21 Februar 2017

»Brazil« nach dreißig Jahren

Als ich den Spielfilm »Brazil« in den 80er-Jahren im Kino sah, fand ich ihn toll. Dieser Tage schaute ich ihn auf DVD erneut an – und ich fand ihn erneut beeindruckend. Man merkt dem Streifen an, wieviel Zeit vergangen ist, aber die bedrückende Atmosphäre und die schräge Science-Fiction-Welt überzeugen immer noch!

Der Film kam 1985 heraus, verantwortlich dafür war Terry Gilliam, der vorher bei den »Monty Python's« mitgemischt hatte und danach noch viele weitere Filme veröffentlichte. »Brazil« ist ein Science-Fiction-Film, der ziemlich abgefahren und grotesk ist, dessen Handlung sich auch nicht komplett erschließt.

Die geschilderte Welt wird von Wolkenkratzern beherrscht, in denen die Menschen anonym hausen. Eine Reihe von Ministerien hat mit ihrer Bürokratie und ihren Formularen die Welt buchstäblich überwuchert, als einzelner Mensch geht man in diesen Strukturen unter. Der Hauptfigur passiert genau das – und dabei ist er ein kleiner Angestellter.

Doch Sam, so der Name der Hauptfigur, träumt von einer anderen Welt. Er träumt vom Fliegen, er träumt von der Liebe – während sein Leben so trist wirkt und von Zwängen beherrscht wird. Seine Mutter möchte ihn zudem protegieren, was er ziemlich abschreckend findet. Dann aber wird er in eine Reihe von Ereignissen verwickelt, die seinem Leben eine schlimme Entwicklung verleihen und ihn in die Folterkammern des Regimes bringen.

»Brazil« spart nicht an drastischen Bildern und absurden Situationen. Die Häuser- und Straßenszenen sind düster, die grelle Mode der Oberschicht sticht dagegen ab. Die Bürokratie erscheint als Moloch, die Folterkammer ist eine riesige Halle – jedes Bild und jede Einstellung in diesem Streifen wirken durchdacht und geplant.

In mancherlei Hinsicht wirkt »Brazil« wie eine Vorlage für Streifen der 90er- und Nullerjahre, die eine eigenständige Ästhetik kultivierten; ich nenne hier stellvertretend die französische Tragikomödie »Micmacs«. Gleichzeitig erinnern die riesigen Hochhäuser, die monströsen Skulpturen und manche Action-Szene an den Science-Fiction-Klassiker »Metropolis«.

Ein beeindruckender Film, wirklich. Ich habe ihn sicher nicht zum letzten Mal gesehen. Und es werden sicher nicht noch mal dreißig Jahre vergehen, bis ich ihn mir wieder anschauen werde.

20 Februar 2017

Meine erste Kundenzeitschrift

Dass ich in den 80er-Jahren schon einmal in dem Verlag tätig war, für den ich heute als Redakteur arbeite, vergesse ich gelegentlich selbst fast. Aber doch ist es so: Vom Frühjahr 1986 bis zum Herbst 1987 war ich Public-Relations-Assistent im Moewig-Verlag. Mein hauptsächlicher Tätigkeitsbereich bestand darin, Werbe-, Presse- und Marketing-Texte für das umfangreiche Buchprogramm des Verlages zu verfassen.

Unter anderem schrieb ich haufenweise Texte, die in der Zeitschrift »Aufgeschlagene Zeiten« veröffentlicht wurden. Diese richtete sich ausschließlich an Journalisten und andere Multiplikatoren, kam im Schnitt drei- bis viermal im Jahr heraus und enthielt Artikel zu den aktuellen Büchern.

Die Ausgabe April-Juni 86 war die erste, für die ich Texte lieferte, anfangs als freier Mitarbeiter, später als Angestellter. Ich schrieb über den Krimi-Schriftsteller William X. Kienzle – seine Romane spielten im katholischen Milieu von Detroit – und aktuelle Science-Ficction-Titel wie »Kanonenboot Panik« von Daniel Walther.

Sachbücher über den Zweiten Weltkrieg wie »Tantiemen für den Führer«, aber auch alberne Witzbücher wie »Ich glaub’, mein Hamster bohnert« wurden von mir mit Texten versorgt; dazu kamen Liebesromane, vorsichtige Erotik oder Esoterik. Eine bizarre Mischung, die damals aber im Verlag entsprechend gepflegt wurde.

Manche meiner damaligen Texte finde ich heute noch gut, die meisten würde ich stark redigieren. Sie waren letztlich mein Einstieg in das weite Feld der Öffentlichkeitsarbeit, das ich später von Tübingen aus beackern sollte ...

19 Februar 2017

Busua war ein Traum

Ich wohnte in Dixcove, einige Tage lang genoss ich die Ruhe dieser winzigen Stadt, die nicht weit von der Grenze zur Elfenbeinküste lag. Ich wohnte als einziger Gast in einem winzigen Hotel, das keinen elektrischen Strom und nur gelegentlich fließendes Wasser hatte; ich spazierte zum Hafen und sah dort den Leuten zu, und ich bummelte durch das Dorf.

Immer wieder überquerte ich den Hügel, der das Dorf und seinen Hafen vom Busua Beach trennte. Dort ging ich baden. Ich baute mir ein kleines »Lager« unter einem Baum, wo ich auch meinen Geldbeutel und meine Papiere unter einem Busch versteckte – ein wenig Sicherheit musste sein.

Der Grund dafür: Ich war der einzige Tourist an diesem Strand.

Rechts und links von mir waren, wenn ich ins Wasser ging, nur Palmen, Sand und blaues Wasser. Ab und zu kamen Schulkinder vorbei, die mit dem Bus bis Dixcove gefahren waren und von dort aus zu ihren Dörfern heim gingen; auch Marktfrauen passierten meinen Lagerplatz, ebenso einzelne Arbeiter und Händler. Man ließ mich größtenteils in Ruhe, ab und zu grüßte jemand.

Ich war allein. Ich hatte meine Ruhe. Mein persönlicher Strand war gut drei Kilometer lang. Davon hatte ich mein Leben lang geträumt.

Abends erzählte mir ein Einheimischer, dass man an diesem Strand ein Urlaubsparadies erbauen wolle. Ein riesiges Hotel mit allem Drum und Dran. Das würde den Fischern die Arbeit erschweren – aber so richtig vorstellen konnte sich das keiner.

Als ich unlängst recherchierte, stellte ich fest: Das Urlaubsparadies steht schon. Das Busua Beach Resort steht genau an der Stelle, wo ich vor fast einem Vierteljahrhundert mein kleines »Lager« errichtet hatte. Es lädt mit weißen Schirmen und hellem Strand dazu ein, direkt am westafrikanischen Strand einen schönen Urlaub zu verbringen.

Aber ich glaube, es würde mich zu sehr schmerzen, im Jahr 2017 oder danach noch einmal nach Dixcove oder an den Busua Beach zu reisen ...

18 Februar 2017

Compukontakte 1985

Das kurze Gedicht »Compukontakte« verfasste ich am 8. Oktober 1985; während dieser Zeit war ich bei der Bundeswehr, wo ich sehr viel mit altersschwachen Schreibmaschinen zu tun hatte und sicher nichts mit Computern. Trotzdem schrieb ich einen Text über Computer.

»Eingestöpselt und den ganzen Salat einfach rausgefieselt, / bis die richtige Datei erfasst ist.« So beginnt der Text, und zu diesem Zeitpunkt waren meine Erfahrungen mit Computern eher theoretischer Art. Ich hatte in der Schule ein wenig »Basic«-Unterricht gehabt, als Anwender hatte ich praktisch keine Ahnung.

Somit war mein Blick auf Computer im Jahr 1985 völliger Mainstream, eher kritisch und auf die möglichen Schattenseiten gerichtet: »Partner fürs Leben auf Computerbanken, / konzentriert auf Mikrochips und nüchterne Leitungen.« Computer erscheinen in diesem Text als seelenlose Maschinen, es geht letztlich um »Technofetischismus«.

Ein seltsamer Text – in der Tat. Als ich ihn am 16. Februar 2017 aus dem Ordner holte, in dem ich damals Texte von mir abgeheftet hatte, fand ich ihn zuerst reichlich doof. Aber er passt zur damaligen Zeit, und 1985 fand ich solche Gedankengänge komplett richtig.

17 Februar 2017

Machen Wayna Picchu eigentlich IndioPop?

Zu den Musikrichtungen, die ich so »richtig gar nicht« kenne, zählt südamerikanische »Anden-Folklore«; das habe ich bisher vor allem mit Indios in den Fußgängerzonen und noch eher mit zappeligen Hippies assoziiert. Wenn ich mich aber auf die CD »Muchachita« der Band Wayna Picchu einlasse, bemerke ich, dass die Musik durchaus ihre Stärken hat.

Das ist sehr rhythmisch: Pfeifen trillern, allerlei Blasinstrumente fallen ein, dazu kommen Gitarre und Schlagzeug; die Band klingt so, wie man sich indianische oder eben südamerikanische Volksmusik vorstellt. Dabei hat die Band seit vielen Jahren auch ein Bein in München ... Wahrscheinlich ist das der Grund, warum das Schlagzeug durchaus rockig klingt.

Insgesamt wirkt die Musik somit echt schwungvoll und eingängig – wenn man sich darauf einlässt. Auf Dauer werde ich allerdings sicher kein Fan des andauernden Gepfeifes. Wobei das Titelstück ein wenig nach dem Calypso-Sound klingt, den ich oft hörte, als ich vor vielen Jahren in der Karibik unterwegs war ...

Was die Texte angeht, so reicht mein Spanisch dafür kaum aus. Bei Stücken wie »Machu Picchu« wird allerdings auch ohne Sprachkenntnisse klar, worum es geht: um die unbewältigte Vergangenheit eben: die Ausrottung der Indigenen in Südamerika und die fortdauernde Ungerechtigkeit.

Ich fänd's jetzt blöd, eine Band nur unter eher obskuren »Ethno«-Gesichtspunkten zu beurteilen; Wayna Picchu und diese Art von Anden-Pop muss man sicher mögen. Meins ist es unterm Strich dann halt doch nicht ...

16 Februar 2017

Die Schöne und die Bestie

Irgendwo in der westlichen Ukraine, in den Bergen jener Region, die bis zum Ersten Weltkrieg noch zu Österreich-Ungarn gehört hat: Ausgerechnet in das Dorf Novomaja verschlägt es Dorian Hunter, den knallharten »Dämonen-Killer«. Dort trifft er auf ein uraltes Geheimnis und eine schöne Frau, wird mit einer Tragödie konfrontiert, die mehrere Jahrhunderte überdauert hat, und zum wiederholten Mal in ein Geflecht aus Intrigen und Wahnsinn verwickelt.

Nichts kapiert? Macht nichts. Das ging mir am Anfang ähnlich.

Ich habe unlängst nämlich »Die Schöne und die Bestie« angehört, die Folge 26 der packenden Hörspielserie »Dorian Hunter«. Sie wurde bereits Ende 2014 produziert – aber es dauerte einfach seine Zeit, bis ich sie in »Arbeit« nehmen konnte.

Wer nicht weiß, worum es sich dabei handelt: Ich meine die Hörspiel-Umsetzung der klassischen Heftromanserie »Dämonenkiller«, die in den 70er-Jahren von dem Schriftsteller Ernst Vlcek entwickelt wurde. Der Zaubermond-Verlag bringt die Serie in Buchform heraus, seit einiger Zeit werden die Hörspiele produziert.

Und die sind richtig klasse! Ich kenne die klassischen Romane nicht, werde durch die Hörspiele aber echt zum »Dorian Hunter«-Fan. Das liegt nicht nur an den tollen Dialogen, sondern noch mehr an den beeindruckenden Geräuschen, in denen sich spannende Action und stimmungsvolle Atmosphäre sehr gut verbinden.

Die Geschichte spielt mit verschiedenen Zeitebenen; schon der Titel deutet an, dass es um ein Monster und eine schöne Frau geht. Dorian Hunter als Erzähler ist am Anfang verwirrt, ebenso der Leser, und diese Irritation löst sich erst im Verlauf des Hörspiels. Wer mit diesem Hörspiel in die Reihe einsteigt, wird sicher seine Probleme haben – nachdem sich das Verständnis eingestellt hat, entwickelt sich eine packende Story.

Russische oder ukrainische Mythologie, fieser Horror und wilder Sex, der immerhin durch Geräusche angedeutet wird: Bei »Dorian Hunter« schöpfen die Macher inhaltlich wie akustisch aus dem Vollen. Das finde ich stark!

15 Februar 2017

Der Rosenweg im Jahr 1953

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Schaut man sich alte Fotos an, vor allem solche, die mit einem Schwarzweiß-Fotoapparat aufgenommen wurden, wirken die Motive immer grau und ärmlich. Nichts ist zu sehen von der strahlenden Lebensfreude heutiger Vierfarbbilder, die jederzeit mit einem Smartphone zu machen sind. Die Bilder wirken manchmal beengt, manchmal sieht die Welt aus, als sei sie in tiefster Vergangenheit versunken.

Das Bild, das ich an dieser Stelle zeigen möchte, mag ich trotzdem. Es zeigt den Rosenweg, also die Ecke meines Heimatdorfes, in der ich aufgewachsen bin. Allerdings ist das Bild deutlich älter als ich; laut Beschrieb auf der Rückseite wurde es im Jahr 1953 aufgenommen.

Der Weg war wirklich ein Weg, nicht geteert und vor allem nicht mit einem Gehsteig versehen. Kein Wunder – für parkende Autos brauchte man damals noch keinen Platz. Aus diesem Grund haben die Häuser keine Garagen als Anbau, sondern neben dem eigentlichen Wohngebäude erhebt sich jeweils ein schlichter Schuppen, in dem landwirtschaftliche Geräte und später eben die Autos abgestellt wurden.

Das Haus im Zentrum des Bildes ist das, in dem ich ab 1963 aufwuchs. Aus dem Fenster unterm Dach blickte ich ab Ende der 60er-Jahre in die Welt, ein Blick immerhin, der auf Wiesen, Bäume, einen Bach und den Wald hinausging. Die Fenster wurden um diese Zeit auch ausgetauscht und modernisiert.


14 Februar 2017

Schlosslichtspiele gibt's auch 2017

Karlsruhe ist ziemlich pleite; die Zuschüsse für Kultur werden eingekürzt, und die Schulen dürften auch aussehen, als seien sie seit Jahren nicht mehr geputzt worden. Aber man leistet sich eine Untertunnelung der Innenstadt oder ein neues Fußballstadion. Ich könnte also gern und viel über die Politik der Stadt lästern, Geld auszugeben, das man augenscheinlich nicht hat.

Bei einem Punkt bin ich allerdings schon der Ansicht der Stadt: Für ein Image-Projekt wie die Schlosslichtspiele dürfen die Verantwortlichen gern Kohle verblasen. Das ist was für »das Volk«, vor allem auch für jüngere Leute, und kostet keinen Eintritt. Und so freue ich mich schon sehr darauf, im Sommer 2017 wieder zum Schloss zu pilgern und mir die verschiedenen Aufführungen der Schlosslichtspiele anzuschauen.

2015 lockten mich die Schlosslichtspiele zum ersten Mal, ich war völlig begeistert. Auch 2016 war ich mehrfach vor dem Schloss und schaute mir die phantastischen Bilder und Animationen an. Das wird im Sommer 2017 ebenso sein.

Vom 3. August bis 10. September 2017 will man einen »Schwerpunkt auf neuen Formen der Architektur« legen, heißt es in der Presse-Information des ZKM (Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe), das für die künstlerische Ausgestaltung verantwortlich ist. Entsprechend schwurbelig lesen sich die Pressetexte: »Mit den Shows wird eine visionäre Architektur geschaffen, die in der Verbindung zwischen Licht und Stein neue Räume gestaltet und atmosphärisch erlebbar macht.«

Ganz ehrlich: Würde man mir nur die Texte zeigen, wäre ich sicher, dass die Veranstaltung grausig würden. Man müsste mir ein Honorar bezahlen, um vors Schloss zu ziehen. Aber hinter dem ganzen Medien- und Anspruchs-Geschwurbel verbergen sich eben phantastische Licht- und Musik-Präsentationen, die auch einen mehrfachen Besuch lohnen.

Darauf freue ich mich schon jetzt. Dafür darf die Stadt meinetwegen auch gern Geld verblasen, das sie nicht hat. Und das Presse-Gelaber muss ich halt ein wenig ignorieren ...

13 Februar 2017

Der gute Geist zum fünften Mal

Die Broilers auf dem Titelbild, haufenweise andere Kapellen auf den Innenseiten: In der Ausgabe 130 des OX-Fanzines ist wieder haufenweise Musik vertreten, die im weitesten Sinne zu Punk und Hardcore gehört. Da passt es gut, dass auch der aktuelle Teil meines Fortsetzungsromans veröffentlicht worden ist.

Im fünften Teil von »Der gute Geist des Rock'n'Roll« geht es um Frauen und Computer – tatsächlich ... Der Ich-Erzähler, der nur noch Peter Meißner genannt werden will und nicht mehr Peter Pank, bekommt den nächtlichen Anruf einer Ex-Freundin, die mit ihm reden will, und hat am nächsten Tag an seinem Arbeitsplatz einige Koordinationsprobleme.

Tatsächlich wollte ich mit diesem Teil des Romans ein wenig Zeitkolorit vermitteln. Wie war das eigentlich, als in den 90er-Jahren die Verlage allesamt auf Computer umstiegen und die alten Schreibmaschine eingemottet wurden? Wie fühlte sich die Zwischenstufe zwischen Schreibmaschinen-Zeit und Internet-Ära an, die ja keine fünf Jahre dauerte?

Wahrscheinlich ist dieser Teil manchen Leserinnen und Lesern zu wenig »punkig«. Aber die können sich ja mit den anderen 130 Seiten des umfangreichen und stets lesenswerten Heftes trösten; dort gibt es genügend Stoff für sie ...

12 Februar 2017

Zweimal fünfzig Jahre zu feiern

»Wir brauchen frische Luft«, sagte mir eine der zwei Frauen, die ich vor dem Eingang des »Komma« in Esslingen traf. »Da drin riecht es nach alte Männern.« Sie lachte. »Es riecht nach Alte-Männer Pisse«, ergänzte die andere und lachte auch. Ich lachte ebenfalls.

Die beiden Frauen kannte ich seit den späten 80er-Jahren. Damals waren sie feierfreudige junge Punketten aus Böblingen und Sindelfingen gewesen, die auf vielen Konzerten herumstolperten, bei denen ich ebenfalls anwesend war. Seit damals war mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen; wir alle gingen nicht mehr als Jugendliche durch.

Und deshalb waren wir richtig. Zwei Punkrocker, mit denen ich in den 80er- und 90er-Jahre eine Reihe von Abenteuern erlebt hatte, feierten ihren fünfzigsten Geburtstag: mit Krachmusik und Bier, wie es sich gehörte. Und sie hatten haufenweise alte Punkrock-Kollegen aus dieser Zeit eingeladen.

Punks aus Köln gesellten sich zur alten Nietenpunk-Szene aus Stuttgart; die »alten Säcke« aus Weltstädten wie Tübingen, Göppingen, Geislingen oder Sindelfingen fanden sich ebenso ein wie exilierte Süddeutsche, die längst in Berlin, Hamburg, Hawaii oder der Schweiz wohnten. Manche hatten keine Haare mehr, die meisten trugen normale Frisuren, einige hatten die Haare noch ordentlich gestell.

Es war eine sehr lustige Party mit vielen Gesprächen à la »was hast du die letzten zwanzig Jahre getrieben?« oder »du hast ja noch Haare, super«. Ich trank ein wenig Bier und wechselte dann zu »alkoholfrei« über; ständig umarmte ich alte Freunde und Bekannte.

Ach ja, und Musik gab es auch. Die Bitch Boys spielten – zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren bollerten sie ihren Oi!-Punk raus. Danach die Band Brutal Verbimmelt, die klassischen Deutschpunk in besonders räudiger Weise rüberbrachte. Aber irgendwie war es völlig egal, wer spielte – wichtig waren an diesem Abend wirklich die alten Freunde und Freundinnen. Ein toller Abend!

10 Februar 2017

Ein heikler Tag im Landgericht

Der 9. Februar 1994 war ein besonderer Tag für mich. Ich stand in aller Herrgottsfrühe auf, zog mir einen schicken Anzug an und fuhr nach Karlsruhe. Dort hatte ich einen Termin im Landgericht; ich hatte mich als Journalist angemeldet, um über den Prozess gegen einen örtlichen Neonazi-Anführer zu berichten. Das hatte ich vorher mit der örtlichen Antifa abgesprochen – man wollte ein vernünftiges Protokoll haben.

Ich war zeitig vor Ort, wurde von der Polizei einer strengen Leibesvisitation unterzogen. Sogar mein Kugelschreiber wurde auseinandergeschraubt – es hätte ja eine Waffe sein können. Danach durfte ich in der Bank in der ersten Reihe Platz nehmen, wo die anderen Journalisten saßen.

Einige der Kollegen fragten, für welches Medium ich schriebe. Ich erzählte nichts von meinem Job in der Raketenheftchenserie, sondern plauderte von »freier Mitarbeit für diverse Zeitschriften«, was so falsch ja nicht war. Jeder nahm mich als »neutralen« Schreiberling wahr.

Die anwesenden Neonazis standen und saßen als Pulk zusammen; jeder von ihnen sah aus, als hätte er sein Outfit aus dem Bilderbuch für Nazi-Skinheads gesaugt. Sie starrten die Pressevertreter an, als wollten sie uns an die Gurgel gehen. Die paar »Zivilisten« im Gerichtssaal felen kaum ins Gewicht, einige Leute aus der »linken Szene« saßen ebenfalls da.

Im Prozess selbst ging es unter anderem um den Vorwurf der »Wiederbetätigung«. Der Angeklagte, ein junger Mann aus der Region, hatte eine Gruppierung aufgebaut, die sich offenbar dem nationalsozialistischen Gedankengut verschrieben hatte und dieses entsprechend propagierte. Gewalttaten und Propagandadelikte wurden ihm vorgehalten.

Aus diversen Gesprächem mit einigen Leuten, die ich im Vorfeld geführt hatte, wusste ich mehr über ihn und sein Leben, als während des Prozesses bekannt wurde: Punkrocker und Hooligan, aktiver Autonomer und Neonazi, schwuler Aktivist und harmloser Fußballfan – in den Jahren zuvor hatte er diverse Wandlungen hinter sich gebracht.

Der Prozess war trotzdem spannend; das Gericht hatte sich gut vorbereitet. In den Pausen stellte ich mich zu den Kollegen und diskutierte mit den anderen Journalisten über den Prozessverlauf. Sie hatten zumeist wenig Ahnung von den politischen Hintergründen und waren teilweise völlig baff darüber, dass es in unserer Gegend überhaupt Neonazis gäbe.

Später stellte ich mich unauffällig – ich wirkte seriös und trug meine Schreibmappe unter dem Arm – in die Nähe der Neonazis. Die standen als Gruppe zusammen und unterhielten sich leise, warfen immer wieder Blicke zu den »Linken« hinüber, die ebenfalls eine Gruppe bildeten. Ich wollte ein wenig mithören, was sie sagten; vielleicht war das für weitere Recherchen interessant.

In dem Moment eilte eine von den »Linken« zu mir herüber. Ich kannte die Frau aus dem besetzten Haus, wo wir uns schon unterhalten hatten. Sie baute sich vor mir auf, ignorierte die Gruppe der Neonazis ebenso wie meine Versuche, sie mit Gesten oder Blicken zu stoppen.

»Wie siehst denn du heute aus?«, rief sie lauthals. »Heute mal gar nicht wie ein Punkrocker unterwegs, na? Keine Lederjacke?« Sie lachte schallend, hielt alles offenbar für einen großen Spaß, klopfte mir aufmunternd auf die Schultern und wollte mich in ein Gespräch verwickeln.

Meine »Tarnung« war futsch; danach wussten die Neonazis, wer ich war. Den Prozess bekam ich trotzdem gut hinter mich, mein Protokoll des Prozesses stellte ich hinterher auch der Antifa zur Verfügung. Als »neutraler Beobachter« war ich danach aber nicht mehr zu gebrauchen.

09 Februar 2017

Gebloggt aus Singapur

Es ist jetzt genau zehn Jahre her, seit ich das letzte Mal in Singapur weilte. Ein Grund damals war, dass ich die Stadt so beeindruckend finde. Der andere war, dass ich einen Roman schreiben wollte, der zur Hälfte in Singapur spielt. Dass daraus nichts wurde, ist eine andere Geschichte ...

Heute will ich mal in die Vergangenheit blicken. Was hat micih »damals« interessiert, welche Themen waren mir in Singapur wichtig? Da ist es schon interessant, den eigenen Blog gewissermaßen wie eine Zeitmaschine zu nutzen.

Über »Piercing auf Indisch« schrieb ich am 1. Februar. Ich schaute mir das Thaipusam-Fest an, vor allem den entsprechenden Straßenumzug, und war einigermaßen verblüfft von dem, was ich sah: unzählige Hakenkreuze in allen möglichen Farben beispielsweise, aber auch Menschen, die sich allerlei Stangen und Nadeln durch Haut und Fleisch steckten.

Den Gegensatz dazu beschrieb ich in »Krieg der Fantasy-Welten«. Ich saß in einem Cyber-Café zwischen jungen Chinesen, die sich via Internet eine erbitterte Schlacht lieferten. Smartphones und drahtlose Computer waren vor zehn Jahren noch nicht so weit verbreitet, wie man in der Erinnerung denken könnte.

Am 3. Februar schrieb ich über »Neujahrsfeiern mit viel Orange«. Wen das wundert, dem sei gesagt, dass sich Chinesen nicht unbedingt an den christlichen Jahresablauf halten. Ich fand die Stimmung faszinierend.

Da ich am 6. Februar ein wenig nach Indonesien fuhr, entstand unter anderem der Text »Wie ein Paradies zu verschwinden droht«. Die unberührt wirkende Landschaft, durch die ich vor zehn Jahren wanderte, ist heute teilweise einem riesigen Golfplatz gewichen.

Augenzwinkernd ist mein Artikel vom 7. Februar überschrieben. Ich versuchte ein Durian-Eis und schrieb in »Durian? Dann doch lieber nicht« darüber. Ein Dosenbier-Eis wäre doch eher nach meinem Geschmack gewesen ...

Und am 9. Februar? Da siedelte ich im malaysischen Viertel der Stadt und schrieb über »Moslem-Mädels, Moslem-Jungs«; das meinte ich damals aber komplett positiv. Schaut man sich heute nur die Überschrift an, klingt's glatt nach Pegida.

08 Februar 2017

Trips in die Vergangenheit und in den Wahnsinn

Zu den klassischen Krimi-Comics, die ich sehr gern lese, zählt »Jessica Blandy«. Die gelungene Gesamtausgabe der Reihe erscheint im Verlag Schreiber & Leser; mittlerweile wurden sieben Bände veröffentlicht.

Ich hinke dieser Ausgabe hinterher, kam erst dieser Tage dazu, den vierten Band zu lesen. Der Band enthält drei Geschichten, die erstmals Mitte der 90er-Jahre in den Handel kamen und sich durch einen melancholischen Grundton auszeichnen.

Zum Inhalt: Jessica Blandy ist eine Schriftstellerin, die immer wieder in Kriminalfälle verwickelt wird und die auch Kontakte zur Unterwelt hat. Das sieht man schon bei »Trouble in Paradise«, der ersten Geschichte. Nach vielen Jahren kehrt sie in die Stadt zurück, in der sie aufgewachsen ist. Sie besucht ihren Vater, den sie seitdem nicht mehr gesehen hat, und wird sofort mit Mord und Totschlag konfrontiert.

In »Kimberley Lattua« geht's um einen fiesen Serienkiller, während die Heldin bei »Brief an Jessica« wieder einmal einen Kontakt aus ihrer Vergangenheit trifft. Ganz nebenbei wird sie dabei noch in den Krieg zweier Banden verwickelt, in dem reihenweise Leute sterben.

 Die Texte von Jean Dufaux heben die Geschichte weit aus dem »normalen« Comic-Umfeld heraus. Der Autor schreibt realistisch, er packt eine sanfte Prise Erotik in die Geschichten hinein und spart nicht an klaren Schilderungen. Dagegen sind die Zeichnungen von Renaud häufig schlicht: sauber und akkurat selbstverständlich, aber nicht herausragend und der Story untergeordnet.

Auch dieser vierte Band von »Jessica Blandy« hat mich gepackt. Wer Krimis mag, sollte diese Comics antesten – ich finde sie stark und hole mir auch die nächsten Bände!

07 Februar 2017

Der aktuelle Zynismus

Es herrscht Wahlkampf in Deutschland, wie immer eigentlich. Die Politiker, die noch in Amt und Würden stehen, haben verständlicherweise Angst, ihren gut dotierten Job zu verlieren. Also ringen sie um Macht und Einfluss.

Es gäbe genug zu tun in diesem Land: Die Schulen verrotten, die Straßen sind in einem erbarmungswürdigen Zustand, die Eisenbahn bräuchte dringend eine Frischzellenkur, und auch die Krankenhäuser waren schon mal besser ausgestattet. Von Umweltschutz und Bankenproblemen ganz zu schweigen, die Europäische Union wird sowieso eher nebenbei behandelt.

Das sind alles keine offenbar Probleme für unsere Politiker. Das einzige, was sie in diesen Tagen zu beschäftigen scheint, sind Migranten. Menschen, die in ihrer Not versuchen, nach Europa zu gelangen, sind anscheinend das wichtigste Problem.

Man macht sich lauthals Gedanken über Obergrenzen, redet von Abschiebungen nach Afghanistan und Libyen. Wie es in Afghanistan zugeht, weiß jeder, der ab und zu mal Nachrichten guckt oder Zeitungen liest. Und die Zustände in den Internierungslagern in Nordafrika, in denen Folter und Vergewaltigung zum Normalzustand gehören, sollten mittlerweile sogar den Politikern bekannt sein.

Aber das ist zweitrangig. Man hat offenbar Angst vor der AfD, man hat Angst vor dem Wähler. Also redet man in zynischer Weise über das Schicksal von Menschen, als hätte man es mit Containern oder Leergut zu tun, nicht mit Menschen aus Fleisch und Blut.

Wenn die AfD und andere Menschen ihres Spektrums so widerwärtig daher reden, überrascht mich das nicht – wenn neuerdings Politiker von SPD, Grünen oder Linkspartei in diesen Chor einstimmen, schüttelt es mich vor Entsetzen. Muss man so reden, muss man so denken, muss man wirklich so zynisch sein?

Mir ist klar, dass Europa nicht alle Menschen aufnehmen kann, die hier gern wohnen würden. Es ist durchaus auch Aufgabe von Politikern, sich über Grenzen und Migrationen ihre Gedanken zu machen. Da sollen die Damen und Herren bitteschön ihre unterschiedlichen Ansichten haben und diese artikulieren. Aber geht das nicht eine Spur weniger menschenverachtend?

Und gibt es eigentlich sonst keine Probleme in diesem Land? Wäre es nicht sinnvoller, für eine Zukunft zu streiten, die lebenswert ist? Über Wege, wie man in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren vorankommen will?

Schon klar, solche Gedankengänge sind etwas für Träumer und nicht für Technokraten. Ich bin ja schon ruhig – aber »die Politik« darf sich halt nicht wundern, wenn »der Wähler« keinen Bock hat, irgendwo sein Kreuzlein zu machen.

06 Februar 2017

Im Kaffeehaus am Marktplatz

Relativ spontan entschieden wir uns, im Kaffeehaus Böckeler zu frühstücken. »Mal wieder so ein richtig gemütliches Oma-Café«, so unsere Begründung. Als ich das letzte Mal in diesem Kaffeehaus gesessen war, schrieben wir noch die 90er-Jahre, und meine Mutter war völlig begeistert: Altersmäßig passte sie damals mit ihren 69 Jahren hervorragend zur Einrichtung.

Aus meiner Sicht hatte sich an der Optik des Cafés nicht viel geändert. Kleine Tische, kleine Stühle, eine Treppe, die nach oben führte. Wir ergatterten einen Platz am Fenster, von dem aus wir einen herrlichen Blick auf die Baustelle des Marktplatzes hatten und die Menschen bewundern konnten, die im Nieselregen vorbeihuschten.

Der Service war nett und aufmerksam, das bestellte Frühstück und die Getränke kamen zackig, und alles schmeckte ordentlich. Wir speisten und tranken, redeten nicht so viel, schauten ab und zu zum Fenster hinaus und genossen das Gewirr aus Stimmen, Gläserklirren und Besteckklappern. Es war wie im Urlaub; eigentlich fehlte nur der direkte Zugang zum Strand.

An einem Nachbartisch saß eine junge Frau mit ihrem Begleiter, die Hose modisch über den Knien zerrissen, eine schmucke Lederjacke am Leib. Sie schmierte ihr Brötchen, dann biss sie hinein, und während sie hineinbiss, wischte sie über die Oberfläche ihres Smartphones, Während sie kaute, tippte sie hektisch.

Es ging so weiter. Keine fünf Sekunden am Stück war das Smartphone unbenutzt. Die junge Frau trank und tippte; sie löffelte ihr Ei und wischte über das Display; sie wischte mit der Serviette den Mund ab und las währenddessen etwas, die Stirn gerunzelt und den Blick konzentriert auf das Display gerichtet.

Einerseits bewunderte ich diese moderne Art des Multitasking – ich wäre bei all diesen Unternehmungen kläglich gescheitert –, andererseits fragte ich mich, warum sie einen Mann mitgebracht hatte, den sie zwar ab und zu mal anlächelte, der aber nur einen Buchteil ihrer Aufmerksamkeit erhielt. Vor allem aber kam ich mir unglaublich altmodisch und spießig vor ...

05 Februar 2017

Authentische Literatur?

»Wieviel von Ihren Geschichten ist denn authentisch?« Das ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn die Rede auf mein Buch »Für immer Punk?« kommt. Für viele Leute ist offenbar klar, dass alles, was auf den Seiten dieser Kurzgeschichtensammlung auftaucht, im Großen und Ganzen wirklich so passiert ist, dass es sich um »wahre Geschichten« handelt, die ich einfach nur ausgewalzt habe.

Am Beispiel der Kurzgeschichte »Der King vom Ziegeltal« möchte ich darstellen, wieviel echt wahr ist. In der Story geht es um einen Jugendlichen namens »Dobbs«, der auf einem Dorffest im sogenannten Ziegeltal zusammengeschlagen wird. Bei diesem Dorffest gibt es auch einen Haufen von Jungmännern, die irgendwann – aufgestachelt von einer Volksmusik-Kapelle – lauthals »Sieg Heil!« skandieren.

Und die Geschichte geht so los: »Woher Dobbs seinen Spitznamen hatte, wusste niemand. Weder zu seinem Vor- noch zu seinem Familienamen gab es eine Beziehung. Jeder nannte ihn Dobbs, wahrscheinlich nach einer Nebenfigur aus einer Fernsehserie, aber er selbst hätte sich viel lieber ›King‹ nennen lassen.«

Soweit der Anfang, soviel zu Dobbs. In der Geschichte beschreibe ich ihn entsprechend weiter: »Er wirkte bereits angetrunken, sein rundes Gesicht glänzte unter der schlecht gebauten Tolle im Licht der Festbeleuchtung, die Lederjacke umspannte den Bauch, als müsste sie eine Presswurst bändigen.«

Es gab einen Menschen, auf den die Beschreibung passt. Aber weder hieß er Dobbs, noch wurde er in meinem Beisein auf einem Dorffest zusammengeschlagen. Solche Feste hatten oft Schlägereien zur Folge, und ich lief dort gelegentlich in eine Faust hinein – von daher geschahen solche Episoden immer wieder.

Es gab das Ziegeltal und seine Feste, und ich erlebte einmal wirklich einen Abend mit Volksmusikkapelle und frenetisch »Sieg Heil!« brüllendem Publikum. Aber das war nicht zu Beginn der 80er-Jahre, sondern an ihrem Ende.

Die von mir geschilderte Optik ist eher realistisch; ich sah nicht sonderlich »punkig« aus: »zu meiner Frisur, zu meiner zerrissenen Hose, der dünnen Jacke und den kaputten Turnschuhen. Ich wusste, dass ich anders aussah als die anderen, und das war teilweise absolut beabsichtigt.« Das ist immerhin ein wenig authentisch.

Die Geschichte ist typisch für das ganze Buch. Deshalb handelt es sich um keine Dokumentation über den »frühen Punkrock«, sondern um eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten. Es ist also – tätä! – tatsächlich Literatur. Journalismus wäre etwas völlig anderes ...

04 Februar 2017

Streit im Kinderbecken

Das chlorierte Wasser juckte in meinen Augen, ich begann zu weinen. Doch der Junge, der mir gegenüber stand, spritzte mir weiter ins Gesicht. Wir standen im Nichtschwimmerbecken des Freibades von Glatten, es war knalleheiß, und wir schrieben die späten 60er-Jahre.

Der Junge hörte nicht auf, ich weinte weiter, also lief ich weg. Ich kletterte aus dem Becken und eilte zu meinem Vater, der auf der Parkbank dahinter saß und sich die Szene anschaute »Hilf mir!«, bat ich.

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Wer Streit anfängt, muss ihn auch zu Ende bringen.« Er wies auf das Becken. »Da – geh wieder rein!«

Er hatte recht. Ich hatte den anderen Jungen zuerst angegriffen, weil ich gedacht hatte, dass mir mein Papa im Hintergrund schon helfen würde. Aber das tat er nicht. Weinend ging ich zurück in das Becken und ließ mich weiter vollspritzen.

Als der andere Junge mich untertauchen wollte, stand mein Vater auf einmal neben mir. Er zerrte uns zwei auseinander, dann blickte er zu dem Bademeister, der offenbar schon seit einiger Zeit zuschaute, und nickte ihm zu. Der andere Mann nickte zurück; wahrscheinlich kannten sie sich.

Mein Vater kannte überallher irgendwelche Männer, entweder aus dem Krieg, aus der Gefangenschaft oder von der Kirche her. Und er war stur. Ich fing nie wieder Streit im Schwimmbad an, ob er dabei war oder nicht.

03 Februar 2017

Im Wartezimmer

Ich fühlte mich richtig beschissen, als ich mich in den Stuhl absinken ließ; dabei stützte ich mich vorsichtig auf den Lehnen ab. Mein Rücken schmerzte; mir war's am frühen Morgen »reingefahren«. Jede Bewegung tat weh, ich kam mir vor wie ein Häufchen Elend.

Immerhin hatte man in der Gemeinschaftspraxis einen raschen Temin für mich gefunden. Ich war hergefahren worden, dort hatte ich mich angemeldet und durfte mich hinsetzen. Meine Versuche, den eigentlich richtig guten Science-Fiction-Roman »Lagune« zu lesen, scheiterten weitestgehend. Es tat schon weh, das Buch zu halten.

»Herr Frick!«, ertönte eine befehlsgewohnte Stimme. Sie kam aus Richtung der Röntgenabteilung. Dort wollte man meine Wirbelsäule röntgen, um herauszufinden, ob es vielleicht einen »ernsthaften« Schaden gab.

Ich gab ein leises »Ja« zurück und versuchte, mein Buch schnell wegzupacken und aufzustehen. Mühsam stemmte ich mich hoch, unterdrückte ein lautes Gejaule; das wäre mir jetzt doch zu erbärmlich gewesen.

»Herr Frihiiick!«, ertönte die Stimme erneut, mit dem Unterton eines Feldwebels und der gnadenlosen Strenge einer Oberlehrerin.

»Ja!«, rief ich zurück. Das ging jetzt, weil ich stand, wenngleich nur verkrümmt, das Buch und meine Tasche in den Händen. »Ich komme ja schon. Könnte ich rennen, wäre ich ja wohl kaum hier.«

Immerhin erntete ich damit verhaltenes Gelächter im vollen Wartezimmer, während ich an den anderen Leuten vorbeischlich. Wenn ich noch blöde Witze machen kann, dachte ich, dürfte es nicht so schlimm sein.

01 Februar 2017

Dreißig Jahre Kassierer

Ich kann nicht sagen, wie oft ich Die Kassierer live gesehen habe. Es war stets ein Erlebnis, irgendwo zwischen klassischem Punk und schrägem Musik-Kabarett. Gelegentlich hatte ich die Gelegenheit, mit dem Sänger und den Musikern zu sprechen – sie erwiesen sich stets als kluge Menschen, die sich auf der Bühne eben in »etwas anderes« verwandelten.

Es gibt Leute, die können mit den Kassierern nichts anfangen. Das ist angesichts mancher Texte durchaus nachvollziehbar. Die Band kämpft seit Jahren mit dem Ruf, sexistisch zu sein oder eben nur Lieder über Sex zu singen. Dieses Image ist gewollt, manche Texte sind zudem recht daneben oder zumindest grenzwertig. Allen aber ist gemein, dass sie – wenngleich sie auf den ersten Blick sexistisch klingen mögen – so überzogen und überdreht sind, dass man sie nicht ernst nehmen kann.

Wer das alles nur vom Hörensagen kennt, hat jetzt eine gute Gelegenheit, die Band kennenzulernen. Bei Teenage Rebel Records ist eine Platte mit dem schönen Titel »haptisch« erschienen. Der Untertitel macht es klarer: »ihre besten Aufnahmen aus 30 Jahren«; zudem sind alle neu gemastert. Insgesamt sind 31 Stücke enthalten, die eine sehr bunte Mischung aus Texten und Musik ergeben.

Damit ist die Platte auch schon gut umschrieben. Die Band wird hervorragend präsentiert, da gibt es nichts zu meckern.

Musikalisch gibt es nicht nur rumpeligen Punkrock; nein, die Band spielt auch mal mit Funk (in »Vegane Pampe«), erlaubt sich Ausflüge in den Swing (in »Mit nem Zeppelin ins Jenseits«) oder plündert gnadenlos Volksmusik-Arsenale. Stilistische Grenzen gibt es für diese Band keine, und man schreckt vor keinem Ausflug in irrwitzige Gefilde zurück.

Und textlich? Klar geht es oft um Geschlechtsteile und wie man sie benutzt, oftmals gibt es Zoten, etwa in der »Stinkmösenpolka«. Wer das blöd oder sexistisch findet, ist hier sofort raus. Das muss ich auch klar akzeptieren. Dass die Kassierer andere Texte haben und beispielsweise durch ihre Interpretation von Georg-Kreisler-Stücken zeigen, dass sie auch »anders« können, wird oftmals ignoriert.

Seien wir ehrlich: Die Platte ist für viele Leute nichts. Wer eine erstaunliche Punk-Band kennenlernen möchte, sollte hier unbedingt zugreifen. Die Kassierer sind außergewöhnlich und nicht jedermanns Geschmack. Aber das wollen sie ja auch nicht sein.

31 Januar 2017

»La Prima« ist prima

In Karlsruhe genießt der Name Jörg Hammer unter Feinschmeckern einen guten Ruf. Mit seinem »Hammer's« sorgte er schon vor Jahren für Aufsehen; mittlerweile hat er mit seiner »Oberländer Weinstube« bewiesen, dass sich gehobene Küche und »alter Ruf« nicht ausschließen müssen.

Ich war in den vergangenen Wochen einige Male in seinem Restaurant »La Prima«, das er quasi nebenbei eröffnet hat und in dem er einfache Gerichte zu einem vernünftigen Preis in eher bescheidenem Ambiente anbietet. Was heißt das konkret?

Schon die Einrichtung kommt ohne jeglichen überkandidelten Kram aus: schlichte Tische, schlichte Stühle, wenig Dekoration. Ähnlich ist die Speisekarte, die sehr überschaubar ist, fast schlicht. Es gibt wenige Hauptgerichte, wenige Getränke, an der Wand stehen die Menüs der Woche, und wer mag, kann dem Koch bei seiner Arbeit zusehen. (Ich habe allerdings nie mitbekommen, dass das einer macht.)

Die Weine sind gut, wobei ich bislang nicht viel probiert habe – beim Mittagstisch bot sich das irgendwie nie so an ... –, und die Speisen sind schlicht, aber stets von sehr angenehmer Qualität. Wenn man ein Menü aus Suppe, Hauptgericht und Nachtisch nimmt, ist man zu einem vernünftigen Preis dabei.

Klar ist das »La Prima« von den Preisen her nicht mit der Kantine zu vergleichen, in der ich unter der Woche täglich mein Mittagessen zu mir nehme. Aber das wäre auch ein falscher Vergleich. Ich freue mich, dass es ein solches Lokal »in der Nähe« gibt, das ich mit dem Rad sehr schnell erreichen kann. Dort kann ich an einem Arbeitstag zu Hause immer richtig gut essen, und auch abends schmeckt es dort.

Für ein elegantes Abendessen oder ein »Date« ist es mangels romantischer Stimmung nicht geeignet. Aber dazu würde »La Prima« wohl auch niemand aufsuchen ...

30 Januar 2017

Terranauten in aller Munde

Manchmal verstehe ich die Welt nicht. Da veröffentlicht der amerikanische Bestsellerautor T. C. Boyle ein neues Buch, und alle überschlagen sich vor Begeisterung. Ich kenne von ihm nur »Wassermusik«, was ich großartig finde, und halte ihn ansonsten für eine Spur zu großkotzig – aber ich kenne ihn ja auch nur aus Interviews.

Und dann sitzt er im Fernseh-Interview mit Denis Scheck und erzählt von seinem neuen Roman. Er sagt allen Ernstes, er habe den Begriff »Terranauten« erfunden; darauf ist er sichtlich stolz, und niemand widerspricht ihm. Dann muss es halt ich tun ...

Mag sein, dass Boyle selbst auf den Begriff kam. Aber zu Beginn der 80er-Jahre erfreute die deutschsprachigen Science-Fiction-Fans eine Heftromanserie mit eben diesem Titel. Ich mochte »Die Terranauten« sehr und las die Serie bis zum bitteren Ende, über alle Schwächen hinweg. In irgendwelchen Kisten habe ich sie bis heute auch aufbewahrt.

Vielleicht ist T. C. Boyle daran schuld, dass ich im Keller meines Elternhauses nach der Kiste mit den alten »Terranauten«-Heften krame. Weil ich natürlich lieber das Original lese als die amerikanische Version davon ...

29 Januar 2017

Die ach so einfachen Leute

Wenn mich in jüngster Zeit ein Begriff nervt, der häufiger aufzutauchen scheint, dann ist es der der »einfachen Leute«. Gern wird er von Journalisten und Politikern benutzt, häufig kommt er mir im Fernsehen entgegen, und immer wieder werden die »einfachen Leute« in Zusammenhang mit einem Wahlverhalten genannt, das eher nach rechts tendiert. Anders gesagt: Die ach so einfachen Leute sind schuld daran, dass die AfD in Deutschland und viele Rechtspopulisten sonstwo in Europa oder in Amerika im Aufwind sind.

Sieht man mal davon ab, dass das sowieso nicht stimmt (in der AfD beispielsweise scheint es von Professoren und weiteren Intellektuellen nur so zu wimmeln; auch ehemalige Geschichtslehrer mischen da mit), wirkt diese Begrifflichkeit so arrogant, dass es mich schüttelt. Es kommt einem so vor, als müssten sich manche Leute von der ach so einfachen Bevölkerung abheben. »Die da unten« sind also schuld, und mit »unten« ist gemeint, dass sie unter dem eigenen Intelligenzquotient stehen.

Ich komme aus einer Schicht von einfachen Leuten, wir waren alle einfach: Die Mutter war Putzfrau, der Vater war zuerst Handwerker und später Arbeiter, alle Nachbarn und Verwandten schufteten in Fabriken, auf Baustellen oder in der Landwirtschaft, keiner trug einen weißen Kittel oder hatte einen Krawattenberuf. Sie waren mal so, mal so: Die einen waren rechts, die anderen links, manche waren blöd, dass es scheppert, andere steckten voller Weisheit – und sie alle würde man heute als »einfache Leute« bezeichnen.

Woher kommt dieses Reden von den »einfachen Leuten«? Ist eine gewisse Klasse von Menschen schon so weit weg vom normalen Arbeitsalltag der Bevölkerung, dass manche nicht einmal mehr merken, dass sie fast schon rassistisch reden? Müssen sich manche von den »einfachen Leuten« abheben, um sich nicht einmal solidarisch die Finger schmutzig machen zu müssen?

Ich kann verstehen, dass man im wissenschaftlichen Diskurs mit Texten um sich wirft, die mit Fremdwörtern gespickt sind. Wenn aber Politiker und Journalisten einen Ton anstimmen, den jemand, der für sein Geld wirklich arbeiten muss, schlichtweg nicht versteht, liegt es nicht an den »einfachen Leuten«, sondern daran, dass manche Menschen offenbar abgehoben sind.

Die »einfachen Leute« sind nicht schuld daran, dass die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch sind oder die Ausländerheime brennen. Schuld daran sind die Arschlöcher aller Schichten – und ob die einen hohen oder einen niedrigen Bildungsgrad haben, ist mir völlig gleichgültig.

28 Januar 2017

Dryas? Ich gratuliere!

Dass ich den Dryas-Verlag so sympathisch und korrekt finde, liegt nicht nur daran, dass dort mein Buch »Das Tier von Garoua« erschienen ist. (Ein Werk, das weit davon entfernt war, »erfolgreich« zu sein. Mit solchen Büchern geht ein Verlag immer ein großes Wagnis ein.) Ich mag an dem Verlag, dass er die eine oder andere Abweichung gegangen ist, seit einiger Zeit aber ein klares Profil gewonnen hat.

Wann genau ich Sandra Thoms, die Verlegerin, kennengelernt habe, weiß ich gar nicht mehr. Es muss im Vorfeld zu meinem Afrika-Buch gewesen sein; schon damals fiel mir auf, dass sie sehr zielstrebig und gleichzeitig supersympathisch war. Das zeichnet irgendwie bis heute auch den Verlag aus.

Längst hat man einen Schwerpunkt auf Großbritannien gelegt; Romane und Sachbücher spielen dort. Wie sich das nach dem Brexit weiter entwickelt, wird sicher spannend. Deutschsprachige Leserinnen und Leser mögen Großbritannien, das werden unsereins auch nicht die Politiker verderben können. Mal schauen, wie ein Verlag wie Dryas darauf reagiert. Mit verstärktem Blick in die Vergangenheit?

Unter anderem beschäftigt man sich ohnehinmit Krimis, die in der »guten alten Zeit« spielen, Werke also, bei denen Vergleiche zu Mrs. Marple, Sherlock Holmes und anderen Krimi-Klassikern auf der Hand liegen. Die werden dann auch in einer Reihe namens »Baker Street Bibliothek« veröffentlicht.-Phantastik-Freunde kommen bei Dryas gelegentlich auch auf ihre Kosten. Die Romane werden ein wenig unter Romance oder Krimi versteckt, sind aber durchaus vorhanden.

Hin wie her: Der Verlag positioniert sich in der Geschäftswelt klar, und er zeigt auch politisch durchaus mal »Kante«. Nicht mit erhobenem Zweigefinger, aber eben durch die Unterstützung von Amnesty International.

Im Jahr 2017 kann Dryas seinen zehnten Geburtstag feiern. Dazu gratuliere ich artig und wünsche weiterhin viel Erfolg und – na klar! – viel Spaß mit Romanen und Sachbüchern. (Wer den Verlag nicht kennt, checke unbedingt seine Website. Da gibt es viel zu entdecken!)

27 Januar 2017

Ungewöhnlicher IndiePop

Die Band Much Better Thank You kommt aus der Gegend von Osnabrück; ich hatte vor eineinhalb Jahren schon einmal eine Platte von denen gehört und hatte zuletzt ihre aktuelle CD »... Just a Dream« in meinem CD-Player. Um es klar zu sagen: Ich muss in der richtigen Stimmung sein, um sie anhören zu können – dann aber finde ich sie ausgesprochen gut. Die Band macht nämlich IndiePop im wahrsten Sinne des Wortes, sehr ruhig gestaltet und teilweise fast ätherisch klingend.

Häufig werden die Stücke sehr sparsam instrumentiert, plunkern ruhig vor sich hin, mit zurückhaltenden Melodien. Trotzdem werden viele Instrumente eingesetzt, so zirpt auch mal eine Geige, und ab und zu wummert die Gitarre fast schon überraschend zwischen der unterkühlten Stimmung hervor, es wird ein wenig krachig.

Da kann ein Stück wie »ADHDis« schon zu schrammelig-lautem Pop mit krachenden Gitarren werden, während viele andere Stücke extrem ruhig bleiben. Da wird es auch mal schmissig, während ein anderes Stück an einen Walzer oder an klassische Musik erinnert. Die musikalische Bandbreite der vielköpfigen Band ist auf jeden Fall sehr hoch.

Die englischsprachigen Texte verzichten auf platte Aussagen, vermitteln aber immer wieder klare Inhalte – auch das aber auf eine gelassene Art, bei der man genau hinhören muss. Es geht beispielsweise um Flüchtlingskinder, die deutsche Vergangenheit oder einfach seltsame Nachbarn.

Die Sängerin bringt all das ausdrucksstark rüber, mit einer wandlungsfähigen Stimme, die mal zart zittert, mal wuchtig und energiegeladen klingt. Langer Rede kurzer Sinn: Wer intelligente Popmusik mag, die originell klingt und sich den Schemata von Radio-Gesinge verweigert, möge sich die Band mal anhören. Auf der band-eigenen Website stehen genügend Hörbeispiele zur Verfügung.

26 Januar 2017

Gedichte über Freudenstadt

Wann genau ich die Texte schrieb, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Mit Datum vom 14. April 1980 tippte ich zwei Texte auf ein A4-Blatt, die ich unter den Titel »Gedichte über Freudenstadt« stellte. Das ausgeleierte Farbband der Kofferschreibmaschine und das karierte Schulheftpapier, auf das ich tippte, machen das Papier kaum noch lesbar.

Der eine Text stand unter dem Titel »Kurgäste« und schilderte im Prinzip eine Begegnung des Ich-Erzählers – ein Schüler – mit einer als hochnäsig empfundenen Dame aus Norddeutschland. Der Text war sicher schwerst von der ersten Bukowski-Lektüre beeinflusst und spiegelt das Verhältnis zwischen schwäbisch redenden Einheimischen und hocheutsch sprechenden Touristen wieder.

Der andere Text ist lakonisch vom Titel und vom Ausdruck her: »Gehweg« ist eine in seltsamem Reimschema erstellte Schilderung der Verhältnisse an einem Einkaufstag. Der junge Autor hatte damit wohl seine Probleme – tröstlich ist es nicht unbedingt, dass ich mit dem Abstand von drei Dutzend Jahren noch ähnlich empfinde ...

25 Januar 2017

Lyrik vom Meister der Kurzgeschichte

Bisher kannte ich Raymond Carver ausschließlich als Autor von Kurzgeschichten; sie sind hierzulande in verschiedenen Storysammlungen erschienen und lohnen jederzeit die Lektüre. Als sein Metier betrachtete ich den klaren Blick auf die amerikanische Durchschnittsfamilie und die Verwerfungen, die das tagtägliche Leben mit Menschen anrichten kann. Dass er auch Gedichte schrieb, war mir tatsächlich nicht bekannt; dabei läge es auf der Hand.

Im MaroVerlag erschien bereits um 1992 erstmals der Gedichtsband »Gorki unterm Aschenbecher«, der seitdem mehrere Neuauflagen erlebte. Ich habe die Ausgabe aus dem Jahr 2010 gekauft, die ich im Verlauf der vergangenen Wochen endlich durchgelesen habe. Enthalten sind Texte, die in den Jahren 1970 bis 1989 in unterschiedlichen amerikanischen Gedichtsbänden veröffentlicht worden sind.

Meist ist die Sprache der Gedichte eher nüchtern; das ist bei den Kurzgeschichten des Autors nicht anders. Er schreibt unaufgeregt, und in seinen Texten verbinden sich Naturbeobachtungen mit Beschreibungen des täglichen Lebens: »Auf einer Rauchwolke treibe ich hinaus / folge der streifigen Spur einer Schnecke / durch den Garten zur Steinmauer.«

Häufig sind seine Texte nichts anderes als extrem verdichtete Kurzgeschichten, die er in klaren Beschreibungen und knappen Dialogen zusammenpackt. Damit erinnert er an andere amerikanische Autoren der 60er- und 70er-Jahre – oder noch früher! –, deren Texte ich durchaus gern lese. Er orientiert sich sogar an Charles Bukowski, den er zum Thema eines eigenen Gedichtes macht.

Mit »Gorki unterm Aschenbecher« hat mich Raymond Carver durchaus überrascht; die Texte zeigen, dass der Mann auch die Kürzestform der Literatur beherrschte. Seine Kurzgeschichten mag ich trotzdem lieber, bei den Gedichten hängt es von der Tagesform ab, ob ich sie gern lese oder nicht.

Das Buch selbst ist schön. Es kostet 12,50 Euro, und man bekommt ein schickes Paperback dafür. Und weil es sich um Gedichte handelt, lesen sich die rund 150 Seiten nicht so schnell – man braucht ein wenig Zeit. Wer Gedichte zu schätzen weiß, sollte es antesten. Wer Raymond Carver noch nicht kennt, sollte erst mal Kurzgeschichten von ihm lesen.

24 Januar 2017

Zwischen Ska-Schweiz und Dub

In den Nuller-Jahren sprudelten aus der Schweiz zahlreiche Bands hervor, die Ska und Reggae spielten. Zu ihnen zählten Open Season aus dem Großraum Bern, die ich sehr gern hörte – irgendwann verlor ich die Band aus den Augen, und live sah ich sie leider nie. Dieser Tage hörte ich ihre CD »Here We Go« mal wieder an, stellte fest, dass sie mir gut gefiel, und ließ sie als Sommermusik im Auto.

Das ist auch angebracht. Die Band mixt allerlei Sounds zusammen, und das machen die Schweizer durchaus geschickt. Da gibt es natürlich viel Reggae und Ska, dann gibt es aber ebenso Dub-Gewummer und einige Einsprengsel von HipHop. Das funktioniert nicht immer hundertprozentig, ist aber stets unterhaltsam und sehr abwechslungsreich.

»I Lost My Phone« ist ein echter Hit, den man schon nach dem ersten Anhören mitsingen kann. Mit »Hidden Agenda« zeigt die Band, dass man angenehm poppige Sommermusik auch mit intelligent-politischen Texten verknüpfen kann. Ob allerdings das mehr als zehn Minuten lange Dub-Stück mit dem passenden Titel »Dubway« wirklich nötig war, weiß ich nicht ...

Insgesamt ist »Here We Go« aber eine richtig gute Platte, wenngleich meilenweit weg von dem Punkrock, den ich meist höre. Aber wenn ich in diesen Tagen keine Lust mehr habe auf den Katastrophen-Sound, der einem politisch-gesellschaftlich auf allen Ebenen entgegenschwappt, ist so eine Reggae-Platte geradezu ideal.

23 Januar 2017

Hotel Of Usher

Dank der Seite »efanzines.com« ist es heute auch möglich, sich Fanzines genauer anzuschauen, die aus halb vergessenen Zeiten stammen. Im aktuellen Fall geht es im das kleine Fanzine »Hotel Of Usher«, das offenbar mithilfe eines Umdruckers hergestellt wurde – da dürfte die Papierqualität seit bald fünfzig Jahren nicht besser geworden sein. Ich habe es mir in den vergangenen Tagen immer mal wieder angeschaut.

Offenbar scheint es sich um ein frühes Exemplar eines typischen Con-Fanzines zu handeln; an solchen Publikationen habe ich vor allem in den 80er-Jahren selbst mitgemischt. Erstellt wurde es während des BayCons, des 1968er-WeltCons, der im Hotel Claremont in der kalifornischen Stadt Oakland veranstaltet wurde.

Schaut man sich das Fanzine an, scheint viel schiefgegangen zu sein: Nicht nur, dass eine fürchterliche Hitze herrschte und die Klimaanlage ausgefallen war; auch die Fahrstühle hatten ihre Ausfälle.

In dieser Situation wurde geschrieben und gezeichnet, gereimt und geblödelt, und heraus kam »The Hotel Of Usher«. Leute wie Vonda McIntyre sind bei den Mitarbeitern zu finden; in späteren Jahren wurde sie mit ihren Kurzgeschichten und Romanen berühmt. All das mit dem Abstand von so vielen Jahren nachzulesen, das macht mir als ollem Science-Fiction-Fan einfach großen Spaß ...

22 Januar 2017

Endlich Birdman!

Den Kinofilm »Birdman« hatte ich verpasst, als er hierzulande in den Kinos war; jetzt sah ich ihn endlich auf DVD. Ich glaube, ich habe einen neuen Lieblingsfilm, zumindest einen, den ich in künftigen Jahren immer als einen meiner Lieblingsfilme bezeichnen möchte. Der Film pendelt zwischen ernsthaftem Drama, schräger Komödie und phantastischem Streifen hin und her, nimmt den Zuschauer dabei stets so ernst, dass ich zumindest das alles gerne mitgemacht und angeschaut habe.

Die Handlung ist recht komplex, lässt sich aber erstaunlich gut zusammenfassen. Ein alternder Schauspieler wurde in jungen Jahren vor allem dadurch bekannt, dass er den Comic-Helden »Birdman« spielte. Weil er danach jahrelang nichts mehr auf die Reihe bekam, versucht er nun, ein Theaterstück an den Broadway zu bringen (erfreulicherweise nach einem Text des genialen Kurzgeschichtenautors Raymond Carver) – dabei geht ziemlich viel schief.

Wer es genauer wissen will, schaue sich entsprechende Berichte im Internet an; die sind teilweise sehr ausführlich. Mich verblüffte an diesem Film vieles: Beispielsweise gibt es als Soundtrack nicht das bekannte Orchester-Gedudel, sondern ein reines Schlagzeug-Gewitter. Atemlos und jazzig hetzt das Schlagzeug einen durch die Szenen, das ist mitreißend und ungewöhnlich.

Der Hammer ist die Kameraführung; für mich sah es aus, als seien unglaublich lange Szenen ohne einen einzigen Schnitt gedreht worden. (Wenn ich die entsprechenden Berichte lese, war's wohl vor allem gut eingesetzte Digitaltechnik.) Das Ergebnis ist verblüffend; so etwas habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Das gleiche gilt für die Schauspieler. Michel Keaton – der ja durch »Batman« bekannt geworden ist – spielt den Mann, der an »Birdman« gekettet ist, als gebrochenen Charakter, der in sich widersprüchlich ist Emma Stone macht eine unglaubliche rotzige Göre, Naomi Watts spielt eine verzweifelte Frau, und so weiter; zeitweise hatte ich das Gefühl, dass die bei ihrer Darstellung über sich selbst hinauswuchsen.

Das liegt sicher an Alejandro González Iñárritu. Von dem Mann kannte ich bisher »bewusst« nur einen Film. Es war der absolut umwerfende »The Revenant« mit Leonardo Di Caprio. Was ich nicht wusste: Ich kannte von dem Regisseur auch »Amores Perros« (ein Episodenfilm über Hundeliebhaber), seinen Beitrag zum »9/11«-Episodenfilm sowie den Mainstream-Streifen »Babel«. Die Filme, die ich noch nicht von ihm kenne, werde ich jetzt wohl auch alle anschauen müssen ...

21 Januar 2017

Aktuelle Projekte 2017

Das Jahr 2016 wurde für mich unter anderem dadurch geprägt, dass ich einen voluminösen Fantasy-Roman geschrieben habe – voluminös für mich. Er wird im Herbst 2017 erscheinen; ich habe mittlerweile auch schon das Titelbild gesehen und freue mich sehr auf das fertige Buch. Weitere Details folgen, sobald ich Genaueres sagen kann.

Derzeit bastle ich immer wieder an »Der gute Geist des Rock'n'Roll«; das ist die aktuelle Fortsetzungsgeschichte, die im »OX«-Fanzine erscheint. Wer mag, kann es als Fortsetzung der »Peter Pank«-Trilogie betrachten ...

Was ich aber vorrangig behandeln möchte, ist das Buch, an dem ich mit einem Freund zusammen schon seit fünf Jahren doktere. Das liegt nicht an ihm, sondern an mir – zu viele Projekte, zu wenig Zeit. Aber es ist inhaltlich ein Knaller, behandelt er doch Dinge, von denen jeder ein wenig weiß, aber nicht so richtig viel.

Ich möchte die Rohfassung des Buches bis Februar abschließen; die Texte des Freundes liegen schon lang vor. Dann können wir beide ans Lektorat gehen, so dass wir hoffentlich die Endversion im Frühjahr an den Verlag schicken werden. Und dann hoffe ich, dass es in diesem Jahr noch was mit dem fertigen Buch wird.

Es hängt immer an der Zeit. Aber da ist alles Gejammer unnötig. Ich müsste einfach weniger Zeit auf eine gewisse Raketenheftchenserie ausrichten, dann hätte ich mehr Zeit für eigene Schreibprojekte ...