleicht lag es auch daran, dass nach der Pause einige Sitze in unserer Nähe leer blieben – so viel Realitätsnähe und Wagnerkritik dürfte für das normale Opernpublikum nicht einfach auszuhalten sein.

Ein Opernfreund werde ich sicher in meinem Leben nicht mehr werden. An den »Wahnfried« werde ich mich aber noch lange erinnern. Das war ein eindrucksvolles und starkes Theaterstück, mit tollen Sängern und einer Musik, die halt überhaupt nichts für mich war.

28 April 2017

Das ach so mutige Buch des Ministers

Als Bundesjustizminister sollte Heiko Maas den Job haben, sich um die Justiz in der Bundesrepublik zu kümmern. Das macht er hoffentlich. Wie gut er das tut, kann ich nicht beurteilen – dass die Presse vor allem über seine Anzüge und sein Aussehen zu schreiben scheint, weist in meinen Augen allerdings auf das eine andere Defizit hin. Neuerdings »engagiert« er sich auch gegen Nazis, was immer das bei Politikern heißen mag.

Dabei hat er ein Buch geschrieben ... oder schreiben lassen. Es trägt den Titel »Aufstehen statt wegducken« und den Untertitel »Eine Strategie gegen Rechts«; im Mai erscheint es im Piper-Verlag. So weit so gut. Man könnte sich fragen, warum ein Minister eine Strategie gegen »rechts« vorstellt – also auch gegen die CDU und die CSU – und nicht der Klarheit halber eine »Strategie gegen Nazis«, was klarer wäre ... aber gut, ich bin ja kein Politiker und auch kein Sachbuch-Lektor.

Ein wenig seltsam finde ich die Werbung, die dem Buch beschert wird: »Mutig Position beziehen gegen Rechts!« titeln große Anzeigen in den Fachzeitschriften, unter anderem auch auf dem Titelbild des »Börsenblatts«. Das sieht gut aus, trägt sicher dazu bei, dass die Buchhändler das Werk ordentlich »einkaufen« und ist von daher nicht zu bemängeln.

Als kritischer Bürger frage ich mich halt: Was ist denn eine »mutige Position« daran, wenn ein Minister – der ständig von Leibwächtern umgeben ist – ein Buch über die »Rechten« schreibt? Ist es nicht vielmehr mutiger, wenn sich Antifa-Initiativen in Dörfern und Städten dem rechtsradikalen Mob entgegen stellen? Ist es nicht mutiger, sich vor Ort für Flüchtlinge und eine »bunte« Kultur zu engagieren?

Aber da irre ich mich wohl. Während die Staatsgewalt eifrig dabei ist, jugendliche Antifa-Aktivisten mit Prozessen zu überziehen und dafür zu sorgen, dass Nazi-Aufmärsche gelegentlich mit Zwang durchgesetzt werden, ist es wahrscheinlich sehr viel mutiger, sich als Minister auf den Hintern zu setzen und schreibend sowie redend »mutig Position« zu beziehen. Aber ich bin ja auch kein Politiker ...

27 April 2017

Leseprobe zum blutenden Land

Da ich heute den ganzen Tag unterwegs war, konnte ich mich noch nicht um die Details kümmern – ich freute mich aber unglaublich, dass Post von Droemer-Knaur eingetroffen war. Im Kuvert steckte ein Buch, das die aktuellen Leseproben des Fantasy-Programms für den Herbst 2017 enthielt. Unter anderem dabei: die Leseprobe für meinen Roman »Das blutende Land«.

Der Verlag nahm das dritte Kapitel; das ist eine schöne Wahl, weil dieses Kapitel die eigentlich Hauptfigur und zwei wichtige Nebenfiguren vorstellt. Ich bin gespannt darauf, wie die Leser darauf reagieren. Und natürlich werde ich mir die anderen Titel dieses Programms sehr genau vorstellen.

Aber selbstverständlich hat mich das nicht nur gefreut, sondern auch stolz gemacht. Gleichzeitig erhöht die Leseprobe meine Nervosität; da werde ich glatt zum Jungautor ...

26 April 2017

Anti-Flag überzeugten live in Karlsruhe

Es ist schon irgendwie peinlich – aber obwohl ich einen Stapel Platten der amerikanischen Punk-Band Anti-Flag besitze, habe ich sie bis gestern nie live gesehen. Ein Grund war bislang, dass die Band von Anfang an »so groß« war, dass sie nur auf Open-Air-Festivals oder in großen Hallen auftrat. Ich brauchte auch einige Zeit, bis ich mich dazu überwinden konnte, ins »Substage« in Karlsruhe zu gehen.

Das »Substage« ist einer dieser seelenlosen Konzertorte, in die es mich nicht zieht: eine Beton-Architektur, hingeschissen in ein eigentlich schönes Areal mit alten Gebäuden, von der Stadt Karlsruhe ordentlich subventioniert und trotzdem mit »Rocker«-Attitüde. An diesem Dienstagabend, 25. April 2017, ging ich zum ersten Mal zu einem »richtigen« Konzert hinein.

Der Raum wirkte gut ausverkauft; ich nehme an, dass über tausend Leute da waren. Weil ich vor der Tür mit einigen Bekannten redete, verpasste ich die erste Band. Dabei sollen The Prosecution mit ihrem SkaCore echt gut gewesen sein. Aber ich rechnete echt nicht damit, dass das »Substage« seine Konzerte so pünktlich anfangen lässt.

Radio Havanna spielten als nächste Band. In den guten Momenten erinnerte die Band an alte Wizo-Stücke, in den schlechten Momenten langweilte der poppig-melodische Punkrock sehr. Zwischendurch wurde ein Stück der Prinzen gecovert, ansonsten fand ich die Band musikalisch meist belanglos, wenngleich mit den Ansagen nicht unsympathisch.

Als Anti-Flag die Bühne enterten, war vom ersten Ton an gleich Bewegung im Saal. Okay, die Band zündete mit »Die For Your Government« gleich einen ihrer ersten Hits und legte dann kontinuierlich nach. Das textsichere Publikum sang eifrig mit, es wurde eifrig getanzt; gelegentlich wurde Crowdsurfing betrieben.

Was ich echt blöd fand, war die Manie der Band, das Publikum zu irgendwelchen Mitmach-Dingen aufzufordern. Wenn mir von der Bühne einer sagt, ich solle springen, bleibe ich halt aus Prinzip stehen. Und wenn es heißt, man solle die Hände recken oder klatschen, stecke ich sie in die Hosentasche. Punkrock hieß irgendwie nie, dass man den Aufforderungen der Band eins zu eins Folge zu leisten hat.

Immer wieder gab es Sprechchöre wie »Alerta Antifascista« im Publikum, die ich gut fand. Wahrscheinlich gehören Antifa-Parolen ebenso zum Lifestyle heutiger Konzertbesucher wie Vollbärte und Tätowierungen. (Aber seltsames Konzertverhalten gab es in den 80er-Jahren ja auch schon bei Exploited und anderen Bands ...)

Ich will nicht zu mäkelig klingen: Die Band überzeugte mit schmissiger Musik, mit einer professionellen Show auf der Bühne, die viel Spaß anklingen ließ, mit guten Ansagen und spontanen Aktionen. Am Ende wurde ein Stück von den Ramones gespielt, zwischendurch wurde stellten sich der Schlagzeuger und einer der Gitarristen mitten in das Publikum und spielten dort weiter – das war alles schon ziemlich große Klasse.

Als ich irgendwann aus dem »Substage« ins Freie kam, erhitzt und bester Laune, hatte ich das Gefühl, ein tolles Konzert erlebt zu haben. Ein Freund des Konzertortes werde ich aber trotzdem kaum werden, fürchte ich.

25 April 2017

Die Fledermaus in Europa

Ich bin seit vielen Jahren ein Fan der »Batman«-Serie, eigentlich seit der Zeit, als sie in den 80er-Jaren erwachsen wurde und der Quatsch der frühen Jahre endlich vorbei war. Die Comic-Verantwortlichen aus den USA wagen immer wieder neue Wege, und damit schaffen sie es oft genug, mich zu faszinieren.

Bei »Batman Europa« gelang das nur eingeschränkt. So gut ich die Idee fand, so wenig gefiel sie mir unterm Strich. Womöglich wollte man zu viel auf einmal, womöglich wurde die künstlerische Energie übertrieben. Ich hatte mir die deutschsprachigen Hefte einzeln gekauft, jetzt aber liegt auch ein Paperback vor, das alles zusammenfasst. Ich will’s an dieser Stelle erwähnen – es wird hoffentlich einige Leute geben, die sich darauf einlassen können.

Enthalten ist in »Batman Europa« eine vierteilige Miniserie, die in den europäischen Metropolen Berlin, Prag, Paris und Rom spielt. Mit Batman selbst und seinem durchgeknallten Erzfeind, dem Joker, sind die wichtigsten Figuren der Serie beteiligt – für genug Action ist also gesorgt.

Allerdings empfand ich die Geschichte als zu einfach: Weil Batman und der Joker mit einem tödlichen Virus infiziert worden sind, müssen sie auf eine Art Schnitzeljagd gehen. Diese führt sie durch die genannten Städte in Europa. Um ihr Leben zu retten, müssen die beiden Feinde zusammenarbeiten und ihren Gegner einfangen – gleichzeitig kämpfen sie die meiste Zeit doch gegeneinander.

Die Anordnung ist damit sehr klassisch: Zwei Gegner verbünden sich, um sich einen gemeinsamen Feind vom Leib zu halten. Das ist teilweise recht spannend, die europäischen Szenen halten sich allerdings in Grenzen. Für die amerikanischen Leser wurde sicher viel Lokalkolorit geschaffen, für Europäer ist das zu wenig.

Letztlich muss man sich von der Optik dieses Comics fesseln lassen. Sie ist sehr »künstlerisch«. Nach Texten und Konzepten von Brian Azzarello wirkten unterschiedliche Comic-Zeichner. Meist wirken die Bilder absichtlich verwischt; die Szenen spielen oft bei Nacht und werden spärlich »ausgeleuchtet«. Das ist teilweise faszinierend, wirkte auf mich aber zeitweise so übertrieben, dass es mich auf Dauer nicht fesseln konnte.

Alles in allem ist »Batman Europa« ein Beispiel für die Experimentierfreude der amerikanischen Comic-Verlage. Inhaltlich wie optisch hat mich die Miniserie nicht gepackt; wer sich für Geschichten mit der Fledermaus begeistern kann, sollte aber mal einen Blick reinwerfen.

Bald gibt's wieder »Exodus«

Ich habe es noch nicht einmal geschafft, die »Exodus«-Ausgabe komplett zu lesen, die im Oktober 2016 erschienen ist – da kündigt die Redaktion schon die Ausgabe 36 für den Mai/Juni 2017 an.  Thematisch konzentriert man sich diesmal auf den Autor Herbert W. Franke, der in diesem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiert, und auf die Phantastische Bibliothek Wetzlar, die 2017 auch schon seit dreißig Jahren besteht.

Immerhin habe ich es geschafft, zu einem der zwei Themen ebenfalls einen Beitrag zu schreiben. Zu mehr reichte es leider nicht. Es wird Zeit, dass ich in diesem Magazin endlich mal wieder mit einer Kurzgeschichte vertreten sind. Das wird allerdings sicher noch eine Weile auf sich warten lassen.

So lange freue ich mich auf die Ausgabe 36. Die gibt es sogar als Variant-Edition. Ich fürchte, da wird mein Sammlertrieb mit mir durchgehen ... (Weitere Infos zu alledem gibt's auf der Website des Magazins.)

24 April 2017

Frau Dr. Merkel und ich

Es war ein seltsamer Augenblick für mich, als Angela Merkel den Raum betrat. Sie erkannte mich sofort, zwinkerte mir aber nicht zu und gab auch sonst nicht zu erkennen, dass sie wusste, wer ich war. Sie verzog ein wenig die Mundwinkel, wie sie das gern machte – ich interpretierte es als freundliches Lächeln.

Ich saß hinten im Raum, aber sie kam an meinem Platz vorbei, eingerahmt von ihren Leibwächtern. Nachdem sie auf dem Podium Platz genommen hatte, stellte sie der Diskussionsleiter als »Frau Dr. Merkel« vor, und die Diskussion begann. Man konnte Fragen stellen, sie antwortete. Das ging eigentlich auch ganz gut, viele Leute meldeten sich und wurden aufgerufen.

Mich juckte es immer wieder, selbst etwas zu sagen oder mich zu Wort zu melden. Ich fand, sie äußerte sich ausweichend; sie hätte bei manchen Fragen klarer antworten sollen. Aber so kannte man sie.

Mein Nebenmann stieß mich an. »Willst du die Merkel nichts fragen? Es machen doch alle mit.« Er wies auf die Finger, die sich in die Höhe reckten. Ich kam mir vor wie in der Schule unter lauter Strebern.

»Nein, nein«, gab ich locker zurück. »So nötig habe ich es nicht. Ich habe letzte Woche ja erst mit ihr zu Mittag gegessen.«

Er schaute mich verwundert an. »Echt?«

»Ja. Das machen wir ab und zu. Meist zu zweit. Das ist echt nett.«

Er starrte mich an. Dann wachte ich auf. Ich brauchte einige Sekunden, um zu kapieren, dass ich mit der Bundeskanzlerin noch nie in einem Raum gewesen war ...

23 April 2017

Waldemar und MRU

Man kann nicht sagen, dass ich Waldemar Kumming besonders gut kannte. Wir haben uns im Verlauf von Jahrzehnten immer mal wieder getroffen und nie mehr als einige Sätze gewechselt. Als ich aber von seinem Tod erfuhr, war ich dennoch betroffen.

Waldemar war Jahrgang 1924, geboren am 31. Juli, also älter als mein Vater, eine Generation, die ihre prägenden Jugenderfahrungen im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg gesammelt hat. Wie und warum er auf die Science Fiction kam, weiß ich nicht; es wäre eine spannende Frage gewesen, die ich ihm nie stellte.

Waldemar gehörte auf jeden Fall zu den allerersten Menschen in Deutschland, die sich für diese neue Literaturgattung so begeisterten, dass sie damit anfingen, aktiv zu werden. Er schrieb für Fanzines, er reiste auf Veranstaltungen, er war im Science-Fiction-Club Deutschland aktiv. Das alles machte er zu einer Zeit, in der das noch nicht sehr angesagt war ...

Ich habe viele Ausgaben seines Fanzines »Munich Round Up« gelesen. Er machte es nicht allein, aber er war derjenige, der die Kontinuität über Jahrzehnte hinweg sicherte. Schon in den frühen Jahren seiner Fanzine-Arbeit hatte »MRU«, wie das Blatt aus München genannt wurde, eine ausgesprochen satirische Seite; das behielt er bei.

Gern berichtete er über Cons. Zu Zeiten, in denen Deutsche im Ausland noch eher argwöhnisch betrachtet wurden – kein Wunder nach den Greueln des vergangenen Krieges – fuhren Fans wie Waldemar auf internationale Fan-Veranstaltungen. Sie besuchten in den fünfziger Jahren beispielsweise Cons in England, und sie reisten im VW-Käfer sowie auf dem Landweg- und Seeweg dahin.

Ich hatte immer großen Respekt vor Waldemar und seiner Lebensleistung als Fan, als Organisator, als Fanzinemacher. So lange war er so aktiv – das ist sehr beeindruckend. Er starb am 5. April 2017, ich erfuhr es erst Wochen danach. In den nächsten Monaten, das habe ich mir vorgenommen, werde ich immer mal wieder in alten »MRU«-Ausgaben blättern.

22 April 2017

Zwei Tage Ohne Schnupftabak

Einen Preis für ihren coolen Bandnamen hat eindeutig eine Punkrock-Kapelle aus Regensburg gewonnen: Zwei Tage Ohne Schnupftabak klingt zwar sperrig, das merkt man sich aber. Die Abkürzung ZTOS wirkt dagegen schlapp.

Zum zehnjährigen Bestehen der Band wurde im November 2013 die EP »Die Bresche« aufgenommen; ich habe die Vinylscheibe mit den drei Stücken, bei der ich schon das Titelbild ziemlich klasse finde. Musikalisch gibt es schrammeligen Punkrock, bei dem gern auch der Begriff »Emo« fallen darf.

Dazu kommen Texte, die ein wenig verkopft sind: »Am Anfang war das Ende / und seitdem wird es verfilmt« ... ich mag solche Texte, weil sie ein bisschen tiefergehen. Immer anhören kann ich mir das nicht, und die Platte ist auf Dauer vor allem musikalisch zu eintönig.

Die Band selbst sollte man sich mal anhören. Dankenswerterweise gibt es auf Bandcamp dazu manche Gelegenheit ...

21 April 2017

Wie ich einmal im Studierendenhaus auftrat ...

Beim »Café Koz« handelt es sich – auch wenn sich der Name ein wenig anders anhört – um ein sympathisches Café des Studierendenhauses der Universität Frankfurt. Als ich am Mittwochabend dort ankam, erinnerte es mich an die Kneipen autonomer Häuser, in denen ich in früheren Jahrzehnten viel Zeit verbracht hatte: schlichte Einrichtung, humane Preise für die Getränke, die Wände im Klo mit allerlei Sprüchen vollgekritzelt.

Bei meiner Lesung war der Raum gut gefüllt. Weil ich im Lichtkegel meiner Leselampe saß, konnte ich nicht sehen, wie viele Leute es genau waren; ich hätte gesagt, dass rund vierzig Personen meine Lesung besuchten. Das fand ich sehr ordentlich.

In erster Linie las ich aus meinem Buch »Für immer Punk?«, meine Lesung fand ohnehin am regelmäßigen Punkrock-Abend des Cafés statt. Später steuerte ich noch eine Geschichte bei, die in meinem Buch »Zwei Whisky mit Neumann« enthalten ist und die ich schon seit längerem nicht mehr vorgelesen hatte.

Zwischen den Geschichten erzählte ich ein wenig; es gab immer wieder Applaus. Da die Leute an den richtigen Stellen lachten, ging ich davon aus, dass die meisten den Geschichten auch zuhörten. Später sammelte sich eine Gruppe von Besuchern an der Theke, die offenbar lieber selbst reden und weniger zuhören wollten – das ist ja durchaus nachvollziehbar. Nach eineinhalb Stunden Programm reichte es auch.

Ich war sehr zufrieden mit dem Auftritt in Frankfurt. Im Anschluss verkaufte ich einige Bücher, beantwortete Fragen und plauderte im kleinen Kreis, bevor ich mich auf den Weg machte. Ein schöner Abend!

20 April 2017

Echos vom Nachbartisch

Weil ich für einen wichtigen Termin mit der Firmenleitung unterwegs war, hatte ich einmal wieder die Chance, eines der »besseren« Restaurants in Rastatt aufzusuchen. Das ist nicht unbedingt eine Freude.

Um es kurz zu machen: Die Penne waren in einer ekeligen Sahnesoße ertränkt, der Salat war lieblos zusammengematscht, alles schmeckte, als habe man nicht gewusst, was Gewürze eigentlich sind. Da wusste ich wieder, wie gut unsere Kantine ist.

Am besten war aber das Gespräch am Nachbartisch. Da saßen zwei Herren zusammen, die beide gut badisch miteinander redeten, irgendwelche Fleischgerichte futterten und dabei in der Zeitung blätterte. Ab und zu sagte jemand etwas zu einem Artikel im örtliche Käseblatt.

Weil mich mein Termin nicht unbedingt fesselte, lauschte ich mit einem Ohr immer zum Nachbartisch hinüber. Das war spannender als der Kampf mit den zermatschten Nudeln.

»Da will eine beim Schaffen ihr Kopftuch aufbehalten«, sagte einer der beiden.

Der andere machte. »Hm.« Dann kaute er ein wenig, um mit vollem Mund hinzuzufügen: »Ich denk, das ist immer noch Sache des Chefs, ob die ein Kopftuch anhat oder nicht.«

Der erste brummte etwas, das ich nicht verstand, bevor er hinzufügte. »Wenn’s ihr hier nicht passt, soll sie halt verschwinden.«

Merke: Wer in der Mittagspause »zum Italiener« essen geht, hat nicht unbedingt lukullische Höhepunkte zu erwarten und wird dadurch auch nicht unbedingt zu einem besseren Menschen.

19 April 2017

Ein Ghost in einer Shell

Wie es sich für einen Science-Fiction-Fan gehört, schaute ich mir den neuen Kinofilm »Ghost In The Shell« an. Und weil ich Scarlett Johansson immer noch unfassbar cool finde (seit »Lost In Translation« finde ich sie toll), war es schon ein Zwang für mich, in diesen Film zu gehen. Ich bereute es nicht, obwohl man durch die Logiklöcher des Streifens ganze Güterzüge hätte stecken können.

Dabei geht es richtig gut los. Major ist so eine Art Cyborg, der in einem Tokio der nahen Zukunft einen Terroristen namens Kuze – schönes Wortspiel! – jagt und am Ende mit seiner eigenen Wirklichkeit konfrontiert wird. Das war streckenweise dann auch ein ziemlich gelungener SF-Krimi mit ungewöhnlichen Effekten, nervte am Ende aber dann doch.

Ich verzichte an dieser Stelle darauf, den Inhalt wiederzugeben; das ist sicher nicht nötig. Der Film hat seine Stärken, und eine davon ist die Optik. Die wahnwitzige Stadt der nahen Zukunft ist eindrucksvoll in Szene gesetzt: Riesige Hochhäuser, tiefe Straßenschluchten, irrsinnige Werbung überall – die Welt ist packend und faszinierend und abschreckend zugleich. Das hat etwas von »Blade Runner« und von »Das fünfte Element«, wirkt aber durchaus eigenständig.

Auch die Anlage der Cyborg-Frau ist überzeugend; vor allem in der Optik. Die Schauspielerin wirkt tatsächlich ein wenig japanisch, was nicht nötig wäre, aber hier passt. Wie sie sich bewegt, wie sie ihre »Haut« ablegt – das ist alles gut in Szene gesetzt.

Unnötig war die eine oder andere emotionale Verwicklung. Dass der Bösewicht und die Heldin am Ende in einer Art »Beziehung« stecken, empfand ich als geradezu albern. Aber gut, das braucht man wohl heute für einen großen Film. So endete der Film eher durchschnittlich, und das nach einem furiosen Start und einem spannenden Mittelteil mit toller Optik.

Lustige Übersetzungsprobleme gab es: Da man die Begriffe offenbar nicht wirklich übersetzen wollte, sprechen die Darsteller in der deutschen Synchronisation dann immer von »einem Ghost«, der sich dann wohl »in einer Shell« befindet. Ob man das nicht hätte besser lösen können?

Anschauen sollte man ihn, finde ich. Ein zweites Mal anschauen muss man ihn in diesem Jahrzehnt allerdings nicht mehr. Ein Klassiker wie »Blade Runner« dürfte dieses Remake eines Klassikers auf jeden Fall auch nicht werden.

18 April 2017

Ich lese im »Café Koz« in Frankfurt

Menschen, die es schaffen, ihre aktuellen Bücher so richtig gut zu »promoten«, bewundere ich mittlerweile immer mehr. Bei mir klappt das nicht so gut – aber immerhin habe ich am Mittwoch, 19. April 2017, eine weitere Lesung aus meiner aktuellen Kurzgeschichtensammlung »Für immer Punk?«. Diese beginnt um 20 Uhr, der Ort ist das »Café Koz« in Frankfurt.

Dabei handelt es sich um das Café des Studierendenhauses im Campus Bockenheim. Anders gesagt: Ich bin an einer Universität zugegen und bespaße dort hoffentlich nicht nur Studenten, sondern darüber hinaus hoffentlich Menschen, die sich für Punkrock und entsprechend damit zusammenhängende Literatur interessieren.

Ich werde vor allem Kurzgeschichten aus dem genannten Buch vorlesen; darüber hinaus plaudere ich sicher über das eine oder andere Thema. Und wenn's mich juckt, kann ich darüber hinaus sonst noch was vorlesen. Im Anschluss an die Lesung wird Krachmusik aufgelegt. Das passt zu den Veranstaltern – das Team nennt sich »Bier, Schnaps, Punkrock«, und das klingt sehr sympathisch.

17 April 2017

Der Ostermontag und seine Tradition

In den späten 60er- und frühen 70er-Jahren gehörte es zum »guten Ton« in meiner Familie, den Ostermontagsmarkt in Dornstetten zu besuchen. Die kleine Stadt lag nur einen ordentlichen Spaziergang von dem Dorf entfernt, in dem ich aufwuchs, und so bot es sich an, sich am Ostermontag auf den Weg zu machen. Häufig nahmen wir auch das Auto; schließlich war die kleine Stadt am Ostermontag völlig zugeparkt.

Am schönsten war der Spaziergang. Mein Vater erzählte mir dabei nicht nur einmal, dass man in der Zeit »vor dem Krieg« immer zum Markt nach Dornstetten gegangen war und nicht nach Freudenstadt, in die Kreisstadt – in beide Richtungen hatte man etwa gleich weit zu gehen. Und da Dornstetten die ältere der beiden Kleinstädte war, hielten sich die bäuerlichen Traditionen offenbar über Jahrhunderte hinweg.

Wir spazierten aus unserem Dorf hinaus, entlang des Friedhofs und des Hügels, an dem wir Kinder im Winter immer rodelten, dann die Hügel hinunter, durch das Tal der Glatt hindurch und auf der anderen Seite wieder hinauf. Wir durchquerten Streuobstwiesen und waren nach höchstens sechs Kilometern in den schmalen Straßen von Dornstetten.

Zwischen den Fachwerkhäusern am kleinen Marktplatz drängten sich die Leute; zwischen den Marktständen war kaum ein Durchkommen. Auch die schmalen Straßen außerhalb des Marktplatzes waren von Ständen gesäumt, zwischen denen sich die Leute drängten. Es gab Kleidung zu kaufen, dazu allerlei anderer Kram, der Duft von Gebratenem zog über die Stände hinweg.

Es herrschte ein unglaubliches Gehen und Stehen und Reden und Grüßen; meine Eltern kannten viele Leute und trafen ständig auf Bekannte, teils aus demselben Dorf, teils aus Kirchengemeinden anderer Dörfer. Und wenn wir nach einem erlebnisreichen Tag wieder nach Hause gingen, schwirrte mein Kopf noch stundenlang von all den neuen Eindrücken.

Manchmal vermisse ich den Besuch des Ostermontagsmarktes und all diese Bilder. Aber mir ist klar, dass es nie wieder so sein würde. Also lasse ich die Vergangenheit, wo sie ist und wo sie hingehört: in meinem Kopf und in meinen Erinnerungen.

15 April 2017

In Durbans indischem Viertel

Es nieselte an diesem Mittwoch, 29. September 1993. Aber weil es im Hostel auf die Dauer zu eng und zu stressig wurde, ließ ich mich durch die Straßen treiben, landete am frühen Nachmittag dann im indischen Viertel der Stadt.

Ich hatte zeitweise das Gefühl, der einzige Weiße auf der Straße zu sein. Auch Schwarze waren kaum zu sehen; die Straßen waren voll mit Menschen indischer Herkunft. In einem Land wie Südafrika, in dem 1993 noch die Apartheid herrschte, fiel mir das besonders auf.

Einige der Gebäude, die die Straße säumten, wirkten so, als stammten sie noch aus der Kolonialzeit; sie hätten ebensogut in einem asiatischen Land stehen können. Kulissen für einen Film, in dem englische Kolonialherren mit all ihrem Reichtum protzten, dachte ich, während ich durch die Straßen spazierte.

In vielen Geschäften wurde Literatur feilgeboten, die ich als »islamisch« identifizierte. Verschiedene Koran-Ausgaben lagen hinter Schaufenstern, Titelblätter in arabischer Schrift, aber auch religiöse Schriften in englischer Sprache. Moscheen standen in den Straßen, Schilder an einzelnen Gebäuden verrieten, dass hier islamische Schulen oder Einrichtungen untergebracht waren.

Ich war nie auf dem indischen Subkontinent, und ich kannte mich weder mit Indien noch mit dem Islam so richtig gut aus. Aber ich kapierte irgendwann, dass ich nicht in einem indischen Viertel unterwegs war, sondern in einem eher pakistanisch geprägten Viertel. Wobei das im Südafrika des Jahres 1993 völlig gleichgültig war.

Zumindest hörte ich nicht die Sirenen der Polizei, es wurden keine Schusswaffen auf offener Straße getragen, und man hörte keine Schusswechsel im Hintergrund. Das indische – oder meintwegen pakistanische – Viertel von Durban erwies sich als friedlich und angenehm ...

13 April 2017

Horror in Istanbul

Dass ich die »Dorian Hunter«-Hörspiele mag, erzählte ich in diesem Blog schon oft genug. Die Mannschaft von Zaubermond Audio schafft es schließlich seit Jahren, aus Heftromanen der 70er-Jahre packende Geschichten zu machen, die auch im Jahr 2017 und danach die Menschen fesseln können. Zuletzt hörte ich »Der tätowierte Tod«, eine der schwächeren Episoden.

Dabei spielt die Handlung in Istanbul, und dieser Schauplatz ist gut gewählt. Ich kenne die Stadt nicht, war nie in der türkischen Metropole, und im Hörspiel wurde sie für mich nicht richtig lebendig. Klar – es gibt gelungene Geräusche und effektvolle Namen, die Straßenszenen wirken sehr abwechslungsreich. Aber spätestens dann, wenn die Handlung in den Untergrund geht, könnte sie in jeder anderen Großstadt spielen.

Worum es eigentlich geht, ist sowieso schwer zusammenzufassen; es handelt sich bei diesem siebenundzwanzigsten Hörspiel der Serie um eine echte Zwischen-Episode. Wer sich nicht auskennt, wird kaum verstehen, welche Mission der Dämonenkiller Dorian Hunter in Istanbul verfolgt. Er wird auch nicht unbedingt kapieren, welche Intrigen in der Zentrale des Geheimdienstes in London ausgetragen werden.

Lässt man sich aber auf die Geschichte ein, ist sie spannend. Dorian muss sich in einer Stadt durchschlagen, die er nicht kennt. Er wird mit einem russischen Professor verwechselt und lässt sich mit jungen Frauen ein. Letztlich muss er aber mit einem Dämon kämpfen, wird von einem russischen Geheimdienstler »geführt« und ist einen Großteil der Handlung damit beschäftigt, die Informationen zusammenzutragen, die er braucht.

Welchen Sinn die Tätowierungen haben, die dem Hörspiel seinen Titel gegeben haben, wird im Verlauf der Geschichte immerhin gut erklärt. Dem Hörer geht es nicht anders als der Hauptfigur: Er muss die Hintergründe verstehen, dann wird alles einleuchtend – der Weg zur Erleuchtung ist allerdings nicht ganz einfach. Die Auflösung ist dann reichlich knallig, mit viel Action und schnellen Dialogen.

Langer Rede kurzer Sinn: »Der tätowierte Tod« ist gut gemachte Grusel-Unterhaltung mit viel zu wenig Lokalkolorit; für Fans der Serie unverzichtbar, für Neulinge sicher kein optimaler Hörgenuss.

12 April 2017

Der weiße Tänzer von Como

Wir waren nur wenige Schritte von der Piazza Cavour entfernt, da hörten wir es schon: Wummernd dröhnten die Bässe durch die Straße, schnell und hektisch, irgendeine Elektro-Musik, die für meine Begriffe eher nach »Deppen-Technol« klang. Die ohnehin stark bevölkerten Straßen in der Altstadt von Como schienen enger und voller zu werden, je näher wir dem Platz kamen.

An der Ecke erkannten wir, was tatsächlich geschah: Ein Mann tanzte.

Der Mann war durchaus beleibt, er war auffallend hellhäutig, und seine Haare waren mehr weiß als grau. Er hüpfte auf und ab, er bewegte sich zur Musik und schaffte es dabei, tatsächlich im Rhythmus des Beats zu springen und zu tanzen. Seine Kleidung fiel nicht sonderlich auf: eine beigefarbene Hose, ein gewöhnliches Hemd, ein Blouson in hellem Grau.

Bei der Musik hätte man eigentlich einen jugendlichen Techno-Fan oder einen HipHopper erwartet, die zu den schnellen Tönen irgendwelche coolen »Moves« gezaubert hätten, ein wenig Breakdance, ein wenig Kreisen auf dem Kopf, einen Salto nach vorne oder sonst etwas. Das machte der Mann nicht. Er sprang auf und ab, er schrieb ab und zu etwas in die Menge, die sich um ihn scharte, er hob die Fäuste und fuchtelte mit den Armen.

Ich war fassungslos, vor allem, als ich die Gesichter der Umstehenden erkannte. Sie grinsten, sie lachten, viele junge Leute filmten mit ihren Smartphones oder machten Fotos. »An dem Abend wird der Mann sicher noch zum Youtube-Star«, dachte ich. Aber es war zumeist ein höhnisches und spöttisches Lachen.

Immerhin ging ein Passant nach vorne und legte ein wenig Geld in den Hut, der vor dem Tänzer stand. Die meisten lachten, glotzten und gingen dann weiter. »Der macht sich hier öffentlich zum Affen«, überlegte ich und wusste nicht so recht, ob ich Mitleid mit dem Tänzer haben sollte oder ihn dafür bewundern, dass er »sein Ding« einfach so durchzog.

Ich sah ihn an diesem Tag noch einige Male. Wann immer ich an der Piazza vorbeikam, tanzte der weiße Tänzer. Und stets wurde er von Schaulustigen umlagert, die lachten, fotografierten und filmten. Ich entschloss mich, ihn cool zu finden. Ich selbst hätte mir das nie getraut ...

11 April 2017

Das OX und der gepflegte Pogo

Männer mit Bart zieren das Titelbild der aktuellen OX-Ausgabe – es ist schon die Nummer 131 –, aber da muss ich wohl durch. In dieser Ausgabe ist auch die aktuelle Folge meines Fortsetzungsromans »Der gute Geist des Rock'n'Roll« enthalten; dabei handelt es sich um die Folge sechs.

Worum es geht, lässt sich leicht zusammenzufassen: Ich beleuchte eine typische Büroarbeit, wie man sie vor zwanzig Jahren sehr häufig fand. Mein ich-erzählender Held sitzt in einem Büro und tippt handschriftliche Formulare mit einer Computer-Tastatur ab, damit man daraus Kleinanzeigen für eine Zeitung machen kann.

Aber dann winkt ihn sein Chef zu sich, und auf einmal hat die lahme Büroarbeit auch etwas mit Punkrock und einem besetzten Haus zu tun. Ich finde die Formulierung »gepflegt Pogo tanzen« immer noch witzig; ich kann mir die Szene – die frei erfunden ist – sehr gut vorstellen.

Langer Rede kurzer Sinn: Wer das OX abonniert hat, was ich eh empfehlen kann, oder es am Kiosk kauft, kann meinen Text ja lesen. Alle anderen müssen warten, bis der Roman in etwa fünf bis sieben Jahren fertig ist und als »richtiges Buch« erscheinen wird. Selbst schuld ...

07 April 2017

Mein blutendes Land im November

Seit Monaten erzähle ich allen, die nicht bei drei auf dem Baum sind, dass ich einen Fantasy-Roman geschrieben habe, der in diesem Jahr auch in den Buchhandel kommen wird. Mittlerweile ist es ja insofern offiziell, dass der Verlag auf seiner Internet-Seite den Titel bekannt gegeben hat – also kann ich Ross und Reiter nennen.

Ich bin einigermaßen stolz, dass mein Roman »Das blutende Land« im November 2017 bei Droemer-Knaur erscheinen wird. Den Roman wird es als Taschenbuch sowie als E-Book geben; so steht es in der Verlagsvorschau. Auf den Seiten der einschlägigen Händler ist er ebenfalls schon zu finden.

Weitere Informationen und Hintergründe werde ich stückweise bekanntgeben und ausplaudern. Hier und heute möchte ich nur den Slogan zitieren, den sich der Verlag ausgedacht hat: »Düster, grimmig, actionreich – Sword & Sorcery für Fans epischer Fantasy«. Und ja: Ich freue mich sehr auf den Tag, an dem ich das Buch in den Händen halten werde – auf dem Weg dahin sind noch einige Arbeiten zu erledigen ...

06 April 2017

CounterClock 27 ist cool

Das Fanzine »CounterClock« ist eine echte Besonderheit: Es erscheint digital – sprich, es ist ein PDF-Fanzine, daas man sich kostenlos auf der entsprechenden Seite herunterladen kann. Das führt dann bei Leuten wie mir dazu, dass es noch länger dauert, bis sie es lesen ... aber gut, da bin ich sicher die Ausnahme. Dieser Tage beendete ich endlich die Lektüre der Ausgabe 27, die schon im Januar erschienen ist.

»CounterClock« ist deshalb so besonders, weil der Herausgeber ein Schwede ist, der in Italien lebt, der in englischer Sprache schreibt und der in den frühesten 80er-Jahren ein sehr witziges Fanzine in deutscher Sprache herausgab. Wolf von Witting ist polyglott im wahrsten Sinne des Wortes, und ich mag seinen Blick auf die Science Fiction und die Fan-Szene sehr.

Das zeigt sich auch bei der aktuellen Ausgabe. Großartig ist der Bericht über den TwerpCon (daher auch das Titelbild), der im Jahr 1954 in Antwerpen stattfand. Oder eben nicht ... es handelt sich um ein Fake, und um den Gag komplett zu verstehen, muss man sich eigentlich mit der Science-Fiction-Szene der fünfziger und sechziger Jahre beschäftigt haben.

Da gab's Fanzines wie den »Enchanted Duplicator«, das ich immerhin als Kopie vorliegen habe und das sich – wie der Titel nahelegt – mit einem verzauberten Kopiergerät beschäftigt. Ich finde es großartig, dass Wolf von Witting solche alten Späße ausgräbt, finde es aber gleichzeitig schade, dass man die heutigen Lesern eigentlich kaum noch erklären kann.

Im »CounterClock« gibt es darüber hinaus Leserbriefe, Interviews und Con-Berichte; die bunte Welt der Science Fiction wird wunderbar beleuchtet. Ein rundum sympathisches Fanzine also, das es kostenlos gibt. Checkt die entsprechende Internet-Seite!

05 April 2017

Der kritische Redakteur guckt ernst

Ein Bild und seine Geschichte

»Dir sieht man am Gesicht stets an, was du denkst« – das bekomme ich immer wieder zu hören. Oder, auch gern gehört: »Jetzt machst du wieder so ein Gesichtsgulasch.« Fakt ist, dass ich meine Gesichtszüge tatsächlich nicht unter Kontrolle habe.

Das Bild ist von Mittwoch, 5. April 2017, aufgenommen wurde es wohl gegen 15 Uhr. Wir saßen seit neun Uhr im Besprechungsraum, unterbrochen nur durch kleinen Pausen und ein Mittagessen. Die Tagung verlief sehr positiv, wir lachten zwischendurch auch immer wieder – aber es war unterm Strich viel Stoff zu bewältigen.

Ich leitete die Sitzung; für etwas muss so ein »Chef«-Titel ja schließlich gut sein. Wenn ich selbst viel rede, hat das den Vorteil, dass ich nicht dazu komme, müde zu werden oder abzuschlaffen. (In Wolfenbüttel an der Bundesakademie ist das oft der einzige Grund, warum ich nach einem Seminartag noch »so fit« wirke.)

Aber natürlich war ich nach viel zu wenig Schlaf und viel zu viel Besprechung mit viel zu wenig Kaffee nicht mehr taufrisch. Wenn dann der Kollege ein Projekt vorstellt, brauche ich viel Konzentration, um die Zusammenhänge nicht zu verlieren und geistig auf der Höhe zu bleiben. Also guckte ich in dieser Situation ernsthaft und fast schon streng.

Ohne Schmarrn: Ich war auch bei diesem langen Tag wieder einmal froh, in einem Team wie diesem zu arbeiten.

04 April 2017

Statues On Fire, jetzt noch metallischer

Dass die brasilianische Band Statues On Fire aus der Asche einer Melodiepunk- und einer Metal-Band hervorgegangen ist, kann man bei ihren Platten echt hören. Die Stücke sind durchaus melodisch, aber für mich ist der Hardcore, den die Burschen spielen, zu sehr mit Metal versetzt. Als ich sie live sah, nervte mich das irgendwann fast schon.

Wohl auch aus diesem Grund lässt mich die aktuelle Platte so unentschieden zurück: »No Tomorrow« zeigt, dass die Band was drauf hat, lässt mich aber in weiten Teilen uninteressiert und gelangweilt sitzen. Melodisch ist die Platte schon, daran gibt es keinen Zweifel.

Aber es ist für meinen Geschmack zu viel Double-Bass-Gewitter drin, dazu kommen die Gitarrenläufe, die verdammt nach Metal und Hardrock klingen. Und wenn es ohnehin schon lang ist, das jeweilige Stück, ergänzt es die Band auch noch durch fieses Gitarrengefiedel.

Seien wir fair: Streng genommen ist die Musik, die Statues On Fire spielen, eben kein Hardcore und schon gar kein Punkrock. Das ist melodischer Hardcore – meinetwegen auch Metal –, in dem es leichte Hardcore-Einsprengsel gibt.

Wer gehässig sein möchte, kann der Band also »Rosstäuscherei« vorwerfen. Wer nett ist oder es – wie ich – sein möchte, sagt eben: Die können gut spielen, fiedeln mir aber zu sehr im Metal herum und langweilen irgendwann.

03 April 2017

Die 90er-Jahre auf musikalische Art

Einigermaßen spontan entschied ich mich am Sonntag, 2. April 2017, mal wieder auf den guten alten Ami-Punk zu setzen: Meine Radiosendung im örtlichen Querfunk, dem freien Radio in Karlsruhe, sollte sich mit den 90er-Jahren beschäftigen und aus dieser Zeit eine Reihe von Bands präsentieren, die Punk und Hartcore und artverwandte Klänge präsentierten.

Die Rriot Grrrls waren zu dieser Zeit ein neuer »Trend«; heute ist das ja ein Thema für Seminare an der Universität. Bands wie Tribe 8 verstörten mit ihren Auftritten vor allem das männliche Publikum; die Band spielte ich aber gern in meiner Radiosendung, ebenso wie Bikini Kill.

Klassischen Hardcore-Sound aus den 90er-Jahren lieferten dann ganz verlässlich Ignite oder Brickhouse – das geht immer. Einigermaßen vergessen ist ja aus gutem Grund, dass man in den frühen 90er-Jahren tatsächlich noch so etwas wie Metal-Punk hörte; ich spielte deshalb die Band Andy Andersen’s Tribe.

Emo servierte ich von den Get Up Kids, die damals sicher nicht ahnten, wie wegweisend sie werden würden. Den Ausgleich dazu brachte ich mit dem rotzigen Rüpel-Punk der Irokesenpunkband 10-96 aus Milwaukee. (Ich finde ja immer, dass man beides anhören kann: Rotzlöffel-Punk und Emo-Punk. Es hängt von der Stimmung ab.)

Dann noch ein bisschen MelodiePunk von Gas Huffer und schmissige Rausschmeißer-Musik von Avail – die 90er-Jahre waren ganz schön vielfältig, aus den USA kamen haufenweise gute Bands, und ich konnte eine gute Mixtur präsentieren. Das finde zumindest ich.

02 April 2017

Bauamtsgasse, samstagmittags

Heidelberg, Bauamtsgasse, Samstagmittag: In einer dieser Gassen, die von der Hauptstraße hinab zum Ufer des Neckar führen, war an diesem Samstag, 1. April, nicht ganz so viel los wie in den anderen Gassen und Straßen der Stadt.

Das sonnige Wetter trieb nicht nur die Einheimischen auf die Straße, sondern spülte auch Besucher von auswärts – wie unsereins – und zahlreiche Touristen nach Heidelberg. Händler und Gastronomen machten an diesem Tag sicher einen erhöhten Umsatz, die Stadt brodelte vor Leben.

Uns kam eine Gruppe von Menschen entgegen, offenbar eine Familie: vorneweg ein Mann mit angegrauten Haaren, Sonnenbrille und hellblauem Hemd, einen Schritt hinter ihm zwei Kinder, dahinter eine Frau, die sich mit einer anderen Frau unterhielt, noch mal dahinter ein älteres Ehepaar. Ich nahm sie eigentlich gar nicht richtig wahr; wie man das eben so macht, wenn man durch eine Stadt flaniert, die man seit Jahrzehnten kennt.

»Oh«, sagte der Mann mit angegrauten Haaren auf einmal zu mir und wies an mir vorüber auf den Straßenbelag. »Ist das Ihr Geldbeutel da?«

Noch während mir ein – durch Reisen antrainierter – Sicherheitsreflex sowie der panische Gedanke »ein Trickbetrüger?« durchs Hirn flutschte, wandte ich mich um, sah auf die gekennzeichnete Stelle, sah nichts, ruckte hoch, hatte schon das Gefühl, gleich von jemandem irgendwie angegriffen zu werden ... aber da war nichts.

»April! April!«, rief der Mann und lachte schallend über das ganze Gesicht. Die Kinder warfen sich weg vor Lachen, die Frauen dahinter grinsten.

Auch ich musste lachen. »Guter Scherz!«, rief ich und lachte beim Weitergehen hinter der Familie her. Ich lachte über meine kurzfristige Panik, und ich lachte über das Lachen der Kinder.

01 April 2017

Ein Magazin, das schockieren soll

Es ist kein schlechter Aprilscherz, sondern eine neue Zeitschrift, eine von der Sorte, auf die die Welt seit Jahrhunderten gewartet hat. Gemeint ist »Shockerz!«, das seit dieser Woche im Handel ist. Gekauft habe ich es noch nicht, aber ich finde die Werbung schon mal so, dass ich es eigentlich haben müsste.

Vielleicht nicht ich direkt, aber der vierzig Jahre jüngere Klaus würde es sicher lieben. Denn das Magazin sieht sich selbst als »Heft zum Ekeln, Shocken und Fürchten«. Es gibt einen gruseligen Comic, was den Horror-Fan in mir erfreuen dürfte, und es gibt haufenweise »Seiten voller Ekelhaftigkeiten«. Und dabei scheint das Magazin nicht einmal politisch zu sein; die meisten ekelhaften Dinge habe ich bisher im Umfeld von Politikern oder politischen Aktionen gelesen.

Für Jugendliche, die schon immer die Bonbons mit dem Geschmack von Ohrendreck mochten – oder wie immer das Zeugs in »Harry Potter« geschmeckt hat –, ist das sicher ebenso ein Magazin wie für Erwachsene, die sich an ihre Jugend und Kindheit zurück erinnern. Ob das Magazin jemand wirklich braucht, weiß ich nicht. Als Idee finde ich es witzig. Mein Querschnitt aus Phantastik und Punkrock gewissermaßen ...

31 März 2017

Golkonda geht zu Europa

Auch wenn ich mir durch meinen Beruf ein wenig mein Hobby verdorben habe, sehe ich mich immer noch als Science-Fiction-Fan. Vielleicht bin ich kein »Fandomler« mehr, seit Cons mehr zur Arbeit wurden und weniger dem Vergnügen dienten – aber ich liebe immer noch das Science-Fiction-Genre, auch und gerade außerhalb meiner eigenen Arbeit.

Deshalb mochte ich die Veränderungen, die das Genre in den vergangenen Jahren durchlebt hat. Verlage wie Fischer Tor oder Droemer-Knaur haben ihr Science-Fiction-Engagement neu gestartet – und das mit guten Titeln. Heyne und Lübbe machen mit ihren bisherigen Programmen weiter, CrossCult veröffentlicht anspruchsvolle Science Fiction, und bei den Kleinverlagen findet man immer wieder echte Perlen.

Einer meiner Lieblingsverlage in den vergangenen Jahren war sicher der Golkonda-Verlag. Nicht nur für seine Science Fiction mochte ich ihn, auch für Krimis, etwa von Joe R. Lansdale. Was Hannes Riffel und Karlheinz Schlögl zusammenstellten, mochte nicht unbedingt immer kommerziell erfolgreich sein, war aber inhaltlich stets außergewöhnlich.

Ich schaffte es leider nie, all das zu lesen, was dieser Verlag veröffentlichte und was ich lesen wollte. Aber das ist letztlich ein Luxusproblem.

Auf der Buchmesse in Leipzig sprach ich mit Karlheinz Schlögl und mit Hannes Riffel; beide schilderten mir die Umstände des Verkaufs. Richtig!, der Golkonda-Verlag wird künftig seine verlegerische Heimat unter dem Dach des Europa-Verlages finden. Das ist nicht schlecht, der Vertrieb wird dafür sorgen, dass die Romane besser platziert sind.

Mit Michael Görden steht zudem ein Verlagsleiter bereit, der sich seit bald vierzig Jahren im Science-Fiction-Genre tummelt und ein ausgewiesener Fachmann ist. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht – um die Science Fiction ist mir derzeit nicht bange ...

30 März 2017

Die »Comixene« serviert das »MAD«

Ausgerechnet Alfred E. Neumann blickt mich mit seiner bekannt-debilen Fresse vom Titelbild der aktuellen »Comixene«-Ausgabe entgegen. Die Nummer 122 des seit den allerspätesten 70er-Jahren – und mit vielen Pausen dazwischen – erscheinenden Comic-Fachmagazins hat die Zeitschrift »MAD« als Titelthema.

Schon klar, das olle »MAD« wird fünfzig Jahre alt, zumindest die deutschsprachige Ausgabe. Aber die großen Zeiten sind einfach vorüber, da kann auch die Neuauflage nichts daran ändern. In den 70er-Jahren wurden »MAD«-Hefte auf dem Schulhof gelesen und auch getauscht, heute ist das sicher nicht mehr so. Macht aber nichts – auf das Jubiläum wird zurückgeblickt, mit Artikeln, Interviews und Zeichnungen.

Die »Comixene« blickt aber nicht nur in die Vergangenheit. Das sieht man bei den umfangreichen Rezensionen, die nicht vor Genregrenzen halt machen. Mangas werden ebenso vorgestellt wie Reprints klassischer Comics; dazu kommen moderne Graphic Novels und total abgefahrenes Zeugs.

Spannend fand ich das Thema Satire und Zensur in der Türkei, amüsant fand ich den Besuch in der »Sammlerecke« in Esslingen, lesenswert den Rückblick auf die Science-Fiction-Serie »Luc Orient«, die ebenfalls fünfzig Jahre alt geworden ist. Eine richtig tolle Mischung wird hier serviert, klasse!

Das Heft umfasst sage und schreibe hundert Seiten, allesamt in professioneller Magazin-Qualität und in Farbe. Der Preis scheint dafür angemessen, und wer mehr wissen will, möge sich die Internet-Seite anschauen. Wer sich für Comics interessiert, sollte zumindest mal einen Blick wagen oder gleich ein Abonnement erwägen.

29 März 2017

Sechs Nazis und ein Fahrzeug

Den Dienstag verbrachte ich damit, auf dem Balkon zu sitzen und Manuskripte zu lesen oder am Computer zu sitzen und Texte zu schreiben; sieht man davon ab, dass ich frei hatte, war es ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Gegen halb sieben wollte ich mich endlich mehr bewegen, entschloss mich, mal wieder ins Training zu gehen, packte meinen Kram, setzte mich aufs Rad und fuhr los.

Kaum war ich einige hundert Meter gefahren, hörte ich das Gebrüll, verstärkt durch einen Lautsprecher. Ich sah die Polizei, und da fiel es mir wieder ein: Die örtlichen Nazis wollten in dieser Woche schließlich jeden Tag eine Kundgebung oder Aktion machen, ausgerechnet beim Ordnungsamt. Weil ich neugierig war, fuhr ich einen Umweg.

Vor dem Ordnungsamt standen sechs Nazis und ein Fahrzeug; Fahnen wehten, und ein Mann brüllte in ein Mikrofon. Seine Stimme wurde verzerrt wiedergegeben, man verstand kaum etwas. Der Redner kritisierte die deutsche Politik und schaffte es, den Demo-Spruch der 80er-Jahre »Deutschland verrecke« mit Martin Schulz, Angela Merkel und den Grünen in einen Sinnzusammenhang zu bringen.

Entspannt saßen einige Dutzend Antifa-Leute entweder in der Sonne oder im Schatten, teilweise hatten sie Campingstühle mitgebracht. Ab und zu wurde gebuht, gelegentlich gab es Sprechchöre, meist herrschte eine lockere Stimmung.

Auch die Polizei war diesmal nicht auf Stress aus, sondern stand gemütlich herum. An der Straßenbahnhaltestelle warteten Leute, schauten sich verwundert die Szenerie an. Ab und zu rollte ein Auto vorbei, die Leute schauten ebenso verwundert.

Viel los war also nicht. Ich beschloss nach einigen Minuten, die Nazis bei ihrem seltsamen Hobby nicht zu unterstützen, und fuhr weiter. Das Training war mir wichtiger.

Als ich nach einer Stunde auf dem Heimweg war, dunkelte es bereits. Die Nazis standen immer noch an der gleichen Stelle, aber sie schwangen keine Reden mehr; peinlich genug wirkte ihr Aufzug dennoch. Die Polizei gähnte vor Langeweile, die Reihen der Antifa hatten sich auch schon gelichtet.

Karlsruhe im März 2017: die Stadt, in der eine Handvoll Nazis glaubt, unterdrückt zu werden, und meint, dagegen demonstrieren zu müssen. Seltsame Zeiten ...

28 März 2017

Noch mal ran ans eigene Werk

Weil ich unbedingt meinen »Resturlaub« abbummeln muss, schickt mich die Firma die vier Tage im März, die noch übrig sind, in einen Zwangsurlaub. Das ist nicht weiter schlimm, weil ich ohnehin an meinem eigenen Manuskript arbeiten muss. Schließlich schrieb ich im vergangenen Jahr an einem Fantasy-Manuskript, das ich noch einmal durchgehen möchte.

Das Cover sieht toll aus, ich mag es nach wie vor. Kurz vor der Buchmesse sah ich die Vorschauseiten, die mir freundlicherweise per Mail zur Verfügung gestellt wurden. Auf der Buchmesse sahen einige Menschen diese Vorschauseiten ebenfalls bereits – sie sehen sehr gut aus und machen die Buchhändlerinnen/Buchhändler hoffentlich neugierig. Im November wird mein Werk dann erscheinen, es ist durchaus preisgünstig geplant.

Das Problem: Ich habe ein wenig zu viel geschrieben, es wurden letztlich über eine Million Zeichen. Die Lösung: Ich ließ das Manuskript drei Monate lang liegen, eigentlich sogar vier Monate, in denen ich keinen Blick hineinwarf. Es ist jetzt wie ein fremdes Manuskript für mich, also kann ich entsprechend selbstkritisch herangehen. Das erlaubt mir, auch an den Stellen zu kürzen, die nicht beanstandet wurden.

Ja, es gab die eine oder andere inhaltliche Kritik der Programmleiterin. Die versuche ich auszubügeln, damit das Manuskript bald auch ans eigentliche Lektorat gehen kann. (Die Zeitpläne in einem Buchverlag wirken für jemanden wie mich, der in der Mühle einer Heftromanserie steckt, manchmal überraschend gedehnt.) Ich bin also beschäftigt – und hoffe, dass mir mein eigenes Manuskript selbst gefällt ...

27 März 2017

Die Triller-Frage

Eine Frau steht am Informationspult an unserem Messestand. Sie guckt sich die Auslagen, mustert mich dann misstrauisch. »Sind das Triller?«, fragt sie und nickt zu unseren Büchern hinüber. Sie sagt wirklich »Triller«, nicht »Thriller«.

Kurz überlege ich, ob ich sie verbessern soll, denke dann aber, dass das unhöflich sein würde. »Nein«, sage ich ruhig, »das ist Science Fiction.«

»Aha.« Sie mustert mich wieder. »Das ist dann wohl was anderes.«

Ich nicke. »Ja, das ist es wohl.«

Ohne ein Wort des Abschieds dreht sie sich zur Seite und verschwindet im Gewühl der Halle 2. Die Leipziger Buchmesse ist manchmal schon seltsam.

25 März 2017

Zu wenig Zeit in Leipzig

Der Standardspruch am Freitag war: »Ich gehe dann gleich mal um die Ecke, damit ich bloggen kann.« Bei dieser Buchnmesse in Leipzig war einiges anders. Entweder bin ich auf einen Schlag stärker begehrt als früher, oder es waren einfach mehr Leute da – am Freitag war ich ununterbrochen in Gesprächen, redete und tratschte und eilte durch die Gegend.

Abends ging es weiter. Wir aßen gemeinsam, wir diskutierten über aktuelle Romane und Exposés, wir tranken Weißwein. Und dann meinte Kai, wir könnten an der Bar »ja noch einen Absacker« nehmen. Das hielt ich für eine gute Idee.

Eineinhalb Stunden später standen wir immer noch an der Bar, und nach dem japanischen Whisky in unterschiedlichsten Geschmackrichtungen und verschiedenen Jahrgängen hatte ich zwar das Gefühl, einiges an Hochprozentigem getrunken zu haben, aber ich war nicht mehr in der Lage, auch nur eine einzige Zeile zu schreiben. So hart kann es bei einer Buchmesse in Leipzig sein.

Ich hoffe, das ist eine ausreichende Ausrede dafür, dass ich am Freitag, 24. März 2017, nicht bloggen konnte. Schauen wir, was in den verbleibenden Messetagen machbar ist ...

23 März 2017

Jugend-Fantasy aus den frühen 80er-Jahren

Warum ich in den 80er-Jahren irgendwann auf die Autorin Diana Wynne Jones aufmerksam wurde, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich schrieb ich einen Artikel über ihre phantastischen Jugendbücher. Die allerdings vergaß ich im Verlauf der vergangenen dreißig Jahre gründlich. So war es wie eine Neu-Lektüre, als ich mir dieser Tage »Das Geheimnis des siebten Zauberers« vorknöpfte.

Der Roman wurde von der Autorin im Jahr 1984 verfasst und wurde 1986 vom Dressler-Verlag in deutscher Sprache veröffentlicht. Die Geschichte spielt zwar im »Hier und Jetzt« der 80er-Jahre, wirkte aber schon damals ein wenig unmodern: Eine Schreibmaschine spielt eine zentrale Rolle, ebenso ein Schriftsteller, der im Auftrag eines unbekannten Mannes regelmäßig Texte zu liefern hat.

Wie die Texte mit der Familie des Schriftstellers – vor allem seinen widerspenstigen Kindern – zusammenhängen und welche Bedeutung die geheimnisvollen Zauberer haben, die offenbar im Geheimen die Stadt regieren, das löst sich im Verlauf des Buches auf. Auf dem Weg dahin müssen allerdings viele Gefahren überwunden werden.

Vor allem Howard, der jugendliche Sohn des Schriftstellers, findet nacheinander die Geheimnisse der Zauberer heraus, reist dabei in die Vergangenheit und in die Zukunft, stolpert in Fallen und trifft neue Freunde. Dabei ist die Geschichte abwechslungsreich und spannend, streckenweise voller Situationskomik und voller phantastischer Elemente.

Heute würde man so ein Buch unter »Urban Fantasy« veröffentlichen, im Buchhandel stünde es unter »All Age« oder sonstwie einem Label. In der Mitte der 80er-Jahre wusste man mit so einem Buch nicht sonderlich viel anzufangen: Der Verlag vermarktete es praktisch gar nicht unter einem Label, sondern brachte es schlichtweg als Jugendroman in den Handel. Das Marketingwort Fantasy findet sich weder auf dem Titelbild noch auf dem Rückentext ...

Seien wir ehrlich: Der Roman macht durchaus Spaß, aber er hat haufenweise Schwächen. Die Handlungsführung ist manchmal haarsträubend, die Dialoge wechseln in seltsamer Art und Weise. Man merkt, dass sich in punkto Fantasy für Kinder und Jugendliche seit den frühen 80er-Jahren sehr viel getan hat. Spätestens seit dem Erfolg der »Harry Potter«-Serie ist das Niveau deutlich gestiegen.

Heutzutage wirkt »Das Geheimnis des siebten Zauberers« ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Die Geschichte ist nach wie vor gut, aber die Erzählweise wirkt erschreckend antiquiert. Eigentlich schade.

22 März 2017

Das erste Chrysalis-Info

Ich blättere immer wieder gern in den alten Fanzines, die ich zu Tausenden im Haus meiner Eltern lagere. Dieser Tage fiel mir das »Chrysalis-Info 1/1984« in die Hände, ein schon recht verbleichtes Umdruck-Fanzine. Es umfasste sechs Seiten, hatte eine Auflage von rund hundert Exemplaren und wurde von Steffen Meyer in Stuttgart verbreitet.

Er wollte damals die Mitarbeiter informieren, die an seinem Fanzine »Chrysalis« mitwirkten – ich war wohl einer davon, und ich erinnere mich, dass Jens Balzer zur Redaktionsmannschaft gehörte. Ziel war die Vernetzung in einer Zeit, in der man an Dinge wie Facebook nicht einmal in den schlimmsten Träumen dachte.

Darüber hinaus wurde über andere Fans gelästert oder berichtet; der heute bekannte Schriftsteller Dirk van den Boom mit seinen Fanzines wurde ebenfalls erwähnt wie die heutigen Verleger Carsten Scheibe (er macht eine Lokalzeitung) und Michael Haitel (er veröffentlicht im Verlag p.machinery haufenweise deutschsprachige Science Fiction). Allein für das Durchschauen der Namen und Hinweise hat es sich schon gelohnt, das Fanzine aus der Kiste zu fischen.

Ich werde ebenfalls erwähnt, in einem Zusammenhang, an den ich mich nicht mehr entsinne. Der Herausgeber des »Chrysalis-Info 1/1984« spricht von einem »Club oder etwas Adäquates auch für Zineherausgeber« und verweist auf »teilweise recht präzise Pläne«, die ich wohl hatte. Ich erinnere mich nicht mehr an die Details, weiß aber, dass wir viele der angesprochenen Fragen immer wieder diskutierten.

»Was könnte man ganz generell machen, um die Situation der Zineherausgeber zu verbessern?«, schrieb Steffen Meyer in seinem Fanzine. Er hoffte auf »rege Resonanz«. Ob und wie diese eintraf? Das habe ich natürlich auch vergessen. Vielleicht war das hier die gedankliche Geburtsstunde für das, was zehn Jahre später zur PERRY RHODAN-FanZentrale wurde.

Ich sehe schon, ich muss noch mal tiefer in die Kisten tauchen, um solche Fragen zu beantworten. (Nicht, dass es wichtig wäre. Mir macht so was Spaß. Lasst einem alternden Science-Fiction-Fan doch den Rest seines Hobbys ...)

21 März 2017

Mein erster Blurb wurde gedruckt

Die Definition von »Blurb« ist nicht ganz eindeutig. Häufig wird damit ein kompletter Klappentext gemeint; für mich ist ein »Blurb« aber die lobende Aussage eines Kollegen, die auf dem Rücken eines Buches veröffentlicht wird. Ich hoffe, ich habe das jetzt verständlich formuliert. Wenn nicht, bietet ja jeder Computer so tolle Suchfunktionen an ...

Dieser Tage erschien auf jeden Fall ein Roman, auf dem sich mein erster »Blurb« befindet: ein Zitat von mir auf der Rückseite des Buches. Gemeint ist »Feuer der Leere« von Robert Corvus; gestern traf  das Belegexemplar des Verlages bei mir ein. Gelesen habe ich den Roman bislang nicht – das werde ich noch tun.

Was formulierte ich über das Buch? »Robert Corvus schreibt so bildgewaltig, dass man sich unweigerlich fragt, von welchen Welten der Mann kommt – das ist phantastisch im wahrsten Sinne!« Das ist werbend, aber meiner Ansicht nach nicht überzogen; vor allem sage ich damit nichts Falsches über den Roman.

Robert Corvus kenne ich schon lang; es sind mehr als dreißig Jahre. In der vergangenen Zeit haben wir einige Male zusammengearbeitet, ich habe einige seiner Romane gelesen und einige andere veröffentlicht.

Dabei stellte ich fest, dass der Mann echt gut schreiben kann: Er hat viel Phantasie, er schreibt diszipliniert, seine Figuren wirken auf mich stimmig. Deshalb fiel es mir leicht, den »Blurb« über sein Buch zu schreiben. Lesen möchte ich es jetzt auch noch ...

20 März 2017

Ruby Soho knallt immer noch

Mitte der 90er-Jahre war Rancid eine der amerikanischen Bands, die ich buchstäblich tagaus, tagein hörte. Es gab genügend Leute in meinem Umfeld, die den Punkrock von Rancid als »zu kommerziell« geißelten, die nichts mit ihrer Mixtur aus Ska und Punk und geschäftlichem Erfolg anfangen konnten – aber ich hörte die Band gern und oft.

Weil es eine Zeit lang irgendwie modern war, auch CDs zu veröffentlichen, auf denen sich nur wenige Stücke befanden – das Äquivalent zur Seven-Inch –, erhielt ich irgendwann die Platte »Ruby Soho«. Die kam 1996 bei Epitaph heraus, darauf enthalten waren drei Stücke. Und seit einigen Tagen läuft die bei mir im CD-Player meines Autos praktisch ununterbrochen.

Es handelt sich um Stücke, die auch auf der Platte »And Out Come The Wolves« enthalten sind; bei dieser CD handelt es sich also echt um eine Verschwendung von Kunststoff. Trotzdem bilden die drei Stücke eine echte Essenz der sowieso gelungenen Langspielplatte.

»Ruby Soho«, das Titelstück, ist eine großartige Skapunk-Hymne, mit schmissiger Melodie und schönen Effekten, die man nach dem ersten Hören schon im Ohr hat; streng genommen ist das Popmusik, die einfach immer wieder sehr gut funktioniert. »That's Entertainment« hingegen ist ein Punkrock-Gewitter reinsten Wassers: schnell und energiegeladen und mit 90 Sekunden keinen Augenblick zu lang.

Beeindruckend finde ich allerdings »Disorder and Disarray«: Der Punkrock wird geschmettert, dass es eine wahre Pracht ist, die Chöre sitzen, und dazwischen plunkert die Band einige Dub-Rhythmen. Das Stück kann ich auch fünfmal hintereinander hören, ohne dass es mir langweilig wird.

Die Platte »Ruby Soho« enthält nur drei Stücke, und sie ist über zwanzig Jahre alt. Aber so schnell wird sie mein Auto und die Nähe des CD-Players echt nicht verlassen ...

19 März 2017

Aktuelles Nachdenken über Projekte

Eine knappe Überschrift für diesen Text könnte »What's next?« lauten, aber ganz so anglizistisch bin ich dann doch nicht unterwegs ... In diesen Tagen beschäftige ich mich oft mit dem Thema, was ich denn als nächstes Thema in Angriff nehmen könnte. Nicht, dass ich mich langweilen würde – aber neben all den Romanen von Autoren, mit denen ich mich beruflich herumschlage, möchte ich dann doch ab und zu an eigenen Texten arbeiten. (Immerhin wollte ich immer Autor werden, das mit dem Redakteur war eher ein Betriebsunfall.)

Schon klar: Zwei Projekte beschäftigen mich dauerhaft. Das eine ist der Fortsetzungsroman »Der gute Geist des Rock'n'Roll«, der im OX-Fanzine erscheint, das andere ist das Geheimprojekt, an dem ich mit einem Freund aus Karlsruhe arbeite. Aber nach meinem Fantasy-Roman, der im Herbst 2017 erscheinen soll, würde ich gern das nächste Projekt vorantreiben.

Es gibt ein Thema, das mich gedanklich intensiv beschäftigt und den Arbeitstitel »Friedrich« trägt – aber ich weiß derzeit nicht, ob das irgendein Verlag irgendwann mal veröffentlichen möchte. Ein anderes Thema ist eine mehr oder weniger klassische Science-Fiction-Idee; in einem solchen Fall müsste ich entweder unter Pseudonym arbeiten oder in meiner Firma eine offizielle Erlaubnis für das Schreiben einholen.

Wahrscheinlich wäre es eh am Schlauesten, etwas zu verfassen, dass sich garantiert verkauft. Eine aktuellen Ratgeber für Sinnsuchende etwa (»Leichter denken ohne Nationalismen«), ein Sachbuch über Musik (»Wie ich lerne, Helene Fischer zu lieben«) oder etwas Stumpf-Politisches (»Warum es gut wäre, wenn die Deutschen in etwa 500 bis 1000 Jahren aussterben würden«). Dann käme ich endlich in die Bestsellerlisten.

18 März 2017

Radfahrer sind manchmal wie Selbstmörder

Ich fahre mit dem Rad durch die Innenstadt, vorsichtig und nicht zu schnell rolle ich auf die Kreuzung zu. Gerade rechtzeitig kann ich anhalten: Ein Auto nimmt mir mit zu hoher Geschwindigkeit die Vorfahrt, der Fahrer achtet nicht einmal auf mich.

Keine zweihundert Meter weiter, in einer Kurve direkt an einer Kreuzung, werde ich von einem Autofahrer geschnitten. Ich packe meine Bremsen, halte noch rechtzeitig an; der Radfahrer hinter mir rammt mich fast. Er beschimpft mich als »Idiot«.

So geht es täglich. Als Radfahrer wird man von manchen Autofahrern als Freiwild betrachtet. Mir ist bewusst, dass es haufenweise Radfahrer gibt, die wie die Irren durch die Innenstadt rasen.

Aber normalerweise geht ein Zusammenstoß zwischen einem Rad- und einem Autofahrer immer zuungunsten des Radfahrers aus. Und es gibt Tage, da hasse ich Autofahrer: dafür, dass sie gedankenlos durch die Straßen eiern.

17 März 2017

Entwicklungen bei den E-Book-Preisen

Manchmal glaube ich, dass es bei den E-Books mehr »Experten« gibt als Kunden; welche Menschen da gelegentlich als Experten präsentiert werden, ist zumindest überraschend. Immerhin gibt es aktuelle Zahlen, an denen man sich orientieren kann – die entsprechenden Schlüsse muss dann jeder ziehen.

(Um es vorwegzunehmen: Solche Zahlen sind meist nicht wirklich exakt. Ich verdiene mein Geld ja indirekt auch mit E-Books – also nicht privat, sondern in der Firma –, und da haben wir teilweise völlig andere Zahlen.)

Glaubt man den Zahlen, die Readbox – ein sehr gut funktionierender E-Book-Dienstleister – präsentiert, ist der Marktanteil von Amazon weiter angewachsen und liegt jetzt bei 55 Prozent. Die Tolino-Plattform kommt auf 23 Prozent; insgesamt machen die beiden Plattformen mehr als drei Viertel des Gesamtmarktes aus. (Die Zahlen habe ich einem Artikel im »buchreport.express« entnommen.)

Auf der anderen Seite werden die Preisstrategien bei E-Books immer stärker diskutiert. Glaubt man dem »Global E-Book-Report«, der am 25. April 2017 fürs Jahr 2017 präsentiert werden soll, zu dem es aber schon erste Informationen gibt, so liegt der mittlere Preis eines »Kindle-Bestsellers« in Deutschland und den anderen großen europäischen Ländern bei 2,99 Euro.

Die Firma Bookwire, mit der »wir« zusammenarbeiten, gab darüber hinaus bekannt, dass im Jahr 2016 rund 57 Prozent aller verkauften E-Books im Preis unter fünf Euro lagen. Noch im Vorjahr lag dieser Anteil bei 53 Prozent. E-Books mit Preisen zwischen fünf und zehn Euro seien rückläufig, was den Umsatz und den Absatz angeht.

Was aus diesen Zahlen zu schließen ist, werden viele kluge Köpfe – Experten gibt ja schließlich einige hundert – in den nächsten Monaten sicher in beeindruckender Weise interpretieren. Ein Schluss, den ich ziehen kann, liegt auf der Hand: Alle Erfahrungen, die unsereins in früheren Jahren mit dem Buchhandel erlangen konnte, können im Digitalgeschäft eben nicht eins zu eins übertragen werden.

Wenn der größte Teil des gesamten »Marktes« von zwei Plattformen beherrscht wird, ist das nicht mit der doch recht demokratischen und kleinteiligen Struktur früherer Jahrzehnte vergleichbar. Wenn es für Preise nur noch gewisse Korridore gibt, schränkt das Experimente von Autoren und Verlagen – wenn es nicht gerade eifrige Kulturzuschüsse gibt – stark ein.

Vielleicht muss stärker über solche Themen diskutiert werden. Überlege ich ... Aber ich bin ja auch kein Experte.

16 März 2017

Allerlei Comics empfohlen

Bekanntlich lese ich nicht nur haufenweise Romane und Comics; ich schreibe auch noch drüber. Die Rezensionen erscheinen meist auf der Website einer gewissen Raketenheftchenserie – wir teilen sie dann auch noch via Facebook, Google+ und Twitter. Hier und heute möchte ich auf einige Comic-Rezensionen der vergangenen Monate zurückblicken.

Im Dezember besprach ich den wunderbaren Funny-Comic »Auf den Spuren des Weißen Gorillas«. Dabei handelt es sich um den Teil 14 der klassischen Serie »Benni Bärenstark«, die damit eine gelungene Fortsetzung in die heutige Zeit erfährt. Ganz nebenbei ist es sogar ein »phantastischer« Comic.

Als »Fantasy-Comic mit epischem Charakter« empfahl ich den dritten Teil der Serie »Wollodrin«. Dieser Band trägt den Titel »Der Schläfer«; dabei handelt es sich um richtig klassische Fantasy mit Fabelwesen, Schwert und Magie.

»Ein Western-Kracher in schöner ›Integral‹-Ausgabe« ist die nächste Rezension übertitelt. Richtig – im Splitter-Verlag kommt jetzt die Western-Serie »Durango« auch in einer coolen Gesamtausgabe heraus, und ich habe den ersten Band abgefeiert.

Die Science-Fiction-Serie »Nebular« habe ich selbst nie gelesen; ich bewundere aber seit Jahren, wie engagiert der Autor und Verleger Thomas Rabenstein seine eigene Serie aufbaut. Es gibt jetzt auch einen Comic dazu, den ich unter dem schlichten Titel »Ein Science-Fiction-Comic aus deutschen Landen« vorgestellt habe.

Der Panini-Verlag ist in jüngster Zeit in das Geschäft mit großformatigen Comic-Alben eingestiegen; ich besprach »Russen auf dem Mond«. Der Titel »Wenn die Mondlandung anders verlaufen wäre ...« weist auf den Charakter einer Alternativweltengeschichte hin.

Zuletzt noch mal Science Fiction mit einer Prise Erotik. Meine Rezension unter dem Titel »Der zweite ›Moréa‹-Zyklus mit neuem Kreativ-Team« sagt ja schon in der Überschrift, um was es eigentlich geht – auch gut.

15 März 2017

Die Sozen und die hart arbeitenden Menschen

Für welche Inhalte Martin Schulz nun wirklich steht, weiß bislang kein Mensch. Trotzdem hält die Begeisterung über den Heilsbringer aus der westdeutschen Provinz an; die SPD ist echt auf einem Höhenflug. Darüber kann man lästern – ich finde es grundsätzlich gut, dass ein wenig Bewegung in den lahmen Vorwahlkampf gekommen ist und sich die Parteien vielleicht auch über Inhalte streiten.

Wobei ich immer stutze, wenn ich die Standardformulierung des Kandidaten höre. Er lobt die »hart arbeitenden Menschen« und möchte für sie da sein. Wen er damit meint, sagt er leider nicht aus – das macht mich ja glatt ein wenig ratlos.

Wer hart arbeitet und wer nicht, das entscheidet man schließlich nicht selbst. Aus der Sicht eines Bergarbeiters oder eines Landwirts arbeitet jemand wie ich definitiv nicht hart, sondern hat einen gemütlichen Job in einem beheizten Büro. Aus meiner Sicht arbeite ich viel. Aber hart?

Arbeiten Fußballspieler hart, oder haben sie nur ihr Hobby zum Beruf gemacht? Arbeiten Friseurinnen hart, oder sind sie weniger hart arbeitend als Börsenmakler? Nach welchen Kriterien bemisst sich das denn? Nach der Zahl der Arbeitsstunden, nach der Zahl der Burn-Outs, nach der Höhe des Gehalts?

Es bleiben schon ziemlich viel Fragen offen – und das zu einem Zeitpunkt, an dem unsereins noch nicht einmal andeutungsweise weiß, für welche Inhalte der Kandidat steht. Aber vielleicht ist das nicht einmal wichtig, und es wird schlichtweg zwischen Schulz-Bart und Merkel-Raute entschieden.

14 März 2017

Fantasy-Klassiker aus den 30er-Jahren

Ab und zu sollte man sich Klassiker der Fantasy-Literatur genauer anschauen, um herauszufinden, wie das Genre eigentlich entstanden ist. Also griff ich mir »Das Mitternachtsvolk« des englischen Schriftstellers John Masefield (1878 bis 1963) und stellte fest, dass es wunderbar altmodisch ist und tatsächlich großen Spaß macht. In deutscher Sprache ist das Buch bei Klett-Cotta erschienen und antiquarisch noch gut erhältlich.

Hauptperson der Geschichte ist ein Junge, etwa acht Jahre alt. Kay Harker lebt in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Waise; seine Familie ist wohlhabend, also hat er Diener und vor allem eine Gouvernante. Die Gouvernante ist streng, sie unterrichtet ihn nicht nur, sondern versucht ihm auch Anstand, Moral und gute Sitten beizubringen.

Der Junge träumt dummerweise viel zu oft von Abenteuern und davon, die Welt zu bereisen. Das wird weder von seinem Vormund noch von der Gouvernante gern gesehen. Doch in einer Nacht steht auf einmal Nibsel vor seinem Bett. Die Katze des Hauses erweist sich als sprachbegabt und führt Kay – im Schlafanzug! – durch einen Geheimgang ins Freie.

Dort trifft Kay auf allerlei sprechende Tiere und stellt fest, dass es sogar Hexen gibt. Ganz in der Nähe seines Wohnhauses kann Kay das Mitternachtsvolk beobachten, das sich dort versammelt. Später reitet er auf einem Besen und gerät in Konflikt mit sieben Hexenschwestern. Und irgendwann wird klar, dass es die ganze Zeit um einen uralten Schatz geht, der angeblich mit Kays Vorfahren verbunden ist.

So entwickelt sich die Geschichte; ständig präsentiert der Autor neue phantastische Ideen. Bilder an der Wand verwandeln sich in dreidimensionale Gebilde, durch die man die Vergangenheit beobachten kann. Die Revolutionen in Südamerika zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden auf einmal wichtig für die Gegenwart eines Jungen. Und die Suche nach einem Schatz wird auch zur Suche nach der Realität ...

Es fällt schwer, die Handlung zusammenzufassen – es passiert recht viel, und die Geschichte pendelt zwischen der Realität im alten Herrenhaus, der Phantasiewelt und irgendwelchen Träumen. Ritter der Tafelrunde tauchen auf, Piraten spielen eine Rolle, sprechende Tiere sind völlig normal. Seltsame Technologien wie Siebenmeilenstiefel werden eingesetzt, uralte Tagebücher müssen gelesen werden – in solchen Szenen wirkt der Roman dann wie ein ganz gewöhnliches Jugendbuch.

Als der Autor sein Buch im Jahr 1927 verfasste, war Masefield schon ein bekannter Schriftsteller. Mit Gedichten oder Büchern über den Ersten Weltkrieg hatte er sich einen Namen gemacht. Die Welt zwischen den Kriegen war voller Spannungen – »Das Mitternachtsvolk« wirkt in diesem Zusammenhang wie der Versuch, der wirklichen Welt zu entfliehen.

Der Autor selbst hatte ein abenteuerliches Leben hinter sich, als er zu schreiben begann. Jahrelang reiste er an Bord von Schiffen über die Weltmeere und besuchte verschiedene Länder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann er mit seiner schriftstellerischen Arbeit.

Mit »Das Mitternachtsvolk« schuf der Autor ein phantasievolles Werk, das seinesgleichen sucht. In der Zeit, in der es verfasst wurde, war Phantastik – oder Fantasy – noch so jung, dass man sich keine Mühe gab, den Roman in Genre-Grenzen zu stecken. Er steht für sich, ist voller Abenteuer und phantastischer Ideen.

Ganz ernsthaft: Für Jugendliche dürfte der Phantastik-Klassiker auch heute noch ein Erlebnis sein. Und Erwachsene werden sich bei der Lektüre sicher nicht langweilen. Ich fand den Roman toll, aller Antiquiertheit etwa bei der Darstellung von Frauen zum Trotz.