18 August 2017

Der Höhepunkt der »Valerian«-Saga

Ich gehöre zu den Science-Fiction-Fans, die sich auf die Kinoversion von »Valerian« gefreut haben – und bislang habe ich den Film verpasst ... Aber weil ich das Original in Comic-Form so mag, holte ich mir kürzlich den vierten Teil der Gesamtausgabe von »Valerian und Veronique«.

Ich bin ziemlich begeistert – und das, obwohl ich die Original-Alben im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte mehrfach gelesen habe. Die Alben, die in diesem vierten Band enthalten sind, dürften der Höhepunkt der Serie sein: nicht sofort-sogleich verständlich, aber künstlerisch wie erzählerisch auf einem sehr hohen Niveau.

Als der Zeichner Jean-Claude Mézières und der Autor Pierre Christin ihre Serie in den 60er Jahren begannen, war sie noch reichlich naiv; das Science-Fiction-Abenteuer war knallbunt und wirkte noch oberflächlich, war aber schon damals um Längen besser als die Konkurrenz. Die Alben, die in diesem vierten Band enthalten sind, entstanden in den frühen 80er-Jahren – in dieser Zeit war die Comic-Szene wesentlich erwachsener, da konnten sich die Künstler größere Freiheiten erlauben.

Der vierte Band enthält die ursprünglichen Alben »Das Monster in der Metro«, »Endstation Brooklyn«, »Die Geister von Inverloch« und »Die Blitze von Hypsis«. Das Besondere dabei: Sie spielen zu einem großen Teil auf der Erde – und zwar während des zwanzigsten Jahrhunderts. Paris und New York, aber auch Schottland zählen zu den Schauplätzen der Handlung.

Das nutzen der Autor und der Zeichner zu vielen witzigen Ideen. So wird es zum Running Gag, dass der sauber geschnittene Kunstrasen vor einem schottischen Schloss von Außerirdischen ebenso verwüstet wird wie von einem landenden Raumschiff – und die Schlossherren bleiben »very british« und sehr cool.

Darüber hinaus sind die Geschichten voller kosmischer Verwicklungen, esoterischer Anwandlungen – die vier Elemente spielen eine Rolle – und emotionaler Schwierigkeiten. Valerian und seine Veronique haben es nicht einfach; sie benötigen die Hilfe von allerlei anderen »Helden«, die allesamt skurril sind.

Ich wiederhole mich gern: Die Serie zählt zur absoluten Pflichtlektüre für jeden Science-Fiction-Fan. Und der vierte Band ist sicher der Höhepunkt der Serie – leider nur richtig verständlich, wenn man die vorigen Bücher auch gelesen hat.

17 August 2017

Zum dritten Mal das Gästebuch

Ich verspreche: Das ist das – vorerst – letzte Mal, dass ich aus dem FreuCon-Gästebuch von 1985 zitiere. Viele Einträge von damals sind mir übrigens im Jahr 2017 nicht mehr erklärbar, viele Gags von damals lassen sich nur durch die Situation vor Ort begründen, und viele Sprüche waren wohl auch 1985 schon doof.

Die Illustration, die ich hier zeige, ist ein Beispiel für die schnelle Kreativität, wie sie beispielsweise Anton Atzenhofer an den Tag legte. Da kam der arme Kerl an, bekam das Gästebuch vor die Nase gehalten und musste gleich einen Eintrag zaubern.

Er hätte ja auch nur seinen Namen reinschreiben können – aber er lieferte lieber gleich eine Zeichnung. Der Aufwand dafür dürfte keine Minute gedauert haben.

Und allein für solche Zeichnungen und Sätze werde ich diese Gästebücher wohl noch weitere Jahrzehnte aufbewahren. Vielleicht gebe ich sie dann irgendwann in ein Fandom-Museum ... was es ja leider nie geben wird ...

Nochmal das Gästebuch von 1985

Nachdem ich am gestrigen Mittwoch ein Bild aus dem FreuCon-Gästebuch von 1985 gezeigt habe, wiederhole ich das. Mir macht das Stöbern in alten Büchern sehr viel Freude – aber man muss die alten Gags wirklich erklären ...

Dieser Gag stammt von Willmar Plewka, in den 80er-Jahren ein unglaublich aktiver Science-Fiction-Fan, der viele Fanzines publizierte und auch international vernetzt war. Sein Gag spielt auf die Tatsache an, dass Christian »Krischan« Holl in jener Zeit vor allem durch seine Zeichnungen bekannt war, in denen er vor allem Drachen darstellte.

Und Wilmars Drachen spielt auf Krischans Drachen an. Das fanden wir damals sehr lustig. Ist so ein Witz heute noch verständlich?

16 August 2017

Blick in ein Gästebuch von 1985

Da ich dieser Tage in meiner Rubrik »Der Redakteur erinnert sich« über das Jahr 1985 geschrieben habe, fischte ich endlich einmal eines meiner alten Gästebücher aus dem Schrank. Solche Bücher benutzte ich in den 80er-Jahren, wenn ich einen Con veranstaltete, also ein Treffen von Science-Fiction-Fans.

Allerlei Leute verewigten sich in diesem Gästebuch. Nicht alle Einträge waren genial, manche bestanden nur aus einer krakeligen Unterschrift. Viele Dinge waren aber unglaublich komisch – zumindest damals. Heutzutage fällt es schwer, manchen Witz zu kommentieren und zu erläutern.

Ich präsentiere eine Seite, auf der sich die Zeichner Anton Atzenhofer – genannt Atze – und Christian Holl, den alle nur Krischan nannten, ein wenig duellieren. Zuerst verewigte sich der eine in Schwarz auf der Seite, dann folgte der andere in Blau, stets als Drache, dann kam die finale Reaktion des Kollegen Atzenhofer.

Mag sein, dass das albern war. Damals zählte das zum Programm eines Cons, der offenbar kein echtes Programm hatte. Und wenn ich es heute anschaue, muss ich zumindest grinsen.

15 August 2017

Simenon-Gesamtwerk offiziell

Dass ich die Diogenes-Ausgabe der Romane von Georges Simenon mag, habe ich in diesem Blog oft genug zum Ausdruck gebracht. Seit einiger Zeit gibt es keine neuen Romane mehr, die bisher veröffentlichten sind nicht mehr lieferbar. Es war klar, dass die Verträge ausgelaufen sind – Details dazu wurden aber nicht verlautbart.

Heute melden die Internet-Seiten der Fachblätter »Börsenblatt« und »Buchreport« einige weitere Details. Nach diesen Berichten hat der Sohn des Schriftstellers die Lizenz mit dem Verlag nicht verlängert. Gründe wurden hierfür nicht gennant.

Dieses Vorgehen ist nicht nur für den Verlag unverständlich, sondern auch für mich als Leser: Seit vierzig Jahren betreut Diogenes den Autor, zuletzt wurde die wunderbare Edition mit allen Maigret-Romanen publiziert. (Von den 75 Bänden habe ich 25 gekauft, die restlichen wollte ich ebenfalls kaufen und lesen.)

Alles Jammern nutzt nichts. Ich werde schauen, dass ich fehlende Bände im Second-Hand-Geschäft bekomme, sehe aber nicht ein, irrsinnige Sammlerpreise zu bezahlen. Ein möglicher neuer Verlag wird's bei mir da nicht so einfach haben. Da bin ich halt auch wieder Spießer. Menno.

14 August 2017

Ich sah endlich Jupiter Ascending

Als Science-Fiction-Fan, der ab und zu auch mal ins Kino gehen möchte, habe ich es seit vielen Jahren echt schwer. So wollte niemand mit mir ins Kino gehen – allein finde ich es doof –, als vor zwei Jahren »Jupiter Ascending« gezeigt wurde.

Dabei zeichneten doch Andy und Lana Wachowski für den Streifen verantwortlich, und deren »Matrix« halte ich immer noch für großartig. Ich mochte auch die Vorschau für »Jupiter Ascending« – aber mehr ging nicht. Also schaute ich ihn mir dieser Tage endlich auf DVD an.

Um es kurz zu machen: Ich wand mich streckenweise vor Grausen. Vielleicht war die Story im Kino beeindruckend, weil da einfach die optischen Effekte funktionieren. Auf DVD empfand ich das Ganze als eine Ansammlung von unglaublich peinlichen Dialogen und effekthascherischem Geballer.

Dabei hätte die Geschichte ja auch gut laufen können, und wer 150 Millionen Euro zur Verfügung hat, sollte doch ein wenig Geld in eine vernünftige Story investieren können. Den Anfang mochte ich: Jupiter Jones, gespielt von Mila Kunis, putzt Toiletten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist in Wirklichkeit aber die Erbin eines – wie auch immer gearteteten – Weltraum-Imperiums.

Die Begrifflichkeiten gehen da übrigens früh durcheinander. Die Macher des Films oder die Übersetzer wussten wohl nicht, was eine Galaxis oder ein Universum ist. Aber das wissen gelegentlich ja nicht einmal die Leute, die hierzulande Science Fiction veröffentlichen. Ähnliche Peinlichkeiten stören aber nur spießige Leute wie mich, scheint mir.

Der Rest der Geschichte kann überall nachgelesen werden. Das umfangreiche Geballer nervte mich irgendwann, die Blicke in das All und auf die Weltraumstationen fand ich ansprechend. Aber der Weltentwurf war dünn bis zum Gehtnichtmehr – unter dem Niveau der 60er-Jahre-Heftromane –, und die Schauspieler konnte ich nie ernstnehmen.

Alles in allem ist »Jupiter Ascending« ein Beispiel dafür, warum Science Fiction von manchen Leuten nicht ernstgenommen wird. Wer diesen Film sieht und als »gut« angepriesen bekommt, wird nur kopfschüttelnd davorsitzen und sich wundern. Schade um das viele Geld, das in diesem Film verbrannt worden ist.

(Ich gehöre nicht zur Mehrheit; viele Leute mochten den Film. Kritiken sprechen von »bahnbrechenden Ideen« und loben sogar die Dialoge. Geschmäcker sind halt verschieden.)

12 August 2017

Abstürzende Brieftauben nach dreißig Jahren

Wann genau ich mir die Platte »Das kriegen wir schon hin« gekauft habe, lässt sich mit dem Abstand von so vielen Jahren kaum noch nachvollziehen. Aufgenommen und veröffentlicht wurde sie 1986; also kaufte ich sie mit hoher Sicherheit im Jahr darauf. Die Abstürzenden Brieftauben – ein Punkrock-Duo aus Hannover – war zu jener Zeit schwerstens angesagt, man kam an den beiden nicht voran.

Schon damals war die Musik irgendwie ein Anachronismus. Die neue Welle im Punkrock war der Hardcore, der in allen europäischen Länden hochschwappte. Aus Italien und Dänemark, aus England und aus Norwegen kamen Bands, die rasend schnell spielten und einen Sound lieferten, den man zuvor nicht gekannt hatte.

Die Tauben aus Hannover hingegen klangen stark nach den englischen Toy Dolls, vermengten schnellen Punkrock mit schunkeligen Rhythmen und deutschen Texten, brachten alberne Texte oder interpretierten klassische deutsche Schlager, indem sie diese einfach in drei- bis vierfacher Geschwindigkeit spielten.

Höre ich mir das alles nach dreißig Jahren an, verstehe ich, warum ich die Platte recht schnell als uninteressant betrachtete und im Regal stehen ließ. Vielleicht lag's daran, dass ich kein Teenager mehr war ... Der Sound war dumpf, die Musik eher schlicht, die Texte viel zu albern. Hardcore-Punk war damals die stärkere Richtung, und auch im Deutschpunk gab es genug zu hören, das mir besser gefiel.

So kann ich die Platte »Das kriegen wir schon hin« heute vor allem als ein Zeitdokument sehen: Da war Punk noch mal kurz davor, so richtig kommerziell zu werden; die Band schmückte sogar die »Bravo« und wurde in dieser immer wieder abgefeiert. Heute kommt einem das seltsam vor, 1986 bis 1989 fanden das viele Leute richtig klasse.

Ich stelle die Platte wieder ins Regal. Schauen wir mal, wie sie in zehn Jahren auf mich wirkt ...

 

11 August 2017

Ideenhändler als künftiger Beruf?

»Mir fällt es schwer, Ideen zu entwickeln«, sagte mir einmal jemand, der gerne Science-Fiction-Kurzgeschichten schrieb. »Ich sitze dann immer da, und mir fällt nichts ein.« Das ist eine Empfindung, die ich tatsächlich nicht nachvollziehen kann. Mein Problem ist eher, dass ich zu viel Ideen habe und diese nicht kanalisieren kann.

Kanalisieren heißt: Die ganze Zeit wird der Kopf mit irgendwelchen Geschichten geflutet – es geht jetzt nicht mal darum, ob die gut oder brauchbar oder sonstwie relevant sind. Die Geschichten sind da, und sie plagen mich, wenn sie nicht aus dem Kopf kommen.

Ich radle mit dem Rad durch den Wald, und ich denke über eine Fortsetzung von »Das blutende Land« nach. Welche Figuren könnten auftauchen, welche Geschichte will ich erzählen?

Ich sitze im Training an irgendeiner Maschine, und mir fallen Szenen aus Afrika ein, aus denen ich Geschichten machen könnte: Militärkontrolle in Burkina-Faso, Geldeintreiber in Kamerun, Tuareg in Algerien, Kiffen in Marokko, Radfahren in Senegal, Geldwechseln in Togo, Elefanten in Sambia ... und so weiter.

Dazu kommen Punkrock-Geschichten, also auch biografisches Zeugs, Fantasy-Geschichten, Ideen für meine liebste Raketenheftchenserie, Konzepte für neue Heftromanserien und so weiter. Es ist eine Flut, die nicht immer genial ist – wirklich nicht –, aber nicht aufhören mag.

Das Hirn ist voll mit Dingen, die sich immer wieder zu neuen Bildern formen. Und wenn ich die nicht aus dem Kopf bekomme, tun sie weh. Weil ich aber dummerweise nicht tagaus, tagein schreiben kann – die meisten Dinge interessieren ja niemanden, wie der bescheidene Erfolg meines Afrika-Buches zeigt –, sondern Geld verdienen muss, frustriert der Ideenstau.

Also bin ich immer mit einem Block und einem Stift unterwegs. Ich notiere mir Ideen, ich schreibe Szenen auf, ich kritzle Dialoge auf Zettel und in Blocks. Dann verschwinden sie vielleicht recht schnell wieder, und zwei Jahre später weiß ich nicht einmal mehr, was die Notizen zu bedeuten haben – aber sie sind aus dem Kopf.

Die Empfindung aber, keine eigenen Ideen zu haben, kann ich nicht teilen. Vielleicht sollte ich doch mal mit einem schwungvollen Ideenhandel anfangen ...

10 August 2017

Eigentlich spielen Haloroid ja Grunge

Ich war nie ein richtig großer Fan von Grunge-Rock; zu Beginn der 90er-Jahre nervte mich das Genre sogar. Mittlerweile muss ich allerdings einsehen, dass diese Richtung die Rockmusik bereichert hat. Deshalb ist es absolut okay, wenn sich heutige Bands auf den Grunge jener Zeit berufen.

Bei Haloroid aus Nürnberg glaube ich zumindest, entsprechende Einflüsse heraushören zu können. Die CD, die ich von ihnen hörte, kam zum Jahresende 2016 heraus. Sie brauchte einige Anläufe, bis ich sie länger im CD-Player ließ, sie mir also ins Ohr ging.

Die vier Musiker machen recht lange Stücke, die manchmal auch ein wenig zäh sind; mal erinnern sie an Hardrock, wie er in den 70er-Jahren erfunden wurde, dann wieder kommen die Grunge-Anklänge durch. Die Melodien stimmen, die Stimme des Sängers legt sich angenehm über die insgesamt fünf Stücke der CD »Repeat Repeat Repeat«.

Das ist alles gut gespielt, das geht auch ins Ohr, packt aber zumindest mich nicht. Auf die Dauer sind mir die Stücke zu gedehnt, zu sehr ausgewalzt, manchmal zu spannungsarm. Klar, das ist Absicht, und die Bandmitglieder wissen, was sie tun – aber es packt mich dann doch nicht.

Ich bin allerdings sicher, dass es genügend andere Leute geben wird, die auf diese Art von handgemachter Rockmusik stehen, auch und gerade im Jahr 2017 ...

Popkultureller Ausflug nach Genua

Ich mag Romane, die dazu beitragen, dass sich mein Bild von bisherigen Gegebenheiten verändert. Ein Beispiel dafür ist der Roman »›Kopf hoch‹, sagte der Silberfisch in meiner Badewanne«, den die Lektorin und Autorin Simona Turini verfasste. (Dass sie keinen Kilometer von mir entfernt wohnt und wir gelegentlich an subkulturellen Orten fast übereinander stolpern, sei der Vollständigkeit hier angemerkt.)

Der Roman spielt in Genua, allerdings ist es ein anderes Genua, als ich es in den 80er-Jahren kennengelernt habe. Das liegt sicher daran, dass die Autorin fast zwanzig Jahre jünger ist als ich und dass sie einen studentischen Blick auf die Stadt wirft. Der Roman scheint autobiografisch zu sein, aber das macht nichts.

Um was es wirklich geht, ist gar nicht so einfach festzustellen: Die Hauptperson ist eigentlich in Genua, um dort zu studieren. Vor allem aber stromert sie durch die Straßen, trifft auf verschiedene Menschen, trinkt Unmengen von Wein und beschäftigt sich in einer alten Buchhandlung damit, Bücher zu sortieren. Zwischendurch feiert sie mal in einem besetzten Haus, hat Sex oder läuft vor der Polizei weg.

Es ist kein spannender Roman, aber einer, der einen in seinen Bann ziehen kann. Die Handlung wirkt manchmal ein wenig ziellos – aber das passt zu der Hauptfigur, die ebenfalls ziellos durch die Welt spaziert und nicht so richtig weiß, was sie will. Die Handlung plätschert somit ein wenig vor sich hin, immer wieder unterbrochen durch starke Bilder, die die Autorin heraufbeschwört.

Wer mag, kann »›Kopf hoch‹, sagte der Silberfisch in meiner Badewanne« getrost in das weite Feld der Popliteratur einsortieren. Die Autorin beschäftigt sich in ihren sonstigen Texten eher mit Zombies und anderen Monstern – hier bleibt sie akribisch im Hier und Jetzt. Phantastische Einblicke bietet ihr Text trotzdem, einer davon wird im Titel des Romans gewissermaßen gespiegelt.

Das schön gestaltete Buch ist bereits im März 2016 als Hardcover im Amrun-Verlag erschienen, um fasst 150 Seiten und kostet 13,80 Euro. Zu beziehen ist es mithilfe der ISBN 978-3-95869-225-1 über alle Buchhandlungen. Und wer mal einen ungewöhnlichen Blick auf Italien werfen möchte, sollte sich sowieso darauf einlassen.

09 August 2017

Kaffee im Salon de Thé

Es war noch früh am Morgen, zumindest für einen Urlaubstag. Die Straßen waren voll mit Fußgängern, die Straßenbahn ruckelte vorüber. Ich ließ mir meinen Kaffee schmecken, dazu ein Croissant, vielleicht würde ich hinterher noch eine Kleinigkeit essen.

Bei Alain Batt, dem Salon de Thé in der Innenstadt von Nancy, ließ es sich gut aushalten, vor allem an einem der kleinen Tische, die auf dem Gehweg platziert waren. Die Patisserie mit winzigem Lokal machte einen sympathischen Eindruck, das Personal tratschte mit den Kunden, und die Auslagen saßen mit all den Leckereien absolut einladend aus.

Es war warm genug, dass man mit kurzer Hose und T-Shirt auf die Straße gehen konnte; die Hitze des Tages kündigte sich schon langsam an. Ich schaute mir die Straßenkarte an, weil ich mir überlegte, wie ich von Nancy weiterfahren sollte. Aus dem Augenwinkel sah ich zu, welche Leute sich auf der Straße bewegten.

Zwei Punks gingen mit einem großen Hund vorüber, ein altes Ehepaar betrat die Patisserie, und junge Leute trieben sich in kleinen Gruppen auf der Straße herum. Ein Mann im dunklen Anzug, die Krawatte vom Wind gebeutelt, hielt in der einen Hand die Zigarette, während er mit der anderen ein Telefon ans Ohr hielt. Ich empfand die Stimmung als angenehm, fast einlullend.

Die Frau neben mir nahm ich erst wahr, als sie mir ihre Hand vors Gesicht hielt. Die Finger schienen nur aus Haut und Knochen zu bestehen, die Nägel sahen aus wie Ruinen. Mein Blick wanderte über die zerschlissenen Turnschuhe und die pinkfarbene Jogginghose nach oben, vorbei an dem blassblauen Oberteil. Die Frau sagte etwas, das ich nicht verstand, es klang nach Dialekt.

Ich war sprachlos, noch nie hatte ich einen derart dünnen Menschen gesehen. Die fadenscheinige Hose schlotterte um die klapperdürren Beine, die Adern zeichneten sich unter der blassen Haut der Unterarme ab, im Gesicht hielt sich offenbar keine Farbe. Ich saß da, den frisch duftenden Kaffee vor der Nase, und starrte die Frau an; mir fiel nichts ein.

Die Szene dauerte keine Sekunde – dann drehte sich die Frau herum und ging davon, im Neunzig-Grad-Winkel über die Straße, vorbei an der Straßenbahn, die gerade anhalten musste. Auf der anderen Straßenseite sprach sie einen Passanten an, einen rundlichen Mann mit Schnauzer. Der Mann winkte unwillig ab, sie eilte weiter, huschte geradezu über die Straße.

Ich löste mich aus der Erstarrung, starrte auf meinen Kaffee und das Croissant. Mir wurde bewusst, dass die Frau gebettelt hatte, was ich nicht kapiert hatte. Zu spät. Und mir wollte jetzt auf einmal nichts mehr schmecken.

08 August 2017

Meine Science-Fiction-Memoiren?

»Das ist doch nur ein Trick von dir, klammheimlich deine Memoiren zu schreiben.« Ich weiß nicht mehr, wer das zu mir sagte – aber die Person hatte nicht unrecht. Auf der Internet-Seite »meiner« Raketenheftchenserie schreibe ich in einer Reihe namens »Der Redakteur erinnert sich« immer wieder über Dinge aus meiner Vergangenheit. Die Texte haben mit meinem Job zu tun, mit der Science Fiction oder mit der Fan-Szene, und sie sind recht subjektiv.

So schrieb ich im Juli unter der Überschrift »Auch eine Begegnung der dritten Art« darüber, wie ich 1979 meine erste Science-Fiction-Kurzgeschichte verfasste. Ich war damals fünfzehn Jahre alt, da sind viele seltsame Formulierungen hoffentlich verzeihbar.

»Die geplante PERRY RHODAN-Box« hatte da natürlich mehr mit meiner Arbeit zu tun, in diesem Fall mit einer geplanten Kooperation mit Weltbild. Die kam 2010 nicht zustande, aus Gründen, die heute nichts mehr zur Sache tun.

Am meisten interessieren sich die Leser dieser Kolumnenreihe für Texte, die mit der eigentlichen Inhaltsarbeit zu tun haben. In »Wie die Exposés zur Abruse anfingen« schrieb ich beispielsweise über eine Exposébesprechung im Oktober 1993. In »Kristallwesen und Zwillingsschwestern« setzte ich diesen Bericht fort.

Ins Jahr 2004 wechselte ich, als ich »Wir starteten das ATLAN-Jahr« veröffentlichte. Es ist ja eigentlich erschütternd, wie viele Details ich aus diesem Jahr tatsächlich schon vergessen habe – an viele ATLAN-Besprechungen erinnere ich mich aber immer noch sehr gut.

»Ein Vortrag in Berlin« wechselt dann ins Jahr 1999 – das ich einen Tag danach eine Punkrock-Lesung in der »KvU« hielt, verschwieg ich den Lesern dieser Kolumne. Nicht aus Bösartigkeit, sondern weil das einfach zwei verschiedene Themen sind.

Eher traurig stimmte es mich, den Text über »Eckhards erste Tage« zu verfassen: Wie war das eigentlich 1996, als Eckhard Schwettmann die Marketing-Abteilung für unsere Serie überhaupt erst aufbaute?

07 August 2017

Ein Kinderbuch für mehr Phantasie

Dass Kinder meist noch über die Phantasie verfügen, die man ihnen in der späteren Jugend dann austreibt, ist allgemein bekannt. Wohlmeinende Pädagogen, die Bilderflut der modernen Medien und ängstliche Eltern sorgen dafür, dass Jugendliche auf Effizienz getrimmt werden – damit sie sich hinterher umso besser in das System einpassen.

Da finde ich es erfreulich, dass es so viele so schöne Kinderbücher gibt, die den »Kleinen« dazu verhelfen, ihre eigene Phantasie zu entwickeln. Ein gelungenes Beispiel dafür ist »Der Fuchs und die verlorenen Buchstaben« von Pamela Zagarenski. Die Künstlerin stammt aus den USA, wo sie schon Preise gewonnen hat, aber vor allem Kinderbücher gestaltet und auch Gemälde anfertigt.

Das merkt man ihrem Buch an: Großformatige Bilder, die sich über je eine Doppelseite ziehen, illustrieren eine Geschichte, die mit wenigen Worten auskommt und in einem Kind den Wunsch auslösen sollte, sich selbst Geschichten auszudenken. Die Bilder sind künstlerisch, weit entfernt etwa von einem Comic-Stil, und sie laden dazu ein, immer wieder draufzuschauen und Details zu betrachten.

Heldin des Buches ist ein kleines Mädchen, das ein Buch voller Geschichten ausleiht. Als es damit nach Hause geht, fallen aber alle Buchstaben zu Boden; das Mädchen erreicht sein Zuhause quasi ohne Text. Immerhin gibt es einen freundlichen Fuchs, der die Buchstaben aufsammelt und aufbewahrt.

Das Kind schaut sich daheim das Buch an, stellt fest, dass es nur noch Bilder enthält. Sein Geist entwickelt in der Folge eigene Geschichten, die voller Magie und Spannung sind; die Phantasie entsteht aus den Bildern. Und als das Mädchen am nächsten Morgen den Fuchs wiedertrifft, gibt es für den ebenfalls eine Geschichte ...

Wahrscheinlich sollten sich viele Erwachsene, die ihr Dasein in freudlosen Berufen fristen, ein solches Buch kaufen und sich selbst darauf einlassen, die Geschichten zu Ende zu denken oder zu träumen. Kinder schaffen das wahrscheinlich selbst ganz gut, wenn sie noch nicht vollständig vom System absorbiert worden sind.

Mit seinen wunderschönen Bildern und den Textideen, die in der kurzen Geschichte erzählt werden, lädt »Der Fuchs und die verlorenen Buchstaben« dazu ein, sich selbst auf die Reise zu fremden Welten zu begeben. Wer Kinder hat (oder Bekannte mit Kindern), sollte sich dieses Buch zumindest anschauen – ich halte es für ein richtig tolles Geschenk.

Wobei man es sich auch selbst schenken kann ... die meisten Erwachsenen leiden schließlich eher an einem Mangel an Phantasie als an zu vielen »Spinnereien und Träumen« im Kopf.

Erschienen ist das Buch im Knesebeck-Verlag, es hat 40 Seiten und ist schön gedruckt. Zum Preis von 12,95 Euro und mithilfe der ISBN 978-3-86873-942-8 kann man es in jeder Buchhandlung bestellen; auf der Internet-Seite des Verlages stehen einige der großformatigen Doppelseiten zur Ansicht zur Verfügung.

06 August 2017

Ein Bébé von 1963

Ich wühle immer mal wieder gern in den alten Schätzen meiner Fanzine-Sammlung; gelegentlich wundere ich mich darüber, was man früher so geschrieben hat. Und ich bin sicher, dass man in fünfzig Jahren ähnlich über die schriftlichen Ergüsse von heute denken wird.

Vieles von dem, was in dem Fanzine »Bébé« steht, ist beispielsweise schon heute schwer zu verstehen. Veröffentlicht wurde es im Juli 1963, als »Verlag« ist ein »Verlag für jugendgefährdende Literatur« angegeben – ein ironischer Seitenhieb auf die damalige Debatte über »Schundliteratur« – und Herausgeber war Burkhard N. Blüm.

Das mir vorliegende Exemplar trägt die Nummer 34 und wurde für Walter Ernsting gedruckt. (Genau der Mann, der damals schon die Serie PERRY RHODAN mitbegründet hatte.) Insgesamt betrug die gesamte Auflage nur 40 Exemplare, für ein Umdruck-Fanzine durchaus üblich.

Der Herausgeber war im Juli 1963 ein frischgebackener Student mit Sitz in Frankfurt. Wenn er über andere junge Leute schrieb, benutzte er gern die Formulierung »wir«; um sein Studium zu finanzieren, jobbte er auf dem Bau. Von »1968« gab's noch keine Anzeichen, rebellisch und weltoffen fühlte man sich als Student damals aber schon.

Enthalten ist die Übersetzung eines Prosagedichtes, das der kanadische Autor Barry Lord verfasst hatte; das lässt sich übrigens auch heute noch gut lesen. Unter der Rubrik »Ars Amatoria« beschäftigt sich der »Bébé«-Herausgeber ausführlich mit der damaligen Situation in der Szene der Science-Fiction-Fans, dem sogenannten Fandoms. Die Clubs verloren an Bedeutung, die freien Fanzines wurden für die nach wie vor wachsende Szene immer wichtiger.

Alles in allem bot das Fanzine damals eine spannende Lektüre; so etwas fehlt mir heute oft. Da setzte sich ein junger Mann hin, schrieb in pointierten Sätzen seine Weltsicht auf, schrieb über andere Fanzines und brachte das alles sehr klar und dynamisch zum Ausdruck. Toll, so etwas heute zu lesen!

05 August 2017

Mal wieder ins ZKM gehen?

Da wohne ich in einer Stadt, die ein ZKM hat – und besuche es so gut wie nie. Das Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe ist eine Einrichtung, wie es sie weltweit nur sehr selten gibt; man kann zurecht stolz darauf sein. Ich gehöre dummerweise zu den Leuten, die mit vielen Aspekten dieses Museums nicht viel anfangen können und die sich mit Museen generell schwertun; aber ich glaube, ich muss in den nächsten Monaten öfter hingehen.

Man möchte sich im kommenden Halbjahr unter anderem mit dem »rasanten technologischen und sozialen Wandel zu Beginn des digitalen 21. Jahrhunderts« beschäftigen. Wie haben sich Kunst und Wissenschaft beeinflusst, wie hängen die digitale Zeit und die Kunst zusammen? Das klingt wieder schrecklich verkopft, was mich möglicherweise von einem Besuch des Museums abhalten kann, könnte aber doch besuchenswert sein.

Ansprechend klingt beispielsweise »Open Codes. Leben in digitalen Welten« ... »Mit der Ausstellung versucht das ZKM, durch Dokumente, Artefakte und Kunstwerke die Entwicklungslinien der Physik und Mathematik der letzten 300 Jahre aufzuzeigen«, heißt es in der Ankündigung. Und: »Es werden der heutige Stand der innovativsten zeitgenössischen Digitaltechnologien, von Robotik bis künstliche Intelligenz, von Sensorentechnologie bis Bio-Design, sowie deren soziale, politische und gesellschaftliche Folgen vorgestellt.« Könnte dann doch spannend sein, oder?

Ähnlich interessant klingt für mich »Radical Software«; diese Ausstellung läuft sogar so. Dabei präsentiert man »amerikanische KünstlerInnen und Wissenschaftler vor, die in den 1970er-Jahren bereits erste Visionen einer vernetzten Welt formulierten«. Das klingt nach Science Fiction, das erinnert mich an die Anfänge von Cyberpunk – ich denke, das sollte ich mir an einem Schlechtwettertag in diesem Jahr unbedingt mal anschauen.

Wahrscheinlich kommt meine Abneigung gegen mancherlei Museen daher, dass die Ankündigungen so unnötig kompliziert formuliert werden. Da macht das ZKM leider keine Ausnahme. Dabei halte ich mich für einen vielseitig interessierten Menschen ... der dann doch lieber viel zu oft bei den bekannten Comics, SF-Romanen und Punk-Bands landet ...

04 August 2017

Junge Leute in Karlsruhe, gestern

Donnerstag am frühen Abend: Noch ist es hell, noch sind die Menschen unterwegs, die etwas einkaufen wollen, und vermengen sich mit den Menschen, die zum Essen und Trinken ausgegangen sind.

Ich fahre mit meinem Rad durch die Erbprinzenstraße in Karlsruhe, schlängle mich zwischen Fußgängern hindurch. Es ist immer noch schwülwarm, jede Bewegung treibt einem den Schweiß aus den Poren.

Am Kiosk am Ludwigsplatz wird das Gedränge dichter. Fast muss ich absteigen, aber ich komme im Schritttempo durch. Des Rätsels Lösung: Junge Leute mit Streich- und Blasinstrumenten stehen da, umlagert von Schaulustigen, und spielen klassische Musik.

Die Stimmung ist richtig gut, alle scheinen sich zu freuen. Kultur von jungen Menschen in der Innenstadt – das finden alle gut.

Ich erreiche den Stephansplatz. Dort haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder die Leute vom »Widerstand Karlsruhe« getroffen, um ihre Angst vor Fremden und ihren Hass auf Ausländer zum Ausdruck zu bringen, umlagert von Gegendemonstranten und beschützt von der Polizei. Der Spuk ist fürs erste vorüber.

An diesem Abend haben junge Punks den Platz für sich entdeckt. Vor Freude falle ich fast vom Rad: ein halbes Dutzend junger Punks, struppige Haare und abgerissene Haare inklusive. Drei Millisekunden lang glaube ich, versehentlich durch eine Zeitmaschine gefahren zu sein – aber es ist Realität.

Sie trinken Bier, sie hören – wie es es sich gehört – schlechten Deutschpunk der sechsten oder siebten Generation, scheinen sich dabei richtig gut zu amüsieren. Punkrock mit jungen Leuten in der Innenstadt – das finde dann zumindest ich richtig gut.

03 August 2017

Zukunft war auch mal moderner

Die Dieselskandale, der Klimawandel, die Flüchtlinge, die Zukunft der Arbeit – mir tun die Politiker eigentlich leid, weil sie sich ständig mit so komplexen Themen beschäftigen müssen, auf die es keine Antworten gibt. Da müsste man eigentlich intensiv um die Zukunft ringen, müsste darum arbeiten, welche Ziele die richtigen sind, müsste sich mit Fachleuten und deren Arbeit beschäftigen, um die richtigen Antworten zu finden.

Dummerweise passiert genau das nicht.

Die Politiker schwatzen, wenn sie sich nicht gerade von der Industrie am Nasenring durch die Landschaft ziehen lassen. Sie machen Wahlplakate, auf denen sie allerlei Kram versprechen, von denen jeder weiß, dass sie es eh nicht einhalten werden. Und sie ignorieren die dringend notwendige Auseinandersetzung um die Zukunft.

Vielleicht habe ich zu viel Science Fiction gelesen, vielleicht bin ich einfach auch nur ein tumber Träumer. Aber selbst ein Mensch ohne zu viel politisches Wissen kann sich denken, dass es so bald nicht mehr weitergehen kann. Und es wäre beispielsweise die Aufgabe einer ohnehin chancenlosen Oppositionspartei, stärker auf solche Themen hinzuweisen.

Wie soll das denn weitergehen mit der globalen Gerechtigkeit? Das bisherige Gerede von Gerechtigkeit wird rein national betrachtet: Wir nehmen den Reichen vielleicht einige Euro ab und geben sie den Hartz-IV-Empfängern. Grundsätzlich richtig – aber was machen wir mit der Milliarde Afrikanern, die auf der anderen Seite des Mittelmeers sitzen?

Die komplexe Welt der Gegenwart wird in der nahen und fernen Zukunft nicht einfacher werden. Es ist jetzt schon klar, dass alles noch schwieriger werden wird. Es geht nicht darum, die Dieselmotoren ein bisschen besser zu machen – das sage ich als Dieselautofahrer –, sondern es geht darum, den Verbrennungsmotor schnellstmöglich abzuschaffen und endlich auf umweltfreundliche Autos umzusteigen oder sich ein ganz neues System auszudenken. Das geht nicht ohne irrsinnige Investitionen.

Es kann nicht darum gehen, afrikanischen Potentaten dafür Geld zu geben, dass sie ihre Bevölkerung einsperren. Es muss jetzt daran gearbeitet werden, dass diese Länder endlich auf die Füße kommen, dass ihre Bevölkerung eine Chance hat – und das kostet nicht einige Milliönchen, das kostet irrsinnig viel Geld. Es ist offenbar billiger und vor allem eifacher, am bisherigen System der Ausbeutung aktuell nichts zu ändern.

Es gibt haufenweise Probleme. Doch im Wahljahr werden diese Probleme nicht diskutiert, sondern verschleiert oder gar national verbrämt. Während die Bundeskanzlerin sich schon irgendwie durchmerkeln wird, geht die Opposition auf einen Kurs, der nicht gerade zukunftsorientiert ist.

Vielleicht habe ich zu viel Science Fiction gelesen. Vielleicht habe ich echt keine Ahnung von Politik. Aber dass es so nicht weitergehen kann, sollten doch auch Politiker merken ...

02 August 2017

Bei der Heiligen Theresia

Mit dem Prinzip der Heiligen innerhalb der Katholischen Kirche bin ich vertraut, wenngleich ich es nicht so richtig verstehe. Im Prinzip bietet man den Gläubigen eine Reihe von kleinen Göttern an, zu denen sie beten können, wenn es ihnen schlecht geht. Aber wenn man schon mal in einer Stadt weilt, in der eine »echte« Heilige gelebt hat, muss man sich das zumindest mal anschauen.

Dachte ich. Also hielten wir an, als wir durch Lisieux kamen.

Die Stadt in der Normandie ist nicht weiter wichtig. Im Krieg wurde sie stark zerstört, danach wurde sie eher unterdurchschnittlich wieder aufgebaut. Die Innenstadt ist somit wenig ansehlich – aber die meisten Besucher schauen sich ohnehin nur die Wallfahrtskirche an, die am Stadtrand errichtet wurde.

In der Stadt wirkte die Heilige Theresa, auch Therese oder Thérèse geschrieben. Im neunzehnten Jahrhundert war sie eine berühmte Kirchenlehrerin, die allerlei Wunder tat und deshalb bis heute verehrt wird. Sie war – so heißt es in ihren Biografien – ständig auf der Suche nach der Heiligkeit; als wurde sie allerdings wirklich nicht (1873 bis 1897).

Ihr zu Ehren wurde eine prunkvolle Wallfahrtskirche errichtet, zu der auch ein kleiner Park, ein Museum und andere Gebäude gehören. (Bei einem Bus hatte ich aber den Eindruck, dass die Reisenden vor allem die öffentlichen Toiletten aufsuchten, um dann gleich weiterzufahren.)

Wer sich dort aufhält, kann viel Zeit damit verbringen, Heiligenblder und Statuen anzuschauen. Ich fand fast interessanter, den Gläubigen zuzuschauen, die teilweise von weit her zu der Kirche fuhren. Eine Wallfahrt erlebte ich allerdings nicht mit.

Der Anblick der Kircheninnern, das recht modern wirkte, aber dennoch genügend Prunk ausstrahlte, machte auf mich einen wuchtigen Eindruck. Interessieren würde mich da immer, was die Nonne von damals zu dem Bau sagte, den man in ihrem Namen errichtet hat. Ob es ihr peinlich wäre?

Mit Heiligen kann ich nicht viel anfangen. Den Glauben möchte ich den Menschen nicht nehmen, das ist ihre Privatsache. Auch in der Wallfahrtskirche sprang kein Funke auf mich über. Aber ich fand's dann doch interessant, sie besucht zu haben ...

01 August 2017

Radiosendung mit spontaner CD-Auswahl

Was macht man eigentlich, wenn man feststellt, dass der fünfte Sonntag im Monat ist und man nichts für die Radiosendung vorbereitet hat? Man improvisiert. Das zumindest war mein Ding am Sonntag abend, 30. Juli 2017. Mir fiel zu spät ein, dass ich im Querfunk eine Sendung zu fahren hatte, und entschied mich spontan, diesmal ganz spontan zu sein ...

Es ging dann doch ganz einfach: Ich stöberte im CD-Regal herum und fischte allerlei Sampler hervor, die ich schon lange nicht mehr gehört hatte. Damit, so dachte, ließe sich doch eine brauchbare Sendung zusammenbasteln. Ich finde, das gelang dann doch ganz gut.

Ich spielte viel Zeugs aus Deutschland, unter anderem deshalb, weil ich zwei CDs von Teenage Rebel Records dabei hatte. Damit ließ sich gut Terrorgruppe und Lokalmatadore spielen, District und Vageenas, eine ziemlich gelungene Mischung, wie ich finde, die ich mit den Schwarzen Schafen und den Public Toys gut abmischte.

Eine Ergänzung erbrachten amerikanische Bands. Ich stellte fest, dass Sampler von BitzCore Records dafür gut geeignet sind ... So konnte ich die Tocic Reasons ebenso spielen wie die Zero Boys, aber ebenso die göttlichen Black Market Baby und die knalligen Freeze.

Dazu noch ein bisschen Skapunk, ein wenig Oi!, und fertig war eine Sendung ohne Konzept, aber mit richtig viel guter Musik. Fand zumindest ich ... (Und wer wissen will, wie das aussieht, wenn eine Sendung während der Sendung konzipiert wird, schaue sich die Abbildung hier an.)

31 Juli 2017

Zweimal Hardcore aus Brasilien

In Brasilien erwarben sich die Bands Naifa und Morto Pela Escola in den Nullerjahren eine gewisse Bekanntheit; sie veröffentlichten beide diverse Tonträger. 2009 erschien eine CD, auf der sich insgesamt 17 Stücke beider Bands finden; beide knallig, beide aggressiv, beide auf ihre Art nicht schreiend originell, aber gut anzuhören.

Morto Pela Escola stammen aus Vila Velha, vier junge Männer, die rasanten Punk spielen, Punk in der ursprünglichen Bedeutung: Da ist nichts überproduziert, das ist wild und ungestüm und manchmal echt chaotisch. Der Sound ist ruppig, die Musiker können nicht besonders gut spielen, aber sie klingen absolut wütend und authentisch.

Der Sänger brüllt, dazu gibt es ab und zu mal hektische Chöre. Die Gitarre schraddelt, das Schlagzeug knallt – das ist definitiv keine überproduzierte Filigranmusik. Die acht Stücke gehen ruckzuck vorbei und knallen definitiv.

Naifa stammen aus São Paulo; die drei Musiker sind versierter und gehen klarer zu Werke. Wütend klingen sie auch, ihr Punk ist sehr Hardcore-lastig und erinnert an den sogenannten Euro-Hardcore der 80er-Jahre. Die Texte klingen politisch, sofern ich sie ansatzweise verstehe – das passt.

Der Sänger klingt rotzig, der Sound der einzelnen Stücke wird mit schnellen Gitarrenläufen rausgebolzt – dabei verzichtet die Band auf Metal-Anleihen. Schon klar: Originell ist das auch nicht, die Band orientiert sich aber gut an den 80er-Jahren und lässt in den neun Stücken keine Schwächen erkennen. Cool!

30 Juli 2017

Auf dem knallgelben Partybus

Am Samstagabend brodelte Karlsruhe wieder einmal; die Temperaturen waren auch gegen 23 Uhr noch zwischen 25 und 30 Grad. Die Leute auf der Straße trugen leichte Sommerkleidung, die Laune schien überall hervorragend und gleichzeitig friedlich zu sein.

Hinter dem Schloss tobte das Mittelalter-Phantastik-Spektakel – oder wie auch immer das genau heißt –, das wieder einmal Tausende von Leuten anzog. Wir schauten uns das Ganze im Vorbeigehen an, lauschten einer Band, die wummerigen Hardrock mit Dudelsack-Melodien verband und vom Publikum abgefeiert wurde, und erfreuten uns der zahlreichen Fackeln, die den Schlossgarten erleuchteten.

Vor dem Schloss wurde gearbeitet; für die Schlosslichtspiele, die im Verlauf der Woche starten werden, traf man die letzten Vorbereitungen. Lasermessgeräte waren im Einsatz, Techniker stiefelten herum.

Und überall saßen Leute. Die Anlage war voller Menschen, Tausende bestimmt. In Gruppen saßen sie herum, tranken Bier und Wein oder – wie einmal gesehen – Jägermeister; wie eine ruhige Party, die sich über eine große Freifläche erstreckte.

In der Innenstadt tummelten sich die Menschenmassen, auf dem Ludwigsplatz war bei den einzelnen Restaurants und Kneipen kein Sitzplatz im Freien mehr frei. Die ganze Stadt schien in einer kollektiven Partylaune zu sein.

Auch die Leute, die mit einem Partybus über die Straßen fuhren. Schon von weitem sah man den knallgelb angemalten Bus, hörte die Musik durch die teilweise geöffneten Scheiben dringen und hörte das Johlen der Partygäste. Es klang, als sei der Bus vollbesetzt, als seien Dutzende von Leuten dabei, sich kollektiv mit Alkohol und allerlei Drogen ins Nirvana zu befördern.

Als der Bus vorbeifuhr, konnten wir durchzählen: Sieben oder acht Menschen in dunklen Klamotten standen darin, zappteln zu der lauten Musik und johlten völlig aufgesetzt um die Wette. Es klang nicht nach einer echten Party – aber vielleicht irrte ich mich da auch –, sondern eher armselig, nach einem »schaut her, wie lustig wir sind!«, aufgesetzt und übertrieben.

Da lobte ich mir dann den Garten beim »Prinz Max«. In angenehmer, lauschiger Stimmung noch einen Absacker, noch einen Cocktail mitten in der Stadt, bereits nach Mitternacht – so kann Urlaub auch sein, und wenn es nur ein Samstag ist ...

28 Juli 2017

Letzter Arbeitsgang am Fantasy-Werk

An diesem Wochenende steht mir eine Arbeit bevor, die ich nicht zum ersten Mal mache: Ich schaue Satzfahnen durch. Der große Unterschied dabei ist, dass es sich um eine Satzfahne handelt, mit der ich privat verbandelt bin, und nicht eine von meiner liebsten Raketenheftchenserie.

Es geht nämlich um meinen Fantasy-Roman »Das blutende Land«, von dem ich an dieser Stelle nicht zum ersten Mal erzählt habe. Er wird ja m November bei Droemer-Knaur erscheinen.

Wer nicht weiß, was eine Satzfahne ist, dem erkläre ich es: Der Verlag hat im Prinzip alle Seiten meines Romans als Ausdruck genommen und an mich geschickt. Ich kann also jetzt noch mal genau schauen, ob die Lektorin ordentlich gearbeitet hat, ob das Korrektorat weiteren Unfug von mir streichen konnte oder ob mir haarsträubende Fehler auffallen werden.

Dabei muss man fairerweise anerkennen, dass ich nicht in der Lage sein werde, das alles haarklein durchzuschauen. Mehr als 500 Seiten lese ich nicht nebenbei, da bräuchte ich mehr Zeit – und ich bin sicher betriebsblind. Aber ich werde so gründlich wie möglich vorgehen, um so viele Fehler wie möglich zu finden und auszumerzen.

(Wobei mir eines klar ist: Sobald das gedruckte Buch vor mir liegt und ich es durchblättere, fällt mir garantiert etwas auf, das alle übersehen haben. Oder es gibt einen Leserin oder einen Leser, die oder der das merkt und sich wundert, »wie man so blöd sein kann« ... Das wiederum weiß ich zu gut von meiner »anderen Seite des Schreibtisches«.)

27 Juli 2017

Nach vierzig Jahren darf es weg

Wer mich schon einmal besucht hat, kann es sich kaum vorstellen – aber es ist eine Tatsache: Ich gebe Bücher weg. Ich verschenke sie, ich stelle sie in Bücherschränke, ich schicke sie an die Phantastische Bibliothek. Das mache ich immer wieder, und bei manchem Buch schmerzt es mich – aber täte ich das nicht, hätte ich wirklich keine Bewegungsfreiheit mehr.

Aktuell habe ich ein besonderes Buch, das ich wegtun möchte. Es tut mir weh, und ich habe es seit Jahrzehnten nicht mehr angeschaut. Ich fürchte, ich habe es in all den Jahrzehnten nur geblättert und nie gelesen.

Es handelt sich um »Rom«, verfasst von Gilbert Picard und mit zahlreichen Illustrationen ausgestattet, ein Bildband, der vor allem die Kunst des Römischen Imperiums präsentiert. Veröffentlicht wurde es im Pawlak-Verlag.

Meine Mutter schenkte mir das Buch zu Ostern 1977; eine handschriftliche Notiz belegt das. Das war einige Monate, bevor ich damit anfing, wie ein Besessener allerlei Raketenheftchen zu lesen.

Vielleicht wollte sie damit meinen »Bildungshunger« stillen, vielleicht war es ein Verlegenheitskauf. Sie selbst hatte sich mit dem Inhalt nicht befasst, das wusste ich.

Über all die Jahrzehnte behielt ich das Buch, weniger wegen des Inhalts, mehr wegen der Erinnerung. Es ist groß und dick, und es macht auch einen ordentlichen Eindruck. Ich habe es bei allen Umzügen mitgeschleppt, es hat alle Baustellen überstanden. Aber jetzt kommt es weg.

Ganz ehrlich: Ich werde es mit einem weinenden Auge in den Bücherschrank stellen. Vielleicht findet es jemanden, der es gerne liest und sich über die Notiz meiner Mutter freut. Ostern 1977 ist schließlich schon einige Jahre her ...

26 Juli 2017

Frühstück mit Rheinblick

In der Frühe trieb Nebel über den Fluss, obwohl die Sonne schon aufgegangen war. Ein einzelnes Ruderboot glitt über den Rhein, Vögel zogen über das Strauchwerk entlang der Ufer. Wer nur auf das Ufer und den Fluss schaute, konnte glauben, in einer anderen Zeit zusein.

An diesem Frühlingstag sollte es warm werden, schönes Wetter am Rand des Bodensees. Wir genossen den Aufenthalt in Gottlieben, einem kleinen Dorf unweit von Konstanz, aber nicht auf der deutschen, sondern auf der Schweizer Seite. Dort hatten wir uns im Hotel »Gottlieber Krone« einquartiert; mehr aus Not, weil in Konstanz alles ausgebucht war.

Das Hotel war richtig alt, gut dreihundert Jahre hatten die Wände hinter sich gebracht. Trotz allem altmodischen Charme waren die Zimmer modern, wir konnten weder über das Bad noch über die Ausstattung meckern. Und an diesem Morgen genossen wir das reichhaltige Frühstück und den freundlichen Service; hier passte alles zusammen.

Man hätte höchstens meckern können, weil es direkt beim Hotel praktisch keine Parkplätze gab und wir ein wenig zu gehen hatten. Aber das nahm ich gern in Kauf, wenn ich dafür das Gefühl hatte, sehr ruhig und gelassen übernachten und frühstücken zu können. Gern fahre ich wieder einmal nach Gottlieben, um am Bodensee und am Rhein ruhige Stunden zu verbringen.

25 Juli 2017

Das Intravenös mit knackigem Cover

Den ATLAN-Club Deutschland gibt es seit den 80er-Jahren; sieht man von einigen Unterbrechungen ab, bin ich seit gut dreißig Jahren in diesem Verein drin. Man kann nicht sagen, dass ich super-aktiv bin, aber ich lese die Fanzines und schreibe ab und zu etwas. Und mir ist durchaus bewusst, dass im Zeitalter von Internet und Blogs und Snapchat und dergleichen ein gedrucktes Fanzine mit einer sehr überschaubaren Auflage sehr antiquiert wirkt.

Doch dann fische ich die aktuelle Ausgabe 254 des Club-Fanzines »Intravenös« aus dem Umschlag und lache erst einmal auf. Eine solche Überraschung erlebe ich nämlich nicht, wenn ich auf eine Internet-Seite gehe. Das Titelbild zeigt augenscheinlich Atlan, den Helden der gleichnamigen Science-Fiction-Serie, vor dem Hintergrund seiner Heimatwelt Arkon. Sehr schön!

Den eigentlichen Inhalt des Heftes bilden Buchbesprechungen, Leserbriefe, Kurzgeschichten und Artikel, eine schöne Mischung also, die diesmal einen kritischen Schwerpunkt mit »meiner« Lieblingsheftromanserie hat. Das Heft umfasst 48 Seiten, liegt gut in der Hand und lässt sich gut lesen; nicht alles gefällt mir, aber das ist auch nicht wichtig.

Ich liebe solche klassischen Fanzines! Und wer mir bei dieser Liebe ein wenig folgen kann, schaue sich die Internet-Seite des Clubs an; dort gibt es dann mehr Informationen ...

24 Juli 2017

Knackig gerockt aus Freiburg

Aus der schönen Stadt Freiburg im südlichen Baden kommen seit vielen Jahren immer wieder überraschend gute Bands; viele davon habe ich im Lauf der Zeit gesehen. Irgendwie verpasste ich aber stets die Seducers, die es seit 2005 gibt und deren Bandmitglieder vorher in allen möglichen Kapellen gespielt haben.

Seit Dezember 2016 liegt die zweite Platte der Band vor, die mir ausgesprochen gut gefällt. Das Trio bollert insgesamt 14 Stücke raus, die im weitesten Sinne als Rockmusik gelten können. Das klingt stets klassisch, verortet sich irgendwie schon in den 70er-Jahren, wirkt aber nicht altmodisch, sondern eher cool und angenehm. Rock-Klischees werden weitestgehend vermieden.

Selten wird es punkig; stattdessen wird auch mal die Surf-Gitarre ausgepackt oder an Altmeister wie Johnny Cash erinnert. Wer mag, kann die Band in die Garagen-Ecke stellen oder sich auf Begrifflichkeiten wie Proto-Punk beziehen. Letztlich machen die Seducers gute Rock-Musik, die gelegentlich – als wäre es Absicht –durchaus mal stumpf und monoton klingt, mich aber stets packt.

Die englischen Texte sind oft schlicht, erzählen von alltäglichen Dingen und verzichten auf politische Aussagen. Das aber passt hervorragend zur Musik, die eingängig ist und auf jeglichen Firlefanz verzichtet. Gefällt!

Fairy Tail Special als Gratis-Comic

Es soll ja keiner sagen, dass ich nicht auch mal Dinge probiere, die mir eigentlich nicht sonderlich gefallen. Als es beim Gratis-Comic-Tag ein Sonderheft aus der Reihe »Fairy Tail« gab, nahm ich das bereitwillig an mich; mittlerweile las ich es auch. Mangas können schließlich cool sein, und bei diesem Comic handelt es sich sogar um eindeutige Phantastik.

So richtig kapiert habe ich das Heft allerdings nicht. Klar – es handelt sich bei »Fairy Tail« um eine umfangreiche Serie, von der es schon Dutzende von Bänden gibt. Das »Special«-Heft trägt den Titel »Fairy Akademie« und stellt die bekannten Figuren in eine Schul-Umgebung. Für Kennerinnen und Kenner der Serie ist das sicher ein großes Vergnügen.

Ich habe logischerweise viele der Gags nicht verstanden. Irgendwie handelt es sich bei den Figuren um Wesen, die sich verwandeln können. Ihre Gegner kommen von der Phantom-Akademie. Es gibt also allerlei phantastische Effekte.

Künstlerisch bietet Hiro Mashima sehr klassisches Manga-Futter, weder besonders gut, noch besonders schlecht. Die Mädchen zeigen viel Bein und kurze Röckchen; immerhin verzichtet man darauf, ständig die Schlüpfer zu zeigen.

Also muss ich fairerweise sagen, dass ich zu wenig Kenntnisse habe, um diesen Comic zu beurteilen. Für Fans der erfolgreichen Serie dürfte das Gratis-Heft aber ein echter Leckerbissen sein ...

23 Juli 2017

Blutwurst und Kokosnüsse

Die Kunstmesse »UND« hat sich in Karlsruhe in den vergangenen Jahren ein schönes Profil erarbeitet. Sie präsentiert vor allem lokale Künstler, und sie weicht in immer wieder andere Gebäude aus. Im Sommer 2017 zeigte die »UND« in den Räumen der Dragonerkaserne viel Kunst – ich ging aber hin, weil ich lokale Bands sehen wollte.

Ich traf am Freitagabend, 21. Juli 2017, erst gegen halb elf Uhr abends ein. Es war schon nachts, es sah nach Gewitter aus, die Luft war drückend und schwül. Ich bezahlte meinen Eintritt, kaufte ein kühles Bier und schaute mich um.

Im Kleinen Saal im mittleren Stock lärmte eine Band, deren Namen ich nicht verstand und mitbekam. Irgendwie war es schon Hardcore, eher in der Art, wie ihn britische Bands ab 1985 spielten, eben der Sound überdimensionierter Staubsauger mit eher unartikuliertem Gebrüll. Ein Dutzend Leute saß auf dem Boden und schaute sich das an.

Ich kam an diesem Abend nicht damit klar und schlenderte durch die Räume, betrachtete Kunstwerke, trank Bier und sprach mit Leuten. Die Dragonerkaserne füllte sich immer mehr; Kunststudenten und Punks vermischten sich, und es entstand eine richtig nette Stimmung.

Kurz vor Mitternacht begann im Kleinen Saal dann Blutwurst. Die Band habe ich im Verlauf der Jahre schon oft gesehen; ich finde sie gut. Der Sänger machte seine Ansagen im breitesten Badisch, die Texte sang er in englisch, und musikalisch war das Ganze gediegener Punkrock mit Emo-Kante – anders kann ich es jetzt gar nicht beschreiben.

Gut fünfzig Leute waren im Saal, es herrschte angesichts der fürchterlichen Schwüle ein ständiges Kommen und Gehen. Weil direkt nebenan ein Wohngebiet war, mussten die Fenster offenbar geschlossen werden.

Konsequenterweise wurde am Ende eine Blutwurst zerbissen, das war dann für die Kunststudenten sicher so etwas wie »Eventkunst«. Ein schöner Auftritt der Band, die danach sehr erschöpft und verschwitzt wirkte.

Ich trieb mich auf den Fluren herum, trank Bier, ging in den Großen Saal, wo eine IndieRock-Band spielte, trank weiteres Bier und kam irgendwann wieder in den Großen Saal, wo im obersten Stockwerk dann kurz vor zwei Uhr noch die Coconuts auftreten. Gut 150 Leute fanden sich ein, alle sommerlich gekleidet, alle verschwitzt, viele angetrunken – die Coconuts sorgten mit flottem Surfsound tatsächlich dafür, dass einige tanzten.

Als ich sehr viel später das Gebäude verließ, war es immer noch warm. Dutzende junger Leute saßen im Hof auf dem Boden, tranken Bier, rauchten und unterhielten sich. Immer noch konnte man Kunstwerke anschauen – so kann ich mir auch eine Ausstellung gönnen ...

21 Juli 2017

Im Grand Hotel in Cabourg

Es gibt die Augenblicke, in denen ich mit offenem Mund stehen blieb – und von denen hatte ich an diesem Tag gleich mehrere. Cabourg liegt in der Normandie, und das Grand Hotel spielt als Kulisse in mehreren französischen Filmen eine Rolle, auch in der Literatur (googelt mal nach Marcel Proust ...). Wir hatten uns dort für einige Tage einquartiert.

Ich staunte, als ich auf das Gebäude zufuhr und ich mir wirklich vorkam, als sei ich in der Kulisse für einen Film, der in den fünfziger Jahren spielt. Ich staunte, als ich in der Hotelhalle stand und die prunkvolle Einrichtung sah, die insgesamt zwar recht plüschig wirkte, aber gar keinen unsympathischen Eindruck machte.

Und ich staunte, als ich das Zimmer betrat, in dem das Bad so groß war wie in normales Hotelzimmer, und von dessen Fenster aus ich einen unglaublichen Blick hinaus auf den Kanal hatte. Hier passte alles zusammen. Das beste an dem Ensemble war vor allem, dass sich die Eigentümer und das Personal offenbar nicht auf den Errungenschaften früherer Jahrzehnte ausruhen wollten, sondern alles taten, um auch modern und zeitgenössisch zu sein.

Klar – normalerweise könnte ich mir das weder leisten, noch wollte ich da zwei Wochen verbringen. Aber im Urlaub schaue ich nicht immer aufs Geld, und ... hey, ich wollte schon immer auf den Spuren von Marcel Proust wandern.

Vielleicht setze ich mal eine Woche in so ein Zimmer und schreibe dann auch einen »Jahrhundertroman«. Man soll ja die Hoffnung nie aufgeben ...

20 Juli 2017

Comic-Dokumentation über einen staatlich sanktionierten Mord

Ich bin nach wie vor sehr froh darüber, im Sommer 2001 nicht zu den großen Demonstrationen nach Genua gefahren zu sein. Die jähren sich in diesen Tagen wieder einmal.

Vielleicht hätte ich zu den Tausenden von Menschen gehört, die von der Polizei verprügelt oder mit Tränengas beschossen worden sind. Vielleicht wäre ich – wie viele andere – nachts im Gewahrsam misshandelt oder gefoltert worden.

Ich wäre auch nicht Zeuge an einem Mord gewesen, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Carlo Giuliani wurde von einer Kugel aus einer Schusswaffe der Polizei getroffen, dann fuhr man zweimal mit einem schweren Fahrzeug über den noch lebenden Körper, bevor ihn Polizisten mit Stiefeltritten malträtierten. Zuletzt wurde ihm der Schädel mit einem Stein eingeschlagen. Verurteilt wurde dafür niemand.

Der Comic »Carlo Vive« übernimmt die Aufgabe, die Ereignisse jenes Sommertages sowie die darauf folgenden Prozesse ebenso darzustellen wie die Vorgeschichte des Opfers. Die Lügen der Polizei und der Presse werden thematisiert; es wird klargestellt, dass die offiziellen Aussagen nicht stimmen können, weil die Widersprüche zu krass sind.

Francesco Barilli und Manuel De Carli – es ist nicht so klar, wer Autor und wer Zeichner ist – übernahmen die Aufgabe, die zahlreichen Fakten und Aussagen so aufzubereiten, dass man daraus eine Art Geschichte machen konnte. Die Biografie des Getöteten wird nachbereitet, es gibt Aussagen seiner Eltern und seiner Freunde – am Ende wird klar, dass Carlo eigentlich nicht der Mensch ist, als den ihn der Staat und die Polizei darstellten.

Zeichnerisch bleibt der Comic sehr zurückhaltend. Schwarzweiße, manchmal skizzenhafte Bilder zeigen die Auseinandersetzungen in Genua und vor allem die Interviews mit den Hinterbliebenen. Die einzelnen Aussagen werden durch Zeugenaussagen belegt, es wird auf Bild- und Tonaufnahmen hingewiesen.

Kritiker könnten einwenden, dass dies kein objektives Sachbuch ist. Das will »Carlo Vive« auch nicht sein. Der Comic bezieht Stellung, und er fordert Gerechtigkeit für einen jungen Mann, der bei einer Demonstration erschossen worden ist.

Veröffentlicht wurde der Comic im kleinen Verlag Bahoe Books. Man kann ihn mithilfe der ISBN 978-3-903022-38-6 in jeder Buchhandlung bestellen, auch bei den bekannten Versendern. Ich finde ihn wichtig – vor allem in Zeiten, die sich wie 2001 »nach Genua« und 2007 »nach Rostock« anfühlen.

Bärtige Plaudereien von 1964

Als die erste Ausgabe des Fanzines »bärtige pladerein« erschien, konnte ich noch nicht gehen und war nicht in der Lage, ganze Sätze zu sprechen: Das Fanzine wurde von Axel Melhardt geschrieben und veröffentlicht, es kam am 24. August 1964 aus der Umdruckmaschine.

Vor allem wurde das Fanzine als Beilage der Fanzine-Sammlung »FAN« verschickt – damals in diesen Vor-Internet-Zeiten ein wichtiges Instrument zur Kontaktpflege zwischen Science-Fiction-Aktivisten. Man konnte es zwar auch separat erhalten, wichtig erschien dem Herausgeber aber die Möglichkeit, mithilfe seines Blattes allerlei Auseinandersetzungen über die Science Fiction und ihre Fans anzustoßen.

Der Bart im Titel spielt auf die Haartracht an, die sich Melhardt – damals ein junger Fan, heute der Chef des »Jazzland« in Wien – in den 60er-Jahren wachsen ließ. Und wer nicht weiß, dass »pladerein« ein österreichischer Begriff für »Plaudereien« ist, den stört sicher auch nicht, dass im acht Seiten umfassenden Mini-Fanzine ständig von »plauderein« die Rede ist; da war sich der Macher nicht so ganz über den Titel einig ...

Ein launiger Conbericht gehört ebenso zum Inhalt wie eine Diskussion über »Bewertungssysteme in der SF-Literatur«; der damalige Jung-Fan Eckhard D. Marwitz wird wegen der »masslosen Ueberschätzung der eigenen Person« kritisiert, und es wird über Fanzines geplaudet. Axel Melhardt, Jahrgang 1943, war damals ein junger Mann und stets an einer handfesten Auseinandersetzung interessiert. Das merkt man dem Fanzine an.

Er hätte gern stärker über die Science Fiction diskutieren wollen, kritisierte gleichzeitig aber die »Inaktivität und Faulheit diverser Leutchen, wünschte sich eine intensivere Diskussion mit anderen Fanzinemachern und nannte Themen, die ihn interessierten. Seine Erwartungen seien hoffentlich »keine Fantasy« äußerte er am Ende – womit belegt sein dürfte, dass der Begriff »Fantasy« als Bestandteil der phantastischen Literatur im deutschsprachigen Raum schon in den 60er-Jahren bekannt war.

Ich liebe diese Einblicke in eine Fan-Szene, die lange vor meiner »eigenen Zeit« lag. Vieles war damals völlig neu, die Fans konnten sich noch frei entfalten – Grundregeln der Höflichkeit wurden jederzeit eingehalten. Diese Regeln sind im Internet-Zeitalter nicht mehr unbedingt üblich ...

19 Juli 2017

»Djinn« als Gratis-Comic

Jean Dufaux ist einer der französischen Comic-Künstler, die Werke in vielen Genres entwickelt haben: Krimi oder Fantasy, historische Geschichte oder Erotik – und gern alles schön gemischt. »Djinn« ist in gewisser Weise eine Mixtur aus diesen Richtungen. Beim Gratis-Comic-Tag 2017 gab es ein kostenloses Heft, das die erste Geschichte der Serie enthielt.

Erzählt wird von einer jungen Engländerin, die in Istanbul auf die Suche geht. Sie erkundigt sich nach ihrer Großmutter, die in der osmanischen Zeit in politische wie erotische Konflikte verwickelt worden ist. Die junge Engländerin muss feststellen, dass es nicht so einfach ist, in der heutigen Türkei nach Spuren der Vergangenheit zu forschen ...

Diese Geschichte ist der Auftakt zu einer Serie, die auf zwei Zeitebenen spielt: Gegenwart und Vergangenheit. Vieles wird in dem Heft, das den Titel »Die Favoritin« trägt, nur angerissen; wer mehr wissen möchte, muss die anderen Geschichten kaufen. Welche Verbindungen es zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart gibt, ist beispielsweise noch völlig unklar.

Sicher ist, dass Jean Dufaux ein spannendes Garn erzählt; es geht um politische Intrigen und erotische Verwicklungen – das macht auf den weiteren Verlauf der Geschichte neugierig. Die Zeichnungen von Ana Miralles sind manchmal ein wenig steif, illustrieren die Geschichte aber sehr gut; der zurückhaltende »realistische« Stil stellt die Situation im Harem ebenso dar wie aktuelle Entwicklungen. Erotik bringt die Künstlerin eher dezent aufs Papier; für Voyeure gibt es also wenig zu gucken.

»Djinn« macht neugierig; hier hat der Gratis-Comic erneut seinen Zweck erfüllt. Mal schauen, was es bei »Alles Gute!« sonst dazu zu sagen und zu lesen gibt ...

18 Juli 2017

Drei Science-Fiction-Welten in einer

Zu den Science-Fiction-»Marken«, die jeder irgendwie kennt, zählen »Predator« und »Aliens« – zu beiden Kino-Verfilmungen gab es seit den 80er-Jahren zahlreiche weitere Auswertungen in Form von Filmen, von Comics und Romanen. Es lag also auch nahe, daraus »Crossover« zu entwickeln. Und wenn man eh schon dabei ist, packt man gleich noch die Marke »Judge Dredd« dazu ...

Es gibt tatsächlich einen Comic, der sich »Predator vs. Judge Dredd vs. Aliens« nennt; für Science-Fiction-Fans, die gerne serienübergreifend lesen, ist das sicher ein großer Spaß. Ich habe mir das Heft geschnappt, das es beim Gratis-Comic-Tag 2017 gab, und endlich gelesen. Veröffentlicht wurde es – wie die gesamte Serie – von Cross Cult.

Um es kurz zu sagen: Erzählt und gezeichnet ist das Ganze sehr gut. John Layman hat einen knackigen Text verfasst, Chris Mooneyham hat toll illustriert, und die Farbgebung von Michael Atiyeh sorgt für eine dynamische Präsentation. Die Macher haben nichts falsch gemacht, die Geschichte ist manchmal ironisch – wie man es bei »Judge Dredd« erwartet – und macht eigentlich Laune auf mehr.

Capaje aus Valencia

Über die Band Capaje weiß ich nicht viel. Die drei Musiker stammen aus Valencia in Spanien, und ich höre seit Tage ihre Platte »Inagotable suministro«. Sie wurde 2013 aufgenommen; es gibt eine auf 200 Exemplare limitierte Version auf Vinyl – die muss ich mir irgendwie noch besorgen, glaube ich. Denn ich höre diese Platte in ihrer elektronischen Version schon seit Tagen immer wieder an.

Das ist kein Punkrock, schon klar; es ist aber auch kein Hardcore oder Emocore. Ich tu' mich bei der Mixtur, die von den drei Männern serviert wird, tatsächlich schwer, eine vernünftige Definition zu finden. Was natürlich auch nicht wichtig ist.

Geboten wird Rockmusik im weitesten Sinne, ein Bass, eine Gitarre, ein Schlagzeug und drei Männer, die abwechselnd singen. Der Sound ist treibend, die Musik finde ich mitreißend, die Melodien knallen, ab und zu wird richtig gebrüllt, dann aber wieder gesungen.

Schon klar, die Musik wird von Capaje nicht neu erfunden. Was die drei jungen Männer heute machen, hätte man in den 80er-Jahren bei Dischord Records gefunden. Heute stoße ich bei Bandcamp auf solche Bands – und freue mich darüber, dass mir so was immer noch gefallen kann ...

17 Juli 2017

Der ENPUNKT im Jugendkulturen-Blog

Den Blog der Jugendkulturen schaue ich mir immer wieder gern an; vor allem, wenn dort Fanzines aus aller Welt präsentiert werden. Heute fand ich es besonders spannend – es ging in einem lesenswerten Artikel um mein Fanzine ENPUNKT, das ich ab 1986 veröffentlichte und dessen Ausgaben ich heute noch gern durchblättere. Die erste Ausgabe hatte noch eine sehr geringe Auflage, zeitweise lag die Auflage bei 700 Exemplaren, und die letzte Ausgabe kam 2006 heraus.

Ich verkaufte das Heft immer zu einem erschütternd niedrigen Preis, hatte nie bezahlte Werbung auf den jeweiligen Seiten und ließ mich gern in Bier bezahlen. Der Inhalt war durchaus schroff – Schreibfehler wurden zwar nicht gerade provoziert, störten aber nicht. Das Layout war nie sonderlich gut, wenngleich ich mir Mühe gab. Ich war eben immer ein Schreiberling, kein Layouter.

Und in den Grenzbereichen zwischen Punkrock und Science Fiction, in denen ich mich seit Jahrzehnten bewege, war mir recht egal, wie viele Leute das Heft mochten und kauften. Über Lob freute ich mich – logisch! –, bei manchen Leuten freute ich mich auch, wenn sie's scheiße fanden.

Der Artikel von Christian Schmidt ist sehr gut, finde ich; er zeichnet die Geschichte meines Fanzines nach, lobt es ausgiebig und weist vor allem darauf hin, dass man es im Archiv der Jugendkulturen ausleihen kann. (Dieser Blog hier ist im Prinzip nichts anderes als das Fanzine von »damals«, nur eben elektronisch.)

Manchmal vermisse ich solche Hefte. Vielleicht gibt es sie noch und ich kenne sie nicht. Aber wahrscheinlich haben die meisten Leute ihre entsprechenden Aktivitäten ins Netz verlegt. Sogar Blogs gelten ja mittlerweile als altmodisch.