23 Januar 2017

Hotel Of Usher

Dank der Seite »efanzines.com« ist es heute auch möglich, sich Fanzines genauer anzuschauen, die aus halb vergessenen Zeiten stammen. Im aktuellen Fall geht es im das kleine Fanzine »Hotel Of Usher«, das offenbar mithilfe eines Umdruckers hergestellt wurde – da dürfte die Papierqualität seit bald fünfzig Jahren nicht besser geworden sein. Ich habe es mir in den vergangenen Tagen immer mal wieder angeschaut.

Offenbar scheint es sich um ein frühes Exemplar eines typischen Con-Fanzines zu handeln; an solchen Publikationen habe ich vor allem in den 80er-Jahren selbst mitgemischt. Erstellt wurde es während des BayCons, des 1968er-WeltCons, der im Hotel Claremont in der kalifornischen Stadt Oakland veranstaltet wurde.

Schaut man sich das Fanzine an, scheint viel schiefgegangen zu sein: Nicht nur, dass eine fürchterliche Hitze herrschte und die Klimaanlage ausgefallen war; auch die Fahrstühle hatten ihre Ausfälle.

In dieser Situation wurde geschrieben und gezeichnet, gereimt und geblödelt, und heraus kam »The Hotel Of Usher«. Leute wie Vonda McIntyre sind bei den Mitarbeitern zu finden; in späteren Jahren wurde sie mit ihren Kurzgeschichten und Romanen berühmt. All das mit dem Abstand von so vielen Jahren nachzulesen, das macht mir als ollem Science-Fiction-Fan einfach großen Spaß ...

22 Januar 2017

Endlich Birdman!

Den Kinofilm »Birdman« hatte ich verpasst, als er hierzulande in den Kinos war; jetzt sah ich ihn endlich auf DVD. Ich glaube, ich habe einen neuen Lieblingsfilm, zumindest einen, den ich in künftigen Jahren immer als einen meiner Lieblingsfilme bezeichnen möchte. Der Film pendelt zwischen ernsthaftem Drama, schräger Komödie und phantastischem Streifen hin und her, nimmt den Zuschauer dabei stets so ernst, dass ich zumindest das alles gerne mitgemacht und angeschaut habe.

Die Handlung ist recht komplex, lässt sich aber erstaunlich gut zusammenfassen. Ein alternder Schauspieler wurde in jungen Jahren vor allem dadurch bekannt, dass er den Comic-Helden »Birdman« spielte. Weil er danach jahrelang nichts mehr auf die Reihe bekam, versucht er nun, ein Theaterstück an den Broadway zu bringen (erfreulicherweise nach einem Text des genialen Kurzgeschichtenautors Raymond Carver) – dabei geht ziemlich viel schief.

Wer es genauer wissen will, schaue sich entsprechende Berichte im Internet an; die sind teilweise sehr ausführlich. Mich verblüffte an diesem Film vieles: Beispielsweise gibt es als Soundtrack nicht das bekannte Orchester-Gedudel, sondern ein reines Schlagzeug-Gewitter. Atemlos und jazzig hetzt das Schlagzeug einen durch die Szenen, das ist mitreißend und ungewöhnlich.

Der Hammer ist die Kameraführung; für mich sah es aus, als seien unglaublich lange Szenen ohne einen einzigen Schnitt gedreht worden. (Wenn ich die entsprechenden Berichte lese, war's wohl vor allem gut eingesetzte Digitaltechnik.) Das Ergebnis ist verblüffend; so etwas habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Das gleiche gilt für die Schauspieler. Michel Keaton – der ja durch »Batman« bekannt geworden ist – spielt den Mann, der an »Birdman« gekettet ist, als gebrochenen Charakter, der in sich widersprüchlich ist Emma Stone macht eine unglaubliche rotzige Göre, Naomi Watts spielt eine verzweifelte Frau, und so weiter; zeitweise hatte ich das Gefühl, dass die bei ihrer Darstellung über sich selbst hinauswuchsen.

Das liegt sicher an Alejandro González Iñárritu. Von dem Mann kannte ich bisher »bewusst« nur einen Film. Es war der absolut umwerfende »The Revenant« mit Leonardo Di Caprio. Was ich nicht wusste: Ich kannte von dem Regisseur auch »Amores Perros« (ein Episodenfilm über Hundeliebhaber), seinen Beitrag zum »9/11«-Episodenfilm sowie den Mainstream-Streifen »Babel«. Die Filme, die ich noch nicht von ihm kenne, werde ich jetzt wohl auch alle anschauen müssen ...

21 Januar 2017

Aktuelle Projekte 2017

Das Jahr 2016 wurde für mich unter anderem dadurch geprägt, dass ich einen voluminösen Fantasy-Roman geschrieben habe – voluminös für mich. Er wird im Herbst 2017 erscheinen; ich habe mittlerweile auch schon das Titelbild gesehen und freue mich sehr auf das fertige Buch. Weitere Details folgen, sobald ich Genaueres sagen kann.

Derzeit bastle ich immer wieder an »Der gute Geist des Rock'n'Roll«; das ist die aktuelle Fortsetzungsgeschichte, die im »OX«-Fanzine erscheint. Wer mag, kann es als Fortsetzung der »Peter Pank«-Trilogie betrachten ...

Was ich aber vorrangig behandeln möchte, ist das Buch, an dem ich mit einem Freund zusammen schon seit fünf Jahren doktere. Das liegt nicht an ihm, sondern an mir – zu viele Projekte, zu wenig Zeit. Aber es ist inhaltlich ein Knaller, behandelt er doch Dinge, von denen jeder ein wenig weiß, aber nicht so richtig viel.

Ich möchte die Rohfassung des Buches bis Februar abschließen; die Texte des Freundes liegen schon lang vor. Dann können wir beide ans Lektorat gehen, so dass wir hoffentlich die Endversion im Frühjahr an den Verlag schicken werden. Und dann hoffe ich, dass es in diesem Jahr noch was mit dem fertigen Buch wird.

Es hängt immer an der Zeit. Aber da ist alles Gejammer unnötig. Ich müsste einfach weniger Zeit auf eine gewisse Raketenheftchenserie ausrichten, dann hätte ich mehr Zeit für eigene Schreibprojekte ...

20 Januar 2017

Ein echter Krimi-Kracher

Bereits 2013 erschien in deutscher Sprache der Krimi »Der katholische Bulle«, zu dessen Lektüre ich leider erst vor einigen Wochen kam. Danach kaufte ich mir übrigens gleich alle anderen Romane, die es von dem Autor bislang in deutscher Sprache gibt – ich finde, das ist dann auch ein Statement ...

Der Mann heißt Adrian McKinty, ist Jahrgang 1968 und kommt aus Nordirland. Dort spielt auch sein Roman. Und weil sein Held ein wenig älter ist als der Autor und Journalist – der nach Zwischenstopps in New York und Denver heute in Melbourne in Australien lebt –, gehe ich davon aus, dass McKinty sehr genau weiß, wovon er schreibt ...

Sein Roman spielt nämlich im Nordirland des Jahres 1981. Sean Duffy, der Held des Krimis, ist Katholik, wohnt aber in einer protestantischen Gegend und ist in einer Einheit von Polizisten, die allesamt protestantisch sind. Der Mann hat also von morgens bis abends Probleme, während er versucht, seinen Job so gut wie möglich zu machen.

Kein Wunder, die Zeiten sind gefährlich. Will Duffy mit seinem Auto losfahren, checkt er es erst einmal, ob nicht ein Sprengsatz irgendwo befestigt ist. Explosionen von Bomben werden quasi nebenbei erwähnt, ständig kommt es zu Unruhen in den Straßen von Belfast. Neben all diesen politisch-religiösen Konflikten gibt es auch ganz gewöhnliche Morde, die Duffy aufklären möchte.

»Der katholische Bulle« ist ein beinharter und richtig starker Krimi. Er enthält Lokalkolorit – man lernt viel über den Nordirland-Konflikt – und zeitgenössisches Dekor, von der Musik bis zu den Klamotten. Duffy hört ständig Musik, das ist mal Punk, mal Pop, und die Musik sorgt schon dafür, dass man den Roman so richtig gut mitbekommt.

Manchmal wirkt er wie ein historischer Roman. Es werden viele Informationen über den Konflikt in Nordirland vermittelt, es gibt haufenweise historische Fakten. Was aber dabei richtig gut ist: Der Autor vermittelt sie unterhaltsam und niemals belehrend; hält sich auch mit einer eigenen Meinung sehr bedeckt.

Insgesamt ein echter Krimi-Kracher, der spannend erzählt ist, der einen manchmal den Atem anhalten lässt, der vor allem aber ein packendes Zeitgefühl vermittelt. Toller Roman, absolut empfehlenswert!

19 Januar 2017

Schnarchzapfen-Rock

Selbstbewusstsein kann man den Herren von Beggars Street Inn nicht absprechen. Ihre Platte, die im Herbst 2015 erschienen ist, taufte die Band aus Boston auf den hübschen Namen »Probably The Best Record In The World«. Schon klar, das ist Ironie – aber recht haben sie damit auf keinen Fall.

Ich bin sicher, dass es viele Leute geben wird, die den aufwendig produzierten Sound der Band mögen werden. Da tröten die Bläser, die fiedeln die Gitarren, dazu kommt die rockige Stimme des Sängers – das ist alles gut gemacht. Die Texte sind entsprechend; man will »get crazy« sein und singt viel »yeah«.

Mein Problem: Was anfangs recht schmissig klingt – das erste Stück heißt »Rip The Strip« und klingt nach einer Rock’n’Roll-Bigband –, wird immer lahmer. Schnell gerinnt alles zum Klischee, inklusive zäher Rock-Balladen, wie man sie aus den 80er-Jahren zu Genüge kennt.

Letztlich bleibt in meinen Ohren alles sehr klischeehaft: Von den Riffs über die Stimme bis hin zu den Texten, alles kommt einem irgendwie bekannt vor. Am Ende bringt die Band dann nur noch Balladen, was ich gruselig finde.

Für meinen Geschmack sind nur das erste Stück sowie »»I’m Waiting For My Man« – eine Coverversion also ... – gut genug, dass ich sie noch einmal anhören würde. Aber machen wir uns nichts vor: Es gibt glücklicherweise Menschen, die genau diese Art von Musik mögen, und für sie ist sie gemacht. Ich halt nicht.

18 Januar 2017

Der Schopf in der Talstraße

Die Talstraße verlief quer durch das Dorf, und nach dem Gottesdienst spazierte ich mit meinen Eltern häufig dort entlang. Die Talstraße begann an dem Platz, der keinen Namen hatte, an dem aber die evangelische Kirche, das Schulhaus und das Rathaus standen; im weiteren Verlauf kam man an der einzigen Tankstelle des Dorfes, an einem Ladengeschäft und einer Metzgerei vorbei. Die Straße hatte keine Gehsteige, man ging am Straßenrand und wich den seltenen Autos und Traktoren aus, indem man sich einfach auf die Seite stellte.

In den späten sechziger Jahren war das Dorf eine beschauliche Welt. Die Leute grüßten sich, wenn sie sich auf der Straße begegneten; die meisten kannten sich und sprachen breites Schwäbisch. Im Neubaugebiet auf der »Rossweide« siedelten sich die Hochdeutschen an, die Kontakte der Zugezogenen zu den Alteingesessenen hielten sich aber in Grenzen. Und die Politik war eher konservativ, so viel bekam ich als Kind schon mit.

Am Anfang der Talstraße, eigentlich schräg gegenüber des Rathauses, erhob sich ein alter »Schopf«: ein einfacher Schuppen, dessen Außenwand aus schlichten Brettern bestand, der aber mit Dachziegeln gedeckt war. Was sich darin befand, wusste ich nicht; es war auch nicht wichtig. Aber eines Tages gab es eine große Schmiererei auf diesem Schopf.

Jemand hatte in riesengroßen, wenngleich etwas krakeligen Buchstaben »NPD« auf die Wand geschmiert, mit einem Pinsel und schwarzer Farbe. Weil der Besitzer des Schopfes offenbar den Aufwand scheute, entfernte er die Schmiererei nicht, sondern ließ sie. Jeder, der durch die Talstraße ging, musste an dem »NPD«-Schriftzug vorüber.

Irgendwann fragte ich meinen Vater, was das heiße. »Die NPD«, erklärte er in seiner direkten Art und in breitem Schwäbisch, »die den Hitler wiederhaben wollen.« Mehr musste man 1969, als die Partei im Landtag von Baden-Württemberg saß und in den Bundestag einziehen wollte, nicht über diese Partei sagen. Mehr Politik war nicht nötig – ist es manchmal auch heutzutage nicht.

(Ich erinnere mich an diese Szene übrigens mit unglaublicher Klarheit. Ich kann mich sogar an das Wetter erinnern und an das grelle Licht, das herrschte. Ob die Schmiererei jemals verschwand, habe ich aber vergessen. Wahrscheinlich wurde der Schopf irgendwann abgerissen ....)

17 Januar 2017

Sagittarius kam im Winter

In diesen Tagen beschäftige ich mich gelegentlich mit Sagittarius. Damit ist nicht das Sternbild Schütze gemeint – es geht um eine Zwerggalaxis, die unsere heimische Milchstraße umkreist. Und wie es der Zufall eben so will, wird es demnächst Romane geben, die dort spielen. Da fällt mir selbstverständlich sofort ein, wie das »damals« war.

Ende Januar 1980 kam die erste Ausgabe des Fanzines SAGITTARIUS heraus; es war mein erstes Science-Fiction-Fanzine. Ich war mächtig stolz auf das Heft, das einen Umfang von 48 Seiten und eine Auflage von 100 Exemplaren hatte.

Schaue ich mir das Heft heute an, erkenne ich die vielen Schwächen, die es hatte. Für einen Jungen, der gerade mal 17 Jahre alt geworden war und in einem Dorf im Schwarzwald wohnte, war es aber eine riesige Leistung, so ein Heft aus dem Boden zu stampfen. Dass ich damals unglaublich stolz darauf war, kann ich heute noch sehr gut verstehen.

Zuvor hatte ich an Schülerzeitungen mitgewirkt oder eine eigene Zeitung produziert, die eine Auflage von genau einem Exemplar hatte. SAGITTARIUS bedeutete den ersten Schritt zu all den Dingen, die mein Leben danach prägen sollten: Ich schloss mit allen möglichen Leuten meine ersten Kontakte, korrespondierte mit vielen Leuten in der ganzen Republik und traf auch bald die ersten Profis.

Über SAGITTARIUS kam ich zur Südwest-Presse und von dort aus weiter. Über SAGITTARIUS kam ich letzten Endes an den Verlag, in dem ich heute arbeite. Und ohne SAGITTARIUS und den Spaß, den ich damit hatte, wäre sicher auch kein ENPUNKT entstanden, keine Mitarbeit am »Zap«- und »Ox«-Fanzine und damit eben keine »Peter Pank«-Romane.

Dass ich mich in diesen Tagen wieder mit dem realen Sagittarius beschäftige, finde ich vor diesem Hintergrund sehr witzig. Ich schwöre, dass ich das den Autoren nicht eingeredet habe – die sind da selbst draufgekommen ...

16 Januar 2017

Regenwetter in Südafrika

Eine Erinnerung an das Jahr 1993

Der Sonntag, 26. Septeber 1993, war grau und fies. Es regnete und nieselte den ganzen Tag, so dass ich teilweise in einer verdrießlichen Stimmung durch die Gegend latschte. Ich hielt mich in Kapstadt auf, der Metropole an der Südspitze von Afrika, und mein Tagebuch verzeichnet zu diesem Tag wenig erfreuliche Sätze.

Eigentlich hatte ich über den Signal Hill spazieren wollen, um mich auf der anderen Seite des Berges an den Strand zu legen; noch später wollte ich an der Waterfront entlang bummeln, um vielleicht sogar einige Fotos zu schießen. Bei dem andauernden Regen fiel das allerdings flach.

Frustriert saß ich im Hostel herum, trank viel Wasser, um die Spätfolgen des Krachkonzertes auszugleichen, das ich am Vorabend besucht hatte. Ich war die halbe Nacht durch Kapstadt gestromert, hatte einer Grunge-Rock-Band gelauscht, war bei einer Party gewesen, war mit meinem frisch rasierten Iro einigermaßen aufgefallen und hatte mich mächtig betrunken.

Das rächte sich an diesem Sonntagmorgen. Ich quälte mich durch den Tag, konnte anfangs nichts essen und lümmelte vor allem im Gemeinschaftsraum herum. Immerhin war mir ein Buch in die Hände gefallen, das mich fesseln konnte: »Feuersturm« von Hermann Wouk, ein Roman über den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus amerikanischer Sicht.

Erst am frühen Nachmittag ging es mir langsam besser. Allerdings regnete es immer noch. Was sollte ich an einem Schlechtwettertag in Südafrika eigentlich anfangen ...?

15 Januar 2017

Die Phantastisch! wird 64

Mein Kollege Klaus Bollhöfener ist ein echter Tausendsassa – und er nimmt keinerlei Rücksicht auf mein Lesetempo. Dieser Tage drückte er mir bereits die Ausgabe 65 der Zeitschrift »Phantastisch!« in die Finger, die er redaktionell betreut, und ich hatte es gerade mal geschafft, die Ausgabe 64 zu lesen. Das ist schon hart ... aber ich räume ein, dass ich hier ein echtes Luxusproblem habe.

Ernsthaft: Die »Phantastisch!« lese ich immer komplett, und das dauert halt manchmal seine Zeit. So hat die Ausgabe 64 eben haufenweise lesbare Beiträge zu bieten, und solchen Texten möchte ich mich halt mit einer gewissen Muße widmen.

Ein Interview mit Andreas Eschbach ist immer spannend; der Autor schreibt gute Bücher und hat klare Meinungen. Die Buchserie »Mark Brandis« mochte ich schon in den 70er-Jahren, die aktuellen Hörspiele finde ich super – also interessiert mich ein längerer Beitrag dazu. Und was Hannes Riffel über den Start von »Fischer Tor« zu sagen hat, dem neuen Science-Fiction- und Fantasy-Programm des Fischer-Verlages, ist ebenfalls spannend.

Und so geht es weiter. Es gibt lesenswerte Kurztexte und Buchbesprechungen; es werden Klassiker der phantastischen Literatur präsentiert, und wer noch nicht wusste, was sich hinter »Kauder-Websch und Cyberslang« verbirgt, weiß es danach.

Langer Rede kurzer Sinn: Es lohnt sich stets, die »Phantastisch!« zu lesen. Ein gewisses Interesse an Science Fiction, Fantasy und artverwandtem Kram sollte man schon mitbringen.

14 Januar 2017

Dumm-Dumm-Geschosse zum ersten

(Der Text stammt aus einer alten ENPUNKT-Ausgabe und wurde 1998 oder 199 veröffentlicht. Aber eigentlich kann man so etwas ja auch mal aus der Schublade fischen ... Ich habe jetzt die schlimmsten Fehler und eine Beschimpfung gestrichen; ansonsten das meiste gelassen.)

Es gibt wahrscheinlich keine Dummheit, die von der Menschheit nicht ausgelassen wird. Und um die schlimmsten Dummheiten festzuhalten, wurde irgendwann eine sinnige Einrichtung erfunden und eingeführt, die sich »Guiness Buch der Rekorde« nennt.  Daran beteiligen sich offensichtlich alle nur erdenklichen Grenzdebilen dieser Republik mit möglichst großem Feuereifer.

So haben kürzlich einige hundert oder gar tausend Leute in der Fußgängerzone der wunderhübschen Stadt St. Ingbert (im Saarland, da bin ich beim Trampen auch schon gestrandet, würg!) die angeblich längste Briefmarkensammlung der Welt erstellt. Die längste Briefmarkensammlung?

Ich würde ja sogar die größte Briefmarkensammlung einsehen. Das ist ja völlig in Ordnung. Ich gehöre schließlich mit Platten, Comics und Fanzines auch zu den Sammlerdeppen und sollte über solche Menschen nicht mal harmlose Witzchen machen, schon gar keine ernsthaften. Das fände ich ganz schön uncool.

Die Wäscheleine durch St. Ingbert war einen Kilometer lang, und überall hingen Plakate. Auf jedes Plakat klebten irgendwelche Schwachköpfe zwischen 400 und 500 Briefmarken – da soll mir noch einer davon reden, dass Menschen nicht arbeitsgeil sein können. Dafür wurden Millionen von Briefmarken aus aller Welt benötigt. Und hinterher kommen die Aktivisten auch noch ins Guiness Buch der Rekorde.

Ich würde sie – mitsamt ihrer Briefmarken – postwendend in die nächste Klappse einliefern lassen. Alle miteinander. Und am besten diejenigen mit, die all die anderen sinnlosen Rekorde für das Guiness-Zeugs verbrechen. Wer dumm wie Brot ist, braucht solche Rekorde.

Vielleicht aber liegt es nur daran, dass ich mal wieder neidisch bin. Nur weil ich nicht ins Guiness-Buch kommen werde ... Oder soll ich’s doch mal versuchen? Mir fällt nur kein schlauer Rekord ein. Höchstens Disziplinen wie »schlimmster Gesichtsausdruck nach durchgezechter Nacht« oder »dickster Bierschiss nach Konzertbesuch« oder gar »größtmögliches Sendungsbewusstsein in Punkrock-Kreisen«. Ich weiß es nicht.

Aber eins weiß ich: Das Guiness-Buch ist definitiv der letzte Mist.

13 Januar 2017

Rezensiert vom Polytox

Nachdem meine Kurzgeschichtensammlung »Für immer Punk?« im vergangenen Herbst erschienen ist, sind auch einige Besprechungen veröffentlicht worden. Seit einiger Zeit hat die »Flut« der Rezensionen ein wenig nachgelassen, was ich bedauerlich finde. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass der Kollege Falk Fatal auf der Seite des Polytox-Zines mein Buch besprochen hat.

Die Rezension fällt sehr positiv aus. Der Rezensent bezeichnet das Buch als »fiktive Punkerbiografie, in der die wilden, naiven Jahre genauso vorkommen, wie die spätere Abgeklärtheit, in der gewisse Zweifel (und auch Verzweiflung) an der Szene thematisiert werden, wie auch die kleinen und großen inneren Konflikte, die man ab einem gewissen Alter und einer gewissen Bürgerlichkeit einfach verspürt«. Das hat mich unter anderem deshalb so gefreut, weil genau das ja auch das Ziel des Buches war.

Und schön ist natürlich der Schluss der Rezension: »Dafür müsst ihr nur noch das Buch kaufen. Also husch, husch in den nächsten Buchladen oder statt der Hirnkost-Website einen Besuch ab.« Diesem Hinweis kann ich mich nur anschließen ...

12 Januar 2017

Schrottgrenze machen Pop

In meiner Erinnerung ist die Band Schrottgrenze irgendwie noch Punkrock; das ist zwar lange her, aber die ersten Stücke der Band habe ich entsprechend im Ohr. Wenn am 20. Januar 2017 die neue Platte der Band erscheint, wird man davon nicht mehr so viel merken. Die Platte heißt »Glitzer auf Beton«, und ich habe heute das Titelstück gehört.

Um es klar zu sagen: Das ist natürlich kein Punkrock mehr, das ist angenehme Popmusik mit dezentem Gesang. Die Texte sind in deutscher Sprache und nicht blöd, damit ist die Band auf jeden Fall radiotauglich. Das ist nicht mehr Punk als beispielsweise Kettcar oder Pur.

Die Lobeshymnen, die das Label auf die Band singt, sind allerdings echt übertrieben. Weder handelt es sich bei dem, was die Band spielt, um »Power Pop« – ich empfehle da einen Blick auf die 70er-Jahre und den Power Pop jener Tage – noch empfiehlt sich ein Vergleich mit Hüsker Dü. Bei solchen Vergleichen verstehe ich die Labels nicht: Was soll so was?

Schrottgrenze machen angenehme Popmusik mit Gitarren, das Gespür für Melodien hat die Band nicht verloren, und die Musik geht gut ins Ohr. Die Texte klingen gut, ganz nebenbei macht die Band auch klar, dass sie – in punkto Mann-Frau-Konstruktionen – sehr klare und positive Ansichten hat.

»Glitzer auf Beton« klingt gut. Punkrock ist es nicht mehr. Aber wenn sich eine Band in eine Richtung entwickelt, die ich musikalisch lahm finde, textlich aber völlig richtig, kann das nicht mal einen alten Miesepeter wie mich so richtig verärgern.

11 Januar 2017

Comic Fandom Quarterly

Es gibt immer wieder ungewöhnliche Fanzines, bei denen ich mich freue, wenn ich sie in die Finger bekomme. Das amerikanische Heft »Comic Fandom Quarterly« ist so ein Beispiel; die sechste Ausgabe kam im vergangenen Sommer heraus und ist gerade mal 28 Seiten stark – die aber haben es in sich.

Wie der Titel schon andeutet, geht es um Comic-Fans. Also wird der Fanzine-Macher Bob Kline ausführlich interviewt. Der Name sagte mir nichts, es ist hoffentlich keine zu große Bildungslücke. Der Mann fing schon in den fünfziger Jahren mit Fanzines an und kann auf eine beeindruckende Bibliografie zurückblicken; zahlreiche Titelbilder belegen das.

Unter dem netten Titel »Before They Were Pros« geht es um Profi-Künstler, die in Fanzines angefangen haben. John Byrne dürfte der bekannteste der Künstler sein; aber dass Jim Starlin in den 60er-Jahren für Fanzines arbeitete, war mir ebenfalls nicht bewusst. Sogar Bernie Wrightson erlebte seine erste Veröffentlichung als junger Mann in einem Fanzine in den 60er-Jahren.

Für »Comic Fandom Quarterly« muss man sich schon sehr für das Genre interessieren. Tut man das, erhält man ein reichhaltig illustriertes Fanzine. Schick!

10 Januar 2017

Jörgle schippt Schnee

Wir schlidderten durchs Dorf, Kinder im Alter von sieben und acht Jahren, eine Bande, wie es sie damals mehrfach gab. Wir bauten Schneehäuser und Schneeburgen, bewarfen andere Banden mit Schneebällen, wurden nass und schmutzig, und wenn wir abends heimkamen, versohlten uns die Eltern den Hintern. Die frühen 70er-Jahre waren für mich eine paradiesische Zeit – ich liebte die Winter im Schwarzwald.

Wenn wir als Bande im Dorf unterwegs waren, sahen wir sehr häufig einen einzelnen Mann. Er trug den typischen »Blaumann«, wie er für Arbeiter normal war, darunter einen dicken Pullover. Unter seinem Hut hatte er graue Haare, er war also schön älter, sicher über fünfzig Jahre alt. Aber alle sagten nur »der Jörgle«, wenn man von ihm sprach.

»Der Jörgle« war geistig behindert – so erklärte man es uns Kindern. Niemand spottete über ihn, er gehörte zum Dorf, und jeder nahm seine Arbeit ernst. Er war nämlich »bei der Gemeinde« beschäftigt, was hieß, dass er im Sommer mit dem Besen unterwegs war und im Winter mit der Schneeschaufel.

Zwar rollte auch ein Schneepflug durch die Straßen und Wege des Dorfes, die »Ecken« blieben aber oft ausgespart. Um die kümmerte sich »der Jörgle«.

Unermüdlich war er in den schneereichen Wintern jener Jahre unterwegs, immer mit seiner Schaufel, nie mit einer Maschine. Er schaufelte die Stellen frei, die der Schneepflug nicht sauber geräumt hatte; er kümmerte sich darum, dass bei beginnendem Tauwetter das Wasser abfließen konnte, und wenn überall Eis lag, half er mit, die Eisplatten von der Straße zu hacken.

Wir Kinder hatten Respekt vor ihm. Wenn wir ihn sahen, sagten wir »Grüß Gott, Jörgle«, und er grüßte ernsthaft zurück. Längere Sätze konnte er nicht sprechen, sein Schwäbisch war vernuschelt und manchmal unverständlich – vernuschelter und unverständlicher als unser Dialekt für Außenstehende sowieso schon war. Er war höflich und zurückhaltend.

Manchmal plauderten die Erwachsenen mit ihm; sie nahmen ihn ebenfalls ernst. Manchmal steckte eine Hausfrau »a Schoklädle« zu, oder es gab – wenn der Wind besonders kalt pfiff – auch mal »a Schnäbsle« an einer Haustür. Ansonsten schien dem »Jörgle« das Wetter nicht viel auszumachen. Er zog seine Kreise, er arbeitete ununterbrochen.

Wenn heute die Städte und Gemeinden im Flachland, wo ich wohne, mit riesigen Maschinen dem bisschen Schnee zu Leibe rücken, denke ich oft an »den Jörgle«, der mit einer Schaufel und einem Eispickel in unserem Dorf unterwegs war. Hätte er die riesigen Schneemaschinen gesehen, hätte er wohl den Kopf geschüttelt, etwas gemurmelt und mit seiner Schaufel einfach weiter geschippt.

09 Januar 2017

Brickhouse aus Philadelphia

Denke ich an die Welle von Hardcore-Bands, die Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre aus den USA nach Europa herüberschwappte, fallen mir haufenweise Namen ein. Die Band Brickhouse taucht dabei nie auf. Kein Wunder: Die kurzlebige Hardcore-Band aus Philadelphia gründete sich 1989, brachte ein Demo-Tape und eine EP mit dem hübschen Titel »Frankford« heraus, die 1990 veröffentlicht wurde, und löste sich dann auch zackig wieder auf.

Insgesamt sechs Leute bildeten die Band, die live mit zwei Sängern auftrat. Ich habe die EP irgendwann in den 90er-Jahren für kleines Geld aus einer Plattenkiste gekauft und finde sie immer noch gut. Der Sound ist rotzig, gelegentlich gibt es schöne Mosh-Abschnitte, aber unterm Strich ist die Band ohne Metal-Allüren.

Für die damalige Zeit bieten Brickhouse einen sehr typischen Sound: schnell und energisch meist, zwischendurch ein wenig schleppend, um dann wieder Gas zu geben, dazu ein keifender Sänger, der sich gelegentlich unterstützen lässt. Das ist knallig, das kann ich mir immer anhören.

Textlich war die Band auf der sicheren Seite. Die Burschen verzichteten auf den patriotischen Pathos, der sich bei den Hardcore-Bands jener Tage gelegentlich einschlich. In »Enough« regt man sich über White-Trash-Idioten auf: »It's not just nazis echos that caused me to write this song« heißt es hier. Und: »You're not too tough.«

Ernsthaft: Die Platte ist klasse. Mir ist ein wenig unverständlich, warum diese Band in irgendwelchen »Hall Of Fame«-Listen nicht auftaucht. Vielleicht weil sie mit diesem Sound nicht aus der Lower East Side von New York, sondern aus dem Stadtteil Frankford in Philadelphia stammte?

05 Januar 2017

Jesse Stone, die Frauen und der Alkohol

In der »Jesse Stone«-Reihe bildet der sechste Band einen typischen Fall: Robert B. Parker erzählt in »Mord im Showbiz« eine relativ normale Krimi-Ermittlung; fast spannender als der eigentliche Krimi sind allerdings die privaten Probleme, die der Polizist Jesse Stone, seine Exfrau Jenn und seine aktuelle Geliebte miteinander verbinden ...

Doch erst einmal der Reihe nach. Ein Fernsehmoderator stirbt. Zuerst wird angenommen, er habe sich selbst das Leben genommen; dann aber wird klar, dass es sich um Mord handelt. Schnell rückt die Presse an, und die kleine Stadt Paradise sonnt sich widerwillig in der Aufmerksamkeit, die der Tod eines prominenten Mannes mit sich bringt.

Die Polizei ermittelt gründlich und lässt sich dabei kaum durch irgendwelchen Stress von der Arbeit abhalten. Parallel dazu stellt sich heraus, dass die Ex-Frau von Polizeichef Stone von einem Stalker verfolgt wird. Und somit hat die Polizei zwei Fälle zu bearbeiten, die beide durchaus kritisch sind. Selbstverständlich kann Jesse Stone die Probleme lösen, das ist nicht die Überaschung – aber wie er das bewerkstelligt, ist wieder einmal sehr spannend.

Robert B. Parker war ein hervorragender Autor; mittlerweile mag ich seine Romane um den alkoholkranken Polizisten Jesse Stone fast lieber als die um den wortkargen Privatdetektiv Spenser. Bei den Jesse-Stone-Romanen spielt die zwischenmenschliche Ebene eine große Rolle; ständig hüpfen die Figuren des Romans miteinander ins Bett oder versuchen zumindest, jemanden fürs Bett abzubekommen.

»Mord im Showbiz« ist, was die Krimi-Elemente angeht, absolut klar und eindeutig. Der Autor lässt hinter die Glitzerwelt der »großen« Medien blicken; Menschen werden verhört, es gibt ein wenig Action, und zwischendurch plagt sich Jesse Stone mit dem Alkohol herum.

Der Autor schafft es auch hier, mit knappen Dialogen und ebenso knappen Beschreibungen die Spannung am Laufen zu halten. Selbst bei verwirrenden Gefühlen handeln seine Figuren glaubhaft und zielorientiert.

»Mord im Showbiz« konnte mich erneut begeistern; bei der Lektüre musste ich sogar gelegentlich grinsen. Der Roman ist spannend, er zog mich sofort in seinen Bann, und ich las ihn praktisch am Stück. Coole Sache.

(Ach ja: Erschienen ist der Roman – wie alle dieser Reihe – im Pendragon-Verlag. Das Taschenbuch umfasst 302 Seiten und kostet 11,99 Euro. Man kann es überall im Buchhandel kaufen, ebenso das E-Book.)

04 Januar 2017

Bei »Mary Poppins« in Stuttgart

Als Kind hörte ich gern Schallplatten, die meine Eltern in ihrem altertümlichen Medienschrank horteten. Darunter waren neben Marschmusik und uralten Schlagern auch Ausgaben von »Musik ist Trumpf«; die Fernsehsendung von und mit Peter Frankenfeld wurde offenbar auszugsweise auf Vinyl gepresst. Daher kannte ich einzelne Stücke aus dem Musical »Mary Poppins« – und die blieben mir all die Jahrzehnte im Gedächtnis.

Ich habe also eine eindeutig-biografische Entschuldigung dafür, dass ich am Dienstag, 3. Januar 2017, in Stuttgart im Musical-Theater saß und mir die deutsche Version von »Mary Poppins« anschaute. Wir hatten ordentliche Karten: Wenn man so eine Show besucht, sollte man nicht auf den Cent guckten ... und auch nicht auf den Zwanzig-Euro-Schein. Ich bereute es keine Sekunde lang.

Die Musik kannte ich teilweise schon; ich war selbst verblüfft, wie lange solche Sachen im Gedächtnis bleiben. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: überdrehte Popmusik mit wechselndem Gesang, manchmal so gesungen und gespielt, als liefe eine Schallplatte ein wenig zu spät. Das ist flott und schnell, klingt immer verdammt nach den 60er-Jahren und geht gut ins Ohr.

Die Geschichte von den ungezogenen Kindern und dem witzigen Kindermädchen ist streng genommen ja eine Mixtur aus Fantasy-Kinderbuch und gesellschaftskritischen Einblicken – über manche inhaltliche Logik darf man natürlich nicht nachdenken. Banken kommen nicht gut weg, das »leichte Leben« im Park und die Arbeit von Schornsteinfegern wird positiv dargestellt.

Richtig gut sind die Show-Aspekte. Wie bei so einer Vorstellung nicht anders zu erwarten, wird viel getanzt, teilweise auch mit ein wenig Akrobatik. Auf der Bühne herrscht ununterbrochen Bewegung, das Bühnenbild wechselt ebenso wie die Kleidung der Darsteller.

Um es kurz zu sagen: »Mary Poppins« in der Stuttgarter Version ist groß gemachtes Effekt-Theater, das hervorragend gemacht ist und hervorragend unterhält. (Ja, ich weiß: Mit Punkrock hat das nichts zu tun. Aber das hat so manches in meinem Leben nicht ...)

01 Januar 2017

Mit dem Zirkus durch Silvester

Es war eine schöne Idee, eine spontane zugleich, und ich bereute sie an diesem Abend keinen Augenblick lang: Wir gingen am Abend des Samstag, 31. Dezember 2016, ins »Tollhaus« in Karlsruhe, schauten uns dort den Zirkus »La Putyka« an und amüsierten uns königlich. Auch wenn schwer vermittelbar ist, was mich da so faszinierte, möchte ich diese positive Erfahrung nicht missen.

Sechs Artisten bilden das Ensemble, sie stammen aus Prag und sind mittlerweile in gewissen Kreisen recht populär, sind mit ihrer Mischung aus Akrobatik, Comedy und Musik schon um die habe Welt gereist und kommen auf der Bühne mit einfachsten Mitteln aus. Es gibt keine echte Handlung – wie ich das von Cirque de Soleil kenne –, es gibt keine klar abgetrennten Nummern, sondern eine unaufhörliche Abfolge von Klamauk und Akrobatik.

Da werden Latten zu Akrobatik-Elementen umfunktioniert, da wird eine schlichte Schaukel mit zwei ebenso schlichten Aluminium-Leitern kombiniert, da wird gesprungen und getanzt, gealbert und geblödelt – eine witzige und staunenswerte Aneinanderreihung von witzigen Effekten. Der Beifall war laut und ausdauernd, und ich hatte das Gefühl, einen richtig schönen Jahresausklang erlebt zu haben.

30 Dezember 2016

Nur glückliche Gesichter an einem kalten Abend

Ich weiß nicht, wie oft in den 80er-Jahren ich die Band Walter Elf gesehen habe; es dürfte mehr als ein Dutzend Mal gewesen sein. Die Jungs aus Kaiserslautern spielten in allen möglichen Konzertorten in Süddeutschland, einmal veranstaltete ich – natürlich nicht allein – auch ein Konzert mit ihnen in Freudenstadt. Das ist alles lange her, die Band gibt es eigentlich nicht mehr, und die alljährlichen Gedenkkonzerte in Kaiserslautern hatte ich nie besucht.

Wenn Walter Elf allerdings in Karlsruhe spielt, muss ich hin – das war meine Devise, seit ich hörte, dass die Band zwischen Weihnachten und Neujahr in der »Alten Hackerei« auf der Bühne stehen würde. Am Donnerstag, 29. Dezember, war ich einigermaßen zeitig dort, stellte überrascht fest, wie viele bekannte Gesichter ich sah – nicht nur aus Karlsruhe –, und quetschte mich in den vollen Konzertraum.

Die Vorgruppe nannte sich Geld et Nelt, und ich verstand sie nicht. Das war irgendwie Musik-Kabarett: verkleidete Menschen auf der Bühne, die irgendwie Töne von sich gaben. Viele Leute lachten, ich konnte mit dem Witz der Pfälzer leider nichts anfangen. Man sagte mir aber, die Band sei sonst superwitzig. Vielleicht hatte ich schlichtweg einen schlechten Tag erwischt ...

Dafür überzeugte mich Walter Elf. Die schon recht angegrauten Herren sehen ja im Prinzip noch genauso aus wie vor dreißig Jahren, sind also »in Würde gealter«. Auf der Bühne zeigten sie keine Sekunde lang irgendwelche Alterserscheinungen. Es wurde mit breitem Grinsen gespielt und gesungen, die Band hüpfte wie in alten Zeiten herum und verbreitete ziemlich viel gute Laune.

Das übertrug sich sehr schnell auf das Publikum. In den vorderen Reihen wurde ein wenig gepogt, aber sehr zivil – kein Wunder bei den vielen Grauhaarigen im Saal ... –, in den hinteren Reihen wurde immerhin eifrig mitgesungen und getanzt. Die Stimmung war großartig, alles grinste, lachte und freute sich.

Ein großartiger Ausklang für das Konzertjahr 2016! Walter Elf können's immer noch, und das zeigten sie an diesem Abend. Gerne mal wieder: Auch wenn die 80er-Jahre schon verdammt lang vorüber sind, ist so eine Art von Vergangenheitsbewältigung witzig und gelungen genug.

29 Dezember 2016

Professor Klausen im Dienst

Da las ich also in aller Gemütsruhe den Hardcover-Band von »PERRY – Unser Mann im All«, erfreute mich an den skurrilen Geschichten und den mamchmal herrlich absurden Bildern, fühlte mich bestens unterhalten und kam irgendwann mal zur letzten Seite. Beim abschließenden Bild stutzte ich. Irgendwie kam mir der Kerl bekannt vor, den der Zeichner hier verewigt hatte.

Okay, ich blätterte wieder nach vorne und checkte die Geschichte noch einmal. Die Figur mit den seltsamen grünen Haaren und der seltsamen Brille wurde als »Professor Klausen« in die Geschichte eingeführt.

Das kann man auch als »Klaus N« lesen ... und so erhärtete sich der Verdacht. Ich finde ja nicht, dass ich so rundlich bin, und den debilen Gesichtsausdruck bekomme ich nur mit Übung hin, aber die Ähnlichkeit kann ich kaum abstreiten.

Um die lange Geschichte abzukürzen. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, in dem Comics der Alligator Farm »verarbeitet« wurden zu sein. Als »Professor Klausen« werde ich mich künftig dennoch nicht vorstellen; so weit kommt es nicht ...

28 Dezember 2016

Auf der Suche nach Alesia

Den Begriff »Alesia« kennt jeder, der auch nur einmal eine »Asterix«-Comic gelesen hat. In der Stadt Alesia fand im Jahr 52 vor Christi Geburt die große Schlacht statt, in der die römische Armee unter dem Befehl von Julius Cäsar die Gallier unter dem Kommando von Vercingetorix schlug. Das ist historisch, wenngleich die »Asterix«-Darstellung eher humoristisch ist.

Weil es an einem Tag während unseres Aufenthaltes in Burgund in Strömen regnete, steuerten wir den Museumspark Alésia an. Das architektonisch eindrucksvolle Gebäude liegt in der Nähe des Hügels, auf dem sich damals die Stadt Alesia erhob.

Die umliegenden Hügel waren Schauplätze erbitterter Kämpfe, in denen die Zukunft von Europa entschieden wurden. (Wer sich für die historischen Details interessiert, möge sich die entsprechenden Wikipedia-Einträge durchschauen oder ein vernünftiges Geschichtsbuch lesen.)

Der Museumspark besteht aus dem Nachbau römischer Festungsanlagen, die auch aus der Ferne interessant aussehen, die wir uns im strömenden Regen aber nicht anschauten, und einem schönen Interpretationszentrum. Dort kann man durch Ferngläser schauen und beispielsweise den Hügel betrachten, auf dem sich damals die gallische oder germanische Reiterei sammelte.

Die Ausstellung selbst ist – mithilfe von Audio-Guides in deutscher Sprache – echt toll gemacht. Es werden nicht nur die Waffen und die Kleidung der Soldaten präsentiert, sondern es wird auch darüber informiert, wie sich die Heere bewegten und wie die kulturellen Unterschiede damals aussahen.

Nicht nur weil es so sehr regnete, hielten wir uns über zwei Stunden in dem eindrucksvollen Multimedia-Museum auf. Als wir es verließen, hörte der Regen auf; dann konnten wir uns immerhin noch die Ausgrabungsstätte auf dem Hügel anschauen.

Wir standen auf den Trümmern des alten Alesia und sahen auf die Ebene hinunter, wo die Römer ihre kilometerlangen Gräben ausgehoben hatten. Schon faszinierend ... Dann regnete es allerdings wieder, und wir schauten, dass wir in ein Café kamen.

27 Dezember 2016

Die Springsteens aus Nova Scotia

Ich vermute, dass es die Jungs von den Stanfields irgendwann mal nerven wird, wenn ständig Vergleiche zu Bruce Springsteen aus der Schublade gezogen werden. Aber der »Boss« liegt als Verbindung einfach zu nahe.

Ich habe die Platte »Modem Operandi« gehört, die von der Band im September 2015 veröffentlicht worden ist. Die Band kommt aus Kanada, genauer gesagt aus Halifax in Neuschottland, und es handelt sich dabei um die dritte Platte.

Nach dem ersten Stück glaubte ich zuerst, die falsche CD in den Player gesteckt zu haben: »White Juan« ist ein heftiges Gewitter, knallig und kurz, nicht gerade Hardcore-Punk, aber doch sehr krachiger Rock’n’Roll. Danach werden die Stücke ruhiger, schon »The Marystown Expedition« könnte eher in Richtung Folk und Rock geschoben werden.

Unterm Strich macht die Band eine konservative Rockmusik, die gut gespielt ist und sich gut anhören lässt. Auf die Dauer finde ich es nicht sonderlich spektakulär, manchmal sogar ein wenig langweilig. Der Sänger erinnert in seinen stärksten Momenten tatsächlich an Springsteen; der Vergleich ist nicht falsch, und auch in den Songwriter-Abschnitten der Platte passt es.

Musik und Texte klingen nach den 80er-Jahren, aber im durchaus positiven Sinn. Die Stücke rollen in durchschnittlicher Geschwindigkeit vor sich hin, sie sind meist recht lang. Ganz klar: The Stanfields sind weit weg vom Punk oder Hardcore, den ich sonst gern höre – auf die Dauer finde ich sie trotz aller Qualitäten dann doch zu lahm.

24 Dezember 2016

Weihnachten 2016

Aus verschiedenen Gründen fuhr ich am Vormittag des 24. Dezember 2016 in die Innenstadt von Karlsruhe. Ich machte mich auf chaotische Verkehrsverhältnisse gefasst und überlegte mir, schon im voraus eine Flasche Baldrian zu trinken. Auf jeden Fall legte ich ruhige Musik in den CD-Player ein – man wusste ja nie.

Die Stadt war wie leergefegt. Kein Vergleich zu einem normalen Wochentag, kein Vergleich zum 23. Dezember. Es schien so, als schliefe sich ganz Karlsruhe am Heiligen Vormittag aus. Es waren Autos und Fußgänger unterwegs, aber deutlich weniger als sonst. Ich war verblüfft.

Meine Verblüffung legte sich, als ich Brötchen kaufen wollte. Ich spazierte zum »Bäcker Lörz«, wo die Schlange bis weit auf die Straße hinaus ging und die Menschen im Innern der Bäckerei dicht gedrängt standen. Da hatte ich dann wieder mein normales Weihnachtsempfinden zurück ...

23 Dezember 2016

Ein Filialist, der auf Niveau setzt

Das Klischee sitzt tief in den Köpfen, auch in meinem Kopf ist es verankert: Die großen Buchhandlungen setzen immer stärker auf »Schnelldreher« und Bestseller, also gängige Titel, die so platziert werden, dass sie auch vom Laufpublikum gekauft werden können. Das führe, so die Theorie, letztlich dazu, dass Buchhandlungen immer mehr die Einheitsware präsentieren.

Und das wiederum bringe es mit sich, dass der Kunde eben den neuen Dan-Brown-Roman oder sonst einen Bestseller auch direkt bei einem Internet-Versandhändler oder einem x-belebigen Kaufhaus erstehen könne. Die Massenmarkt-Buchhandlungen sorgen also durch ihre falsche Arbeit dafür, dass die Kundschaft abwandert – so eine gängige Klischee-Vermutung.

Erstaunlicherweise gilt das nicht immer. Ein schönes Beispiel ist die britische Ladenkette WH Smith. Vor vielen Jahren war das tatsächlich ein Filialnetz von Buchhandlungenm, läst aber verkaufen die einzelnen Läden vor allem allerlei Snacks oder sonstigen Krimskram. Jetzt aber scheint man auf »edel« zu setzen.

»The Bookshop by WH Smith« heißt das neue Konzept, das vor allem an den großen Flughäfen in Großbritannien verwirklicht werden soll. Die Läden sollen vorrangig Bücher anbieten, sie werden zwischen anderen Shops platziert, die hochpreisige Waren anbieten – man zielt also auf eine Kundschaft, die nicht auf den Cent oder Penny schaut –, und sie stellen nicht »Schnelldreher« in den Eingangsbereich, sondern klassische Literatur und Lyrik-Bände.

Lyrik? Das verkaufe sich doch nicht – zumindest erzählt man sich das in der Medienbranche seit vielen Jahren. Niemand will Lyrik lesen, die Auflagen von Gedichtsbänden sind erschütternd gering. Lyrik sei etwas für Kleinstverlage und darbende Dichter.

Schauen wir mal, wie lange WH Smith das Konzept durchhält. Bisher finde ich den Ansatz echt spannend. Flugreisende könnten in der Tat – weil sie ja die Muße haben –, während ihrer Reise auch etwas lesen, das den Kopf beschäftigt, anstatt ihn mit Massenmarkt-Lteratur eher einzulullen. Das wäre »in diesen Zeiten« ja nicht der dümmste Ansatz.

22 Dezember 2016

Ein halber Tag in Brancion

Es gibt Gemeinden in Frankreich – und auch in anderen Ländern der Welt, schon klar –, in denen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Eines dieser Dörfer besuchten wir im Sommer: Wir waren in Brancion, einer kleinen Landgemeinde in Burgund, einige Dutzend Kilometer von Dijon entfernt, wo wir für eine Woche eine Unterkunft bezogen hatten.

Brancion ist richtig klein, und es sieht auch richtig alt aus. So steht beispielsweise am Ortsrand eine Kirche, die aus dem zwölften Jahrhundert stammt, in der es alt und muffig riecht und von deren Vorplatz aus man einen tollen Blick über das Umland hat.

Die wenigen Häuser des Dorfes, das nach wie vor belebt ist, wirken alle wie ein Museum. Zwischen der Burganlage und der Kirche gibt es schmale Wege mit Kopfsteinpflaster, dazwischen stehen gewissermaßen die Häuser. Das wirkt manchmal wie eine Filmkulisse, ist aber wirklich sehr nett.

Selbstverständlich wird der Ort von Touristen komplett geflutet, wir machten keine Ausnahme. Aber wenn man ab und zu die Augen zukniff und an den Touristen vorbeisah, kam man sich vor wie in einem dieser französischen Historien-Comics. Das hatte was! (Gerne mal wieder ...)

21 Dezember 2016

Starke Erzählung vom Dirty Old Man

Es gab eine Zeit, in der mich Charles Bukowski ungemein faszinierte und auch inspirierte. Der amerikanische Autor schrieb über das Leben an der unteren Seite des amerikanischen Traums, über Saufen und Ficken, über die Pferderennbahn und grausige Jobs – und das beeinflusste mich sehr. Das war in den frühen 80er-Jahren, das ist lange her, und als ich zuletzt eine Bukowski-Geschichte lesen wollte, funktionierte sie für mich gar nicht.

Ich versuchte es dieser Tage erneut. »Der Andere« ist eine Bukowski-Erzählung, die in einem schicken Band zu Beginn der Nuller-Jahre im Maro-Verlag erschienen ist. Die großzügige Schriftgestaltung, die vielen Fotos und das extrem luftige Layout führen dazu, dass die Erzählung in einem 76 Seiten umfassenden Taschenbüchlein veröffentlicht wurde.

Mit zwölf Euro kostet das seinen Preis, die Auflage dürfte entsprechend gering sein – aber ich habe den Kauf nicht bereut. Das liegt sicher daran, dass ich die Geschichte gut fand, nicht umwerfend, nicht berauschend, aber in ihrer lakonischen Art überzeugend und für Phantastik-Fans sowieso überraschend.

»Der Andere« ist der Ich-Erzähler selbst. Er trifft einen anderen Mann, der ihm extrem ähnlich sieht. Der andere verhält sich sogar wie er, geht auf die Rennbahn, schläft mit derselben Frau, wirkt ähnlich zerknittert. Doch der Ich-Erzähler kommt nicht mit dem Doppelgänger klar und beschließt, etwas gegen ihn zu tun.

Die Geschichte ist schlicht erzählt, sie steuert konsequent auf einen Höhepunkt zu, sie verzichtet auf stilistischen Firlefanz und unnötige Erläuterungen. Wer von Bukowski nur »Saufen und Ficken« – also SF – erwartet, wird von der Geschichte enttäuscht sein, ebenso alle, die anspruchsvolle Literatur bevorzugen.

Für mich brachte es in gewisser Weise das alte Bukowski-Flair zurück. Vielleicht sollte ich doch einmal zu den alten Geschichten greifen und schauen, ob ich mit den Texten aus den 60er-Jahren heute wieder mehr anfangen kann ...

(Ach so, wer mag: Die ISBN ist 978-3-87512-255-8, und den Maro-Verlag hat auch einen Internet-Shop ...)

20 Dezember 2016

Der Terror und seine deutschen Freunde

Man mag es sich ja eigentlich nicht vorstellen, aber ich habe seit dem Montagabend eine schreckliche Vision: Ich sehe grinsende Angehörige einer Partei, deren dreibuchstabiges Kürzel ich jetzt lieber nicht schreibe, wie sie vor dem Fernseher sitzen und sich zuprosten, wie sie sich freuen, dass der Terror »jetzt endlich« wieder in Deutschland zugeschlagen hat. Ich krieg' das Bild nicht aus dem Kopf.

Wie sonst sind die Tweets und Facebook-Postings mancher Politiker zu erklären? Da werden die Toten von Berlin – ohne jegliches Schamempfinden, ohne jegliche Rücksicht auf die Opfer und die Hinterbliebenen – zu »Merkels Toten« erklärt. Da wird die Bundesregierung mit ihrer angeblich so liberalen Flüchtlingspolitik (was ist an brutalem Abschieben in Kriegsgebiete eigentlich »liberal«?) zu Paten eines Terroristen erklärt.

Mich schüttelt es, wenn ich im Fernsehen mitbekomme, wie hilflos Journalisten versuchen, den ungeheuerlichen »Vorfall« in Berlin einzuordnen, wie sie versuchen, so seriös wie möglich über den Schrecken zu berichten. (Ich hoffte übrigens lange, dass es sich tatsächlich um die Unfallfahrt eines besoffenen polnischen Lastwagenfahrers handelte. Man entschuldige diese rassistische Sicht auf die Bürger unseres östlichen Nachbarlandes.)

Mich schüttelt aber vor allem der ungeheuerliche Zynismus, den nicht irgendwelche rechtsradikalen Stammtischbrüder verbreiten, sondern sogenannte Politiker. Ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf: Sie freuen sich über die Toten, sie jubeln über den Terror, sie sind die klammheimlichen Freunde der islamistischen Terroristen.

19 Dezember 2016

Ein Jahresrückblick am Jahresende

Dieser Tage ist mein Jahresrückblick erschienen. Das klingt erst einmal nicht sonderlich aufregend: Das Jahr geht zu Ende, und jeder Mensch scheint irgendwelche Jahresrückblicke zu veröffentlichen. Ich gehöre also zu einer regen Minderheit in diesem Land.

Der kleine, aber feine Unterschied: Mein Jahresrückblick bezieht sich auf das Jahr 2015. Das ist zwar schon lange vorüber – aber mein Artikel wurde im Sommer 2016 verfasst und im »PERRY RHODAN-Jahrbuch 2015« veröffentlicht. Verantwortlich dafür ist der aktive Science-Fiction-Club Universum, kurz SFCU.

Der Artikel bezieht sich also auf meine Arbeit und die damit zusammenhängenden Romane.Warum das Jahrbuch so spät erschienen ist – und damit auch mein Artikel –, weiß ich nicht. Vielleicht ist das aber gar nicht schlecht: Schaut man mit dem Abstand von einem Jahr auf ein abgelaufenes Jahr zurück, werden einem manche Dinge im Nachhinein vielleicht wichtiger oder unwichtiger. Je nach dem ...

18 Dezember 2016

Niger, Baumwolle und Partnerschaften

Mahamadou Issoufou war zu Besuch in Berlin, nachdem Angela Merkel den Präsidenten des Niger kürzlich in Niamey besucht hatte. Es ging dabei um eine Partnerschaft zwischen Deutschland und Niger, einem der ärmsten Länder der Welt. Wobei die Partnerschaft wohl vor allem darin besteht, dass Niger künftig seine Grenzen für Migranten dicht machen soll, damit diese erst gar nicht versuchen, bis zum Mittelmeer zu reisen.

Niger ist ein Beispiel dafür, wie doppelbödig die Moral bei all diesen Diskussionen ist. Wann immer es heißt, man solle die »Fluchtursachen bekämpfen«, wird die Entwicklungshilfe ins Feld geführt. Hier investiere man schließlich sehr viel Geld, und das diene dazu, die Leute in ihren jeweiligen Ländern zu halten.

Ich bin alles andere als ein Experte für den Niger. Ich war einmal in diesem Land: im Dezember 1987 und einige Tage im Januar 1988. Ich fuhr dort Fahrrad und Buschtaxi, ich aß und trank, ich diskutierte in meinem schlechten Schulfranzösisch, und ich schaute zu.

Zumindest damals hatte Niger außer Sand und Dreck nicht viel zu bieten. Das Land liegt in der Sahelzone; im Norden beginnt die Sahara, im Süden beginnen dann die Tropen. Sieht man von dem Fluss Niger und seinen Ufern ab, gibt es wenig fruchtbare Gebiete.

Zur großen Freude der französischen Partner gibt es im Norden des Landes allerdings Uran. Als wir an Arlit vorbeifuhren, sahen wir die Abraumhalden, die man irgendwo ins Land geschüttet hatte. Das Uran wird ausgeführt, die Leute in den Dörfern ringsum haben nichts davon.

Ein anderes wichtiges Ausfuhrprodukt damals war Baumwolle. Die wurde an den Ufern des Niger angebaut – das bringt ja schließlich Devisen. Grundahrungsmittel für die eigene Bevölkerung, für die man auch fruchtbaren Boden gebraucht hätte, erbringen keine Devisen.

Man muss weder viel von Politik noch von Entwicklungshilfe verstehen, um zu erkennen, dass wir in Europa diese Länder in Nord- und Westafrika gnadenlos ausbeuten. Wenn wir also versuchen wollten, die Fluchtursachen ernsthaft zu bekämpfen, müssen wir einige Aspekte unserer grundsätzlichen Politik ändern. Und unsere Wirtschaft. Und und und ...

Aber es es klingt natürlich dynamischer, über Sichtsheitspartnerschaften zu verhandeln, Grenztruppen zu bewaffnen und – idealerweise – auch noch lange Zäune durch die Wüste zu ziehen. Helfen kann man damit weder den Leuten vor Ort noch den regierenden Parteien bei uns. Aber letzteres ist eh wieder eine ganz andere Geschichte ...

17 Dezember 2016

»Arrival« überzeugte mich voll und ganz

Auffallend war, wie still es im Kino war und blieb ... Diesen Eindruck nahm ich mit, als ich den Saal verließ, noch wie betäubt von dem spannenden und emotionalen Science-Fiction-Film. »Hammer«, sagte ich, als ich draußen war, und mehr fiel mir anfangs nicht ein.

Ja, ich sah jetzt auch endlich »Arrival« und bin völlig begeistert von diesem Streifen, der gute Aussichten hat, in meinen persönlichen SF-Top-Ten ganz weit vorne zu landen. (Nachdem ich »Arrival« gesehen habe, ist mir noch bewusster geworden als zuvor, dass ich die neue »Star Wars«-Schmonzette nicht anschauen möchte.)

Die Handlung wurde mehrfach in diversen Blogs sowie in allen möglichen Medien erzählt. Ich muss das hier sicher nicht wiederkäuen: Aliens landen auf der Erde – oder schweben knapp über ihr –, der Kontakt erweist sich als sehr schwierig, und eine junge Linguistin übernimmt die Aufgabe, in Diensten der US-Army mit den Aliens zu »sprechen«.

Dabei verändert sich nicht nur ihre Sicht der Dinge, sondern sie selbst verändert sich. Und als am Ende die Außerirdischen abziehen, hat sich auch die gesamte Welt verändert.

Bekanntlich ist der Ausgangspunkt für den Kinofilm eine Erzählung von Ted Chiang – sowieso ein bewundernswerter Autor. Um daraus einen Kinofilm zu machen, wurde der ursprüngliche Kern der Geschichte stark verändert und ergänzt; das war in diesem Film aber sinnvoll und störte nicht im geringsten.

Ganz im Gegenteil: Der Film ist jetzt emotionaler, die Story ist vielschichtiger, die Zeit mit all ihren Ausprägungen spielt eine größere Rolle. »Arrival« ist ganz großes Kino; sicher einer der besten Science-Fiction-Filme überhaupt. Wer noch nicht drin war: unbedingt anschauen!