25 August 2016

Vegetarisch siegen

Ich finde, man kann Respekt auch für etwas zollen, das man selbst kritisch beäugt. Die Firma Rügenwalder Mühle war mir lange Zeit durch ihre Werbung für Wurstprodukte bekannt, und als sie in das Geschäft mit vegetarischen Produkten einstieg, fand ich das mehr als kritisch.

Selbst bin ich seit bald einem Vierteljahrhundert Vegetarier – ohne jeglichen religiösen Anspruch –, und mich macht es misstrauisch, wie viele Einzelpersonen und Firmen neuerdings auf den »Veggie-Trend« aufspringen. Die Rügenwalder Mühle scheint jedoch alles richtig gemacht zu haben, wenn man sich einen entsprechenden Artikel im Handelsblatt genauer anschaut.

Zu Beginn des Jahres 2015 begann das Unternehmen, das vor allem durch seine »normalen Würste« bekannt geworden war, mit der Produktion und dem Vertrieb von vegetarischen Produkten. Der Verkaufsstart war im Februar 2015 – und die Werbung nervte mich zeitweise sehr.

Aber glaubt man den Zahlen im Handelsblatt, hat das vegetarische Angebot jetzt schon zwanzig Prozent des Gesamtumsatzes erreicht. Die Firma konnte ihren Umsatz insgesamt stark steigern. Das war dann allerdings auch ganz schön teuer: Seit Anfang 2015 hat man rund 44 Millionen Euro an Werbung für die Vegetarier-Produkte gesteckt – bei einem Jahresumsatz von 205 Millionen Euro ist das eine ungeheurliche Summe.

Okay: Generell nimmt der Markt für vegetarische und vegane Produkte ständig zu. Immer mehr Leute reduzieren ihren Fleisch- und Wurstkonsum. Da musste das Unternehmen von der Ostseeküste reagieren – und die Verantwortlichen haben offensichtlich richtig gehandelt. (Ich als Nicht-Kunde zähle da nicht. Man hat neue Kunden angesprochen und auch erreicht.)

Was lernen wir daraus? Man kann auch in einem schrumpfenden Markt noch Zuwächse erzielen. Man muss ein neues Segment eröffnen, und man muss das neue Segment massiv bewerben. Vielleicht sollte sich die eine oder andere Wirtschaftsbranche an diesem Erfolg mal eine Scheibe – ha! – abschneiden ...

24 August 2016

Die Schlosslichtspiele 2016 begeistern

Im vergangenen Jahr zählten die Schlosslichtspiele in Karlsruhe zu den Höhepunkten des Sommers: An mehreren Abenden saßen wir vor dem Schloss, schauten uns die beeindruckenden Bilder an, die auf die Fassade des Gebäudes projiziert wurden. Ich lud Freunde und Bekannte dazu ein – und wirklich jeder war davon begeistert.

Auch wenn Karlsruhe faktisch pleite ist, gibt es in diesem Sommer eine Fortsetzung. Das finde ich klasse, und deshalb schauten wir uns an einem schönen Abend die diesjährigen Schlosslichtspiele an: künstlerisch überzeugten sie mich zum wiederholten Mal.

»Paperlife« ist eine Videokunst-oder-wie-immer-man-das-nennen-mag-Installation des Designbüros Hauslaib. In dieser Show wird die Schlossfassade in eine Welt verwandelt, durch die Wesen aus Papier spazieren; teilweise sehr fremdartig, manchmal echt mit einem Hauch von Fantasy. Toll gemacht!

Die stärkste Show des Abends, an dem ich vor dem Schloss saß, kam wieder von dem ungarischen Kunstkollektiv (keine Ahnung, wie man das genau bezeichnet), das den schönen Namen »Maxin10sity« trägt. Das Programm hieß »Legacy« und spielte am stärksten mit der Fassade des Schlosses – wie auch das letztjährige Programm.

Die Ungarn spielten mit der Fassade: Wie sähe das Schloss aus, wäre es ein griechischer Tempel oder eine Moschee, ein mittelalterliches Kloster oder eine ägyptische Anlage? Starke Bilder, das Schloss verwandelte sich vor unseren Augen in dreidimensional erscheinenden Bildern.

Künstlerisch ist wahrscheinlich die Show »Defilee« am anspruchsvollsten: Im Prinzip wird die Fassade des Schlosses benutzt, um hundert Jahre Avantgarde-Kunst zu präsentieren. Picasso und Dali, Matisse und andere Künstler, dazu Filmschnipsel und Fotografien – sie werden zerlegt, zerteilt, wieder neu zusammengesetzt, sie tanzen über Fenster und Türmchen.

Eine wunderbare Veranstaltung, die ich sicher noch einige Male besuchen werde. Jeden Abend pilgern jetzt wieder Tausende von Menschen zum Schloss – ein einer friedlichen Atmosphäre, in der man zahlreiche unterschiedliche Sprachen hören kann.

23 August 2016

Ein emotionaler und toller Film aus Spanien

Ein Film, von dem ich vorher nichts wusste, der mich aber echt umgehauen hat: »El Olivo« läuft derzeit in wenigen deutschen Kinos. Ich sah ihn gestern in der »Schauburg« in Karlsruhe, in einem leider sehr wenig gefüllten Saal, und ich war mehrfach kurz davor, Tränen der Rührung zu vergießen.

Dabei beginnt die Geschichte so harmlos: Alma ist eine junge Frau, irgendwo im südlichen Spanien. Sie ackert auf einer Hühnerfarm – also in der Massentierhaltung – und tanzt nachts in der Disko. Mit der Familie hat sie durchaus ihre Probleme, ihren Großvater liebt sie.

Weil vor Jahren ein 2000 Jahre alter Olivenbaum verkauft worden ist, spricht der Großvater kein Wort mehr. Es scheint keine Hoffnung mehr für ihn zu geben, er wird wohl bald sterben. Alma findet heraus, dass der Olivenbaum damals nach Deutschland verkauft worden ist, und sie schmiedet einen wagemutigen Plan – sie will ihren Großvater retten.

Mit ihrem Onkel Alca und ihrem Kollegen Rafa, der heimlich in sie verliebt ist, bricht sie nach Düsseldorf auf: ohne konkreten Plan, ohne Sprachkenntnisse, aber mit unbändigem Willen und vor allem mit einem schweren Lastwagen, den sie »geliehen« haben. In Düsseldorf stoßen sie auf die Glasfront einer großen deutschen Bank, aber auch auf solidarische Menschen, die ihnen helfen wollen.

Der Film ist streckenweise sehr witzig, dann wieder unglaublich traurig. Er enthält beeindruckende Bilder der riesigen Olivenhaine oder auch von Details der Olivenbäume, er ist wuchtig erzählt und zog mich unweigerlich in seinen Bann. Die Emotionen sind nicht kitschig, sondern nachvollziehbar; die wirtschaftliche Depression in Spanien und die zerstörten Hoffnungen der Erwachsenen werden in klaren Bildern geschildert.

»El Olivo« ist ein starker Film über Hoffnung und Liebe. Gleichzeitig ist er eine Darstellung der Schuldenkrise in Spanien, die ohne erhobenen Zeigefinger und wirtschaftspolitische Diskussionen auskommt – es ist ein zutiefst menschlicher Film, den ich allen empfehlen möchte, die in diesem Sommer keine Lust auf Blockbuster haben.

22 August 2016

Was war noch mal mit Zsolnay?

Einige Jahre lang gehörte Zsolnay zur Verlagsunion Pabel-Moewig; zu einer Zeit, als ich in diesem Verlag anfing, war Zsolnay unser literarisches Aushängeschild. Es klappt allerdings einiges nicht so richtig, und der Verlag wurde verkauft.

Allein aus diesem Grund fand ich das Eine-Sonntagsfrage-Interview sehr lesenswert, das die »Börsenblatt«-Redaktion mit Herbert Ohrlinger führte – der Verlagsleiter gibt interessante Einblicke in seine Arbeit.

Der gute Geist – zum zweiten

Die Ausgabe 127 des OX-Fanzines hat mal wieder ein Cover, das zeigt, dass sich das Heft nicht unbedingt darum bemüht, den »Regeln« des Kioskvertriebes zu folgen. Das finde ich sehr sympathisch – im OX steckt nach all den Jahren und Jahrzehnten immer noch genügend »Fanzine-Spirit«, denke ich. Deshalb fühle ich mich in diesem Heft sehr wohl.

In der aktuellen Ausgabe ist der zweite Teil meines aktuellen Fortsetzungsromans erschienen. »Der gute Geist des Rock'n'Roll« spielt im Jahr 1996, ziemlich genau 20 Jahre vom heutigen Sommer entfernt.

Und weil der Roman noch an seinem Anfang steht, brauche ich einige Seiten, um die neuen Nebenfiguren vorzustellen. Das geschieht mithilfe einer Kneipen-Szenerie, zu der laute Musik, betrunkene Aktionen und ein wenig Situationskomik zählen.

Das Schreiben der Szenen hat mir Spaß gemacht. Leider weiß ich nie so richtig, wie die Fortsetzungen bei den jeweiligen Lesern ankommen. Aber bei einem Fanzine ist ja eh wichtiger, dass der »Spirit« stimmt.

21 August 2016

Idyllisches Kelsterbach

Kelsterbach liegt direkt neben dem Flughaften von Frankfurt am Main. Das war mir schon im voraus bekannt, aber ich hatte keine Vorstellung davon, was das wirklich bedeutet. Am Freitag, 19. August 2016, traf ich mich dort mit zwei Autoren – und das war durchaus anstrengend.

Wir saßen im Hof eines Restaurants unter einem Schirm, wo wir aßen und tranken und diskutierten. Es ging um die Inhalte der Romanserie, für die wir alle drei tätig sind – aber wir wurden immer wieder von einem Thema abgelenkt, das für jeden von uns in diesem Ausmaß fremd war.

Im Abstand von zwei, drei Minuten – und manchmal noch öfter – donnerten Flugzeuge über uns hinweg. Ob sie starteten oder landeten, war dabei nicht so wichtig; sie waren so nahe, dass ich manchmal dachte, die Tragflächen würden die Dächer des Hauses absensen, in dessen Hof wir saßen.

Der Lärm war höllisch, und jedes Mal verstummte unser Gespräch für eine halbe Minute, bevor wir weitersprechen konnten. Manchmal lachte ich darüber, weil der Anblick und der Lärm echt eindrucksvoll waren; die meiste Zeit dachte ich aber immer nur an die Anwohner. Während wir nach der Besprechung wieder abreisten, blieben die Leute von Kelsterbach weiterhin unter der Lärmglocke des nahen Flughafens.

Ich nahm mir vor, mich nie wieder über den dezenten Straßenlärm zu ärgern, der in Karlsruhe von der nahe gelegenen Südtangente wie ein immerwährendes Brummen bis zu unserem Balkon dringt. Gegen den Lärm, den die Flugzeuge über Kelsterbach verursachen, ist das echt Kinderkram.

19 August 2016

Jagd und Hund

Die vier Jungmänner von Love A faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Mit »Jagd und Hund« brachte die Band aus Trier im Frühjahr 2015 ihre dritte Platte heraus – es gibt sie als CD und als LP, und wer mag, kann sie sich sogar kostenlos auf Youtube anhören. Sie ist eingängig und intensiv, und bei jedem Anhören vernehme ich neue Details, die mir gefallen.

Wobei die Texte diesmal nicht unbedingt fürs Poesialbum sind, aber sicher irgendwann in deutschen Universitäten diskutiert werden. Wer kommt denn auf solche Zeilen? »Brennt alles nieder, fickt das System / Aber lasst mich erstmal schlafen gehen ...« Da paaren sich Rebellion und Resignation, da wird klar, dass Punk in den Zehnerjahren eben nicht mehr vergleichbar ist mit dem Punk in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Wobei ich mir sicher bin, dass die Band für viele Leute sowieso »kein Punk mehr« ist, sondern eher als »intelleler Studischeiß« abgestempelt wird. Nichts wäre falscher. Die Band hat schlaue Texte klar, aber es gibt immer wieder knallige Aussagen, die dann doch sehr punkig klingen.

Und musikalisch? Die ist weg vom Deutschpunk, aus dem Love A eh nicht kommen. Man kennt sich aus, die vier Männer haben ihre musikalischen Vorerfahrungen. Für mich ist das noch Punkrock, so wie die Wipers für mich immer Punkrock waren – wer die Band eher in die Indie-Schublade legen will, hat aber meinen Segen.

Die Stücke wirken oft nachdenklich, sie haben einen pessimistischen Unterton – doch der ist gleichzeitig ganz schön sarkastisch. »Man muss nicht alles mögen, man muss nicht alles ändern wollen« – ich gestehe, dass ich Fan bin. Diese Platte ist schlichtweg genial!

18 August 2016

Minderheitenprobleme

Ich kenne Menschen, die in Städten wie Baden-Baden, Pforzheim oder Lahr wohnen. Sie äußern sich häufig in Gesprächen sehr kritisch über eine Minderheit, die in diesen Städten wohnt. Die Angehörigen dieser Minderheit haben häufig eine doppelte Staatsbürgerschaft, sprechen untereinander nicht deutsch, finden den Herrscher ihres »Heimatlandes« häufig extrem toll, haben oftmals eine eher rechtskonservative Einstellung, haben ein Problem mit Frauenrechten oder Homosexuellen.

Diese Minderheit nimmt offenbar zu; angeblich gibt es Viertel, in denen auf der Straße nur »ausländisch« gesprochen wird. Es gibt haufenweise Probleme mit Angehörigen dieser sprachlichen und – häufig auch – religiösen Minderheit. Ich könnte mir vorstellen, dass Gewalt-Delikte bei dieser Minderheit auch gelegentlich vorkommen; daas eine oder andere Delikt habe ich in meinem Leben selbst schon mitbekommen.

Ich meine die sogenannten Russlanddeutschen.

Keine Sorge – ich schere hier nicht alle über einen Kamm. Ich gehe davon aus, dass die einleitend genannten Personen nicht die Mehrheit sind, sondern nur eine Minderheit ausmachen. Ich kenne auch keine Statistik, die belegen würde, dass Menschen mit Wurzeln in Russland besonders kriminell oder rechtskonservativ wären.

Aber mal ganz ernsthaft: Wenn man in der aktuellen Diskussion um die Erdogan-Begeisterung mancher Türkischstämmiger gelegentlich nur die Begriffe austauscht, sollte man merken, wie seltsam die Diskussion manchmal verläuft.

Russlanddeutsche, die untereinander nur russisch sprechen und Putin toll finden, gibt es sicher genug – darüber wird aber nicht lauthals gezetert. Machen das Türkischdeutsche oder Deutschtürken, wirkt das irgendwie anders.

Ich möchte jetzt nicht dazu aufrufen, auch Russischstämmigen oder Deutschrussen oder Russlanddeutchen mit ähnlich rassistischen Klischees zu begegnen, wie sie derzeit pauschal vielen Menschen entgegenschlagen, die ihre Wurzeln in der Türkei haben. Aber wenn der eine oder andere »Publizist« oder Politiker mal gelegentlich fünf Sekunden über gewisse Parallelen nachdenken würde, wäre mir in diesem Land auch wohler ...


17 August 2016

Politik mit der Vorhangstange

Das Tantchen war nicht viel älter als wir Kinder; für die Erwachsenen zählte sie noch zu den Kindern oder gehörte vielleicht bereits zu den Jugendlichen, und für uns war sie in diesem Zwischenbereich zwischen Jung und Alt angesiedelt. Wenn wir ihre Eltern besuchten, lud sie mich und andere Kinder allerdings gern zu einem Spiel an, das wir sehr verwunderlich fanden.

Sie imitierte Politiker. In den frühen 70er-Jahren war Politik eine sehr ernsthafte Angelegenheit, die Fernsehsendungen zeigten ausgiebig die Reden von Politikern, strenge Männer in Schwarzweiß. Und diese imitierte sie; eine Vorhangstange wurde umgedreht und diente als Ersatz für ein Mikrofon. Das Fenster, durch das wir bis zum Nachbardorf schauen konnten, war der Blick in die Fernsehkameras und ins Auditorium des Bundestages.

Dort hielt sie ihre Reden. Das Tantchen sprach laut – und schaffte es, so hochdeutsch zu reden, dass es wie Rainer Barzel oder Willy Brandt klang; sie machte Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner so gut nach, dass es für mich glaubhaft klang. Das fand ich ziemlich beeindruckend.

Dummerweise wollte sie, dass wir ebenfalls solche Reden hielten. Während andere Kinder »Cowboys und Indianer« oder »Papa, Mama, Kind« spielten, wollte sie »Bundestag« spielen. »Klaus, halt du auch mal eine Rede«, forderte sie mich immer wieder auf.

Ich hatte keine Ahnung, wir hatten keinen Fernseher, also wusste ich nicht, wie sich Politiker verhielten. Also musste ich ihre Imitation mit meinen bescheidenen Mitteln imitieren. Es reichte zu einem maulenden Herbert Wehner mit seinem »Ich bin nicht Ihr Kollege«, was mich nachhaltig begeistert hatte, und zu einem »Wos soll denn dös?« von Franz-Josef Strauß, das ich nur schlecht nachahmen konnte.

Politik wurde mithilfe einer Vorhangstange imitiert. Ich war ein lausiger Redner, ich lernte es nie. Meine frühe Politisierung war also ein ziemlicher Fehlschlag. Aber auch aus dem Tantchen wurde keine Politikerin, sondern eine ganz normale Büroangestellte ...

16 August 2016

Immerhin Stehplätze

Als ich aus dem Urlaub zurückkam und am Sonntag abend durch die Innenstadt von Karlsruhe spazierte, sah ich Plakate, auf denen für ein Konzert der amerikanischen Band Neurosis geworben wurde. »Boah«, sagte ich sowohl intellektuell als auch sehr fachkundig, »die gibt es wieder?« Spontan hatte ich Lust, mir die Band live anzuschauen.

Neurosis hatte ich einmal in den 90er-Jahren gesehen. Die Kalifornier spielten im SO 36 in Berlin, und als Begleitung hatten sie Youth Brigade dabei. Seien wir ehrlich: Bei Neurosis stand ich da, hatte den Mund offen stehen und war echt fasziniert – mehr ging da nicht. Bei Youth Brigade stürzte ich mich fröhlich ins Pogo-Gewühl.

Ich überlegte mir ernsthaft, das Konzert zu besuchen, und recherchierte einen Tag später genauer. Das Konzert sollte am Freitag, 19. August 2016, im »Substage« stattfinden, einem von der Stadt Karlsruhe subventionierten Konzertort. Als Eintrittspreis wurden 35 Euro für die Abendkasse genannt.

Jegliche weitere Diskussion verbot sich da von selbst. Mir ist klar, dass die Konzertpreise in den vergangenen Jahren geradezu explodiert sind; mir ist auch klar, dass die 80er- und 90er-Jahre sowieso schon ewig her sind. Aber 35 Euro empfinde ich schon als – um es höflich zu formulieren – ein wenig arg weit weg vom ursprünglichen »Geist« der Band.

Okay, von Punkrock und Hardcore hatten sich Neurosis schon zu Beginn der 90er-Jahre verabschiedet. Von daher darf ich mich nicht ärgern, will ich auch nicht. Es wird genügend Menschen geben, die bereit sind, einen solchen Preis zu bezahlen – von daher ist es völlig gleichgültig, ob ich ihn hoch finde oder nicht.

Immerhin gibt es – laut Information – im Konzertraum dann »Stehplätze, freie Platzwahl«. Das finde ich dann schon ein wenig erleichternd ...

15 August 2016

Zwei Wochen Andalusien

Nachdem es in diesem Blog so lange eine gewisse Funkstille gab, melde ich mich kurz zurück: Ich war im Urlaub, und diesen Urlaub gestaltete ich nach langer Zeit mal wieder mit kompletter Internet-Abstinenz. Ich schaute auf keinen Computer, ich loggte mich nirgends ein, ich ließ meinen Mac daheim, und ich nahm nichts mit, das nach Arbeit aussah.

Der Urlaub führte uns nach Südspanien, genauer gesagt, ging es in die Region Andalusien. Wer die Landkarte bemühen möchte: direkt neben Cadiz, also an die Atlantikküste. Weitere Berichte werden sicher bei Gelegenheit folgen.

Das Wetter war gut – durchschnittlich 30 Grad und jeden Tag Sonne –, der Strand war herrlich, das Essen war lecker, und die Wampe schwoll ein wenig an. Ich vergammelte ganze Tage am Pool, ich döste im Liegestuhl, ich schwamm ein wenig in der Brandung, ich las mehrere Bücher, und ich ging in der Innenstadt von Cadiz spazieren.

Ab und zu packten mich Anfälle von Kreativität; gelegentlich notierte ich mir einzelne Wörter und Begriffe, mit denen ich mein Romanprojekt garnieren werde. Aber ich schrieb weder an meinem Roman weiter, noch überlegte ich mir neue Kurzgeschichten. Es sollte ein echter Urlaub sein, in dem ich mich erholen wollte.

Was dann auch gut klappte. Zwei Wochen sind nicht genug, darüber brauchen wir nicht zu reden – aber sie genügen, um ein wenig Abstand zur täglichen Rennerei zwischen Arbeitsplatz und Privatstress zu gewinnen ...

29 Juli 2016

Europäischer Moment in den 80er-Jahren

Wenn ich über »meinen europäischen Moment« nachdenke, fällt mir immer wieder ein, wie das früher war: In den 80er-Jahren war die DDR ein abgeschottetes Land, in das man als Westler nur mit Mühe reisen konnte – die DDR-Bürger kamen erst gar nicht raus aus ihrem Staat. Gleichzeitig überquerte unsereins ohne großes Nachdenken die Grenze zum ehemaligen Erzfeind Frankreich.

Das wurde mir bei einem Besuch in Leipzig besonders bewusst; es war Ende der 80er-Jahre, und das Regime wackelte ganz schön. Wir saßen bei der Familie, die wir besuchten, und ich erzählte ganz locker: »Wir waren am Wochenende im Elsass.« Alle guckten mich irritiert an, aber ich merkte nichts.

Bis dann einer fragte: »Ja, und wir seid ihr über die Grenze gekommen?«

Jetzt war ich irritiert. »Wir sind einfach mit dem Auto über den Rhein, die Grenzer standen an ihrem Häuschen und haben zugeschaut, wie wir vorbeigefahren sind.« Damals gar es noch Grenzer, aber wir wurden in den 80er-Jahren nie kontrolliert.

Die DDR-Bürger waren fassungslos. Und mir wurde klar, dass wir – bei aller Kritik am System – doch gar nicht so schlecht dran waren mit unserer »Bündesrebublück«, wie es die Leipziger aussprachen.

28 Juli 2016

Ein Investment-Punk?

»Bereits mit 13 Jahren wusste ich, dass das Durchschnittsleben der Mittelschicht – Arschkriechen, Sachbearbeiter Job, Eigenheim auf Pump, Konsumschulden, keine Kohle und keine Freiheit – nicht das ist was ich will.« Das klingt komplett logisch und nachvollziehbar, und ich könnte das auch unterschreiben. Gerald Hörhan ist der Mann, der das sagt, und er hat jetzt eine Firma gegründet, die sich echt »Investment Punk Academy« nennt.

Ich habe versucht, für mich herauszufinden, was das ist, fand aber nicht, dass es etwas für mich ist. (Klingt kompliziert, ist aber genau so ...)

Fakt dürfte sein, dass der Mann – er ist Jahrgang 1975 – tatsächlich mit Punkrock sozialisiert wurde. In einem Interview erzählt er von einem Festival, bei dem er mit Laptop aufgeschlagen ist. Sein Geld hat er mit allerlei Investments verdient, jetzt will er seine Kenntnisse weitergeben.

Wenn ich mir die Seite so anschaue, stelle ich fest, dass die Besucher der Seite »ganz punkig« geduzt werden, dass man eine lockere Ansprache pflegt, dass es aber letztlich doch darum geht, sein Glück damit zu finden, mit Geld zu arbeiten. »Angemacht« fühlte ich mich aber nicht dadurch.

Wahrscheinlich bin ich einfach nicht der Typ, der für »Investment Punk« in Frage kommt. Ich kann ja auch mit »Business Punk« nicht viel anfangen. Das muss jeder für sich selbst ausmachen – ich war in den 90er-Jahren wohl einfach zu lang »Disco-Punk«.

27 Juli 2016

Invasion der Zukunft

Ich gestehe, dass ich den Historiker, Journalisten und Publizisten Hans-Peter von Peschke bis vor einem Jahr nicht kannte. Er arbeitete fürs Fernsehen und fürs Radio, er schrieb für Zeitschriften und Zeitungen, und er publizierte verschiedene Bücher.

Im Oktober 2016 erscheint sein neues Sachbuch, diesmal im Theiss-Verlag in Darmstadt. Es trägt den Titel »Invasion der Zukunft« und den Untertitel »Die Welten der Science Fiction«. Es geht – wie bei dem Titel nicht anders zu erwarten – um mein liebstes Literatur-Genre. Und ich bin sehr neugierig darauf, wie das Buch geworden ist.

In einem Kapitel geht es nämlich um die Science-Fiction-Serie, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Der Journalist führte mit mir ein langes Interview, das sich in diesem Buch selbstverständlich nicht Wort für Wort wiederfindet, sondern nur in einigen Zitaten. Aber es schmeichelt meinem Ego ... und dafür bitte ich um Verständnis.

26 Juli 2016

Flanieren bei Nacht

Es war gegen Mitternacht, und ich war mit dem Rad unterwegs. Vom Punk-Konzert war ich noch total aufgeputscht, mein Körper von Adrenalin und guter Laune geschwemmt, der Kopf voller Musik und Energie. Ich hätte mich nicht ins Bett legen können, ich musste mich bewegen. Also fuhr ich nicht direkt nach Hause, sondern flanierte mit dem Rad durch stille Innenstadtstraßen.

Ich radelte nicht schnell, trödelte aber nicht. Während ich in die Pedale trat, nahm ich meine Umgebung bewusst wahr, ließ sie an mir vorbeigleiten, genoss die unterschiedlichen Eindrücke. Es war eine laue Nacht, die Hitze des Tages war verschwunden, oder mein Körper war so übertourt, dass ich die Temperaturen falsch einordnete.

Es war praktisch niemand unterwegs, in der Stunde nach Mitternacht ist die Stadt oft leer und still, vor allem in den Nebenstraßen. Ich glitt durch die Oststadt, die Stadtmitte, die Weststadt und Mühlburg, in einem riesigen Bogen, der mehrere Kilometer länger war als jeder direkte Weg, und ich genoss jeden Meter davon.

Meine Reifen rollten fast lautlos, ich atmete gleichmäßig, und auf diese Weise saugte ich die wenigen Geräusche dieser Nacht in mich auf. Aus der Ferne dröhnte die Autobahn herüber, irgendwo hörte ich Autos durch die Hauptstraßen der Stadt rollen. Aber in den Nebenstraßen, die ich benutzte, war es angenehm ruhig.

Hinter den Fenstern schimmerte manchmal noch Licht oder flackerte ein Fernseher, meist aber waren sie dunkel. Autos schienen am Straßenrand zu schlafen, die Stadt hielt den Atem an.

Es würde eine neue Woche kommen, nur noch wenige Stunden trennten mich von ihr – aber in diesen Minuten der Dunkelheit, der Ruhe und der Einsamkeit fühlte ich mich mit meinem Fahrrad und der Stadt verbunden, sicher und ruhig.

25 Juli 2016

Senioren-Pogo am Sonntag

Wenn die »Alte Hackerei« sagt, das Programm beginne um 19 Uhr, bin ich kurz vor 21 Uhr in der gepflegten Punkrock-Bar in der Oststadt von Karlsruhe. Dort trinke ich Bier und labere Unfug, bezahle meinen Eintritt und warte ein wenig, bis etwa eine Stunde später dann endlich das Konzert losgeht – bei tropischen Temperaturen an diesem Sonntag abend, 24. Juli 2016, nicht komplett einfach ...

Zuerst sprangen die Clowns auf die Bühne, eine Band aus Melbourne (Australien). Zuerst war ich irritiert: vier junge Typen mit richtig langen Haaren und dämlichen Bärten – das konnte ja nichts sein. Aber ich wurde eines Besseren belehrt: Vom ersten Ton an bolzten die Burschen los, eine rasende Mischung aus rabiatem Pogo-Punk und Metal, die mich echt umhaute.

Jeden Tag wollte ich mir das nicht anhören, aber an diesem Abend begeisterte es mich. Der Sänger sprang auf der Bühne herum, brüllte wie eine angestochene Sau, machte seltsame Ansagen auf Englisch und sorgte mit alledem dazu, dass sich das Publikum echt ein wenig bewegte. Eine sehr gute Vorgruppe für diesen Abend – klasse!

Die alten Herren von den Adolescents ließen sich danach aber auch nicht bitten. Okay, die standen eher gemütlich auf der Bühne herum, knallten dafür von Anfang an einen amtlichen Hochgeschwindigkeits-Punkrock in den Saal. Recht schnell entstand eine schweißtreibende Stimmung, obwohl am Anfang eher unbekanntere und neuere Stücke gespielt wurden.

Da ich recht weit vorne stand, kam ich irgendwann in die Verlegenheit, mich ein wenig bewegen zu müssen. Und weil ich eh schon schwitzte, schwang ich ein wenig mein Tanzbein. Bei den alten Hits der Band, die in der zweiten Hälfte des Konzerts kamen, kann ich mich eh kaum zurückhalten; daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig geändert.

Als das Konzert irgendwann vorüber war, hatte ich keinen trockenen Faden Kleidung mehr am Leib. Dafür hatte ich ein Grinsen im Gesicht, als hätte man es mir hineingetackert – super!

24 Juli 2016

Sprechblase 234 macht Spaß

Es ist echt unfassbar! Warum gibt es so viele gute Comic-Magazine aus dem deutschsprachigen Raum und so wenig für Science-Fiction- und Fantasy-Fans? Ich habe heute endlich die Lektüre der »Sprechblase«-Ausgabe 234 beendet, die im Januar 2016 erschienen ist, und ich bin einigermaßen beeindruckt.

Klar kann mich nicht alles interessieren, was auf den 100 vollfarbigen Seiten präsentiert wird. So finde ich halt neue »Sigurd«-Comics nicht sonderlich relevant und überblättere einen Uralt-Comic aus der Serie »good girl art« mit einem gewissen Achselzucken. Andererseits gehören genau solche Beiträge zu einem solchen Magazin dazu – also alles okay so.

Richtig schön fand ich den Artikel über die Kinderzeitschrift »Wunderwelt«, die in den fünfziger Jahren die Kinder in Österreich mit Bildergeschichten versorgte. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, bewundere bitte das Titelbild der »Sprechblase«.

Lesenswert sind Artikel über den Comic-Verleger Rolf Kauka und seine Versuche, als Schriftsteller erfolgreich zu werden, über unbekannte Comics bekannter Zeichner oder Zeitungs-Comis – es sind so viele Artikel in dem Magazin enthalten, die neue Informationen für mich bereithielte, dass ich lange Zeit mit dem Schmökern beschäftigt war. 

Der Zugang zu den Texten ist eher faunisch; trotzdem sind die Fakten journalistisch erarbeitet und wirken stets komplett korrekt. Man merkt den Texten dennoch an, dass Fans schreiben, und das meine ich hier positiv. Seit Gerhard Förster, seines Zeichens selbst ein Comic-Fan, das Magazin übernommen hat, konnte er es auf jeden Fall zu neuen Höhen führen.

Es gibt haufenweise Illustrationen, Rezensionen, Artikelchen und Krimskrams, dass es einen fast erschlägt. Der Spaß kostet 9,90 Euro, was für ein »Special-Interest«-Magazin okay ist – und wer sich für Comics interessiert, sollte sich die – leider nicht sehr aktuelle – Seite des Verlages mal anschauen oder es sich in einem Laden durchblättern.

Rixe aus Paris

Wer wie ich eine Freude am klassischen französischen Punkrock hat, wie man ihn anfangs der 80er-Jahre spielte, für den dürfte die Band Rixe eine echte Offenbarung sein: Drei Oi!-Skins aus Paris machen nämlich genau die Mixtur aus rotzigem Punk und schlichtem Oi!, die in Frankreich für die »Chaos en France«-Ära sprach. Ihre EP »Coups & Blessures« kam im Sommer 2015 auf einem französischen Label heraus, enthält vier Stücke, und die gefallen mir allesamt.

Klar wird hier nichts neu erfunden; die Band orientiert sich musikalisch, optisch und inhaltlich an den klassischen Bands der frühen 80er-Jahre. Die Texte in französisch, und bei dem ruppigen Sound herrschen die verzerrte Gitarre, ein schrabbeliger Bass und der rauhe Ton des Sängers vor. Klar gibt es auch Melodien, die sind aber nicht gerade elegant, sondern werden hervorgestoßen, in einem barschen und wütenden Ton – das hat was!

23 Juli 2016

Medien und München

Mir ging es am Freitagabend, 22. Juli 2016, wahrscheinlich so wie vielen anderen Menschen in Deutschland auch: Ich bekam mit, dass es in München eine Schießerei gegeben hatte, hörte das Wort »Terror« und befürchtete das Schlimmste. Und wie viele andere auch, stürzte ich mich dann auf die Medien und versuchte herauszubekommen, was wirklich los war.

Wenig zweckdienlich war, sich auf das Fernsehen zu verlassen. Wenn dort allen Ernstes Twtter-Nachrichten als Quelle benutzt werden, kann ich auch gleich auf Twitter umschalten. Das machte ich dann, in der Hoffnung, dort mehr zu erfahren – immerhin kenne ich einige Leute in München und wollte gern wissen, was dort wirklich passiert.

Doch wenn man die Hashtags »München« oder »Munich« benutzte, kam leider haufenweise Unfug an. Damit meine ich nicht einmal den rechtsradikalen Dreck allein. Wer zum Stichwort »München« allen Ernstes ein Fotomontage von Angela Merkel in Umlauf bringt, das sie mit blutverschmiertem Gesicht und blutigen Händen zeigt, der ist in meinen Augen schlichtweg geisteskrank.

Auch diverse Falschmeldungen schlugen bei Twitter schnell durch: Liegende Menschen am Fuß einer Rolltreppe schockierten mich, bis die Meldung rasch verbreitet wurde, dass es sich bei diesem Bild um Aufnahmen aus Südafrika handelte. Da fragt man sich: Wer verbreitet so etwas – und warum tut er oder sie so etwas?

Immerhin sah ich bei Twitter das kurze Video von der Schießerei bei »McDonald's« lange Zeit, bevor es im Fernsehen verbreitet wurde. Auch die Szene auf dem Dach des Parkhauses, die mittlerweile überall im Fernsehen gezeigt wird, wurde mir via Twitter recht schnell zur Kenntnis gebracht.

Später gingen wir doch noch aus dem Haus, noch später setzen wir uns wieder vor die Glotze. Die Informationslage war auch nach Mitternacht dünn, spekuliert wurde aber munter über alles Mögliche. Der einzige, der an diesem Abend so wirkte, als hätte er alle Sinne beisammen, war der Polizeisprecher. (Und die Menschen, die ihre Türen für diejenigen öffneten, die in dieser Nacht keine Möglichkeit hatten, wegen der gesperrten Bahnen nach Hause zu kommen.)

Für mich stellte sich die Medienlandschaft sehr konfus dar. Die Situation war für die Menschen vor Ort schlimm, um die Toten und Verletzten tut es mir leid – die Polizei schien ihre Arbeit so gut wie möglich gemacht zu haben. Aber sich mithilfe von Sozialen Netzen ein objektives Bild zu machen, ist offenbar nicht so einfach ...

22 Juli 2016

Das Fest ohne mich

Heute startet in Karlsruhe »das Fest«, eine riesige Open-Air-Veranstaltung, die ich von meinem Balkon auch hören kann. Es findet zum wiederholten Mal ohne mich statt – was weder die Veranstalter noch die Bands oder das Publikum jucken wird.  Aber ich stelle fest, wie wenig mich das interessiert, und ich war jahrelang ein echter »Fan« dieser Großveranstaltung.

Ich kann nicht behaupten, dass mir die Bands der 90er-Jahre alle gefallen hätten. Klassiker wie Simple Minds oder The Stranglers langweilten eher, dafür gab es immer wieder Bands, die mir positiv im Gedächtnis blieben. Bis weit in die Nuller-Jahre hinein ging ich auf »das Fest«; einmal im Jahr war das eine Pflichtveranstaltung in Sachen Musik.

Man hörte sich Bands an, ich trank viel Bier, ich latschte durch die Gegend und redete mit Bekannten, zeitweise waren wir eine echt große Gruppe; es gab Informationsstände verschiedener Firmen und Vereine, es gab kleine Konzerte und große Bands, und über allem lag eine angenehm-friedliche Stimmung. Das mochte ich – egal wer spielte.

Gegen Ende der Nuller-Jahre wurde die Sache immer größer; die Veranstalter bauten einen Zaun ums Gelände, mittlerweile wird auch Eintritt erhoben. Nicht viel – aber vom Charakter eines fröhlichen »Umsonsat & Draußen« ist nichts mehr übrig geblieben.

Das macht nichts: Wenn weit über 100.000 Leute kommen, ist es völlig egal, ob es mir gefällt oder nicht. Ich gehe immer noch gern auf Konzerte, ich mag immer noch Musik – aber ich brauche keine Ansammlung von Zigtausenden von Menschen. Und deshalb werde ich auch 2016 »das Fest« maximal hören, wenn ich auf der Straße unterwegs bin oder auf dem Balkon sitze.

20 Juli 2016

Weniger Raumfahrt, mehr Konsalik

Ich habe es jetzt auch bei der Hörspielserie »Mark Brandis – Raumkadett« geschafft, hoffnungslos hinter den Erscheinungsterminen herzuhinken. Das stört hoffentlich niemanden und bewegt vielleicht trotzdem jemanden dazu, doch mal in die Serie reinzuhören. Die Jugendabenteuer des Raumfahrers Mark Brandis sind komplett neu geschrieben; sie basieren nur lose auf den originalen Romanen der »Mark Brandis«-Serie.

In der Folge vier, die den schönen Titel »Hinter den Linien« trägt, geht es allerdings nicht um Raumfahrt. Der junge Mark Brandis darf an einem Patrouillenflug teilnehmen, wird mit einer pfiffigen Kommandantin hinter der Grenze der Asiatischen Republiken abgeschossen und muss sich nun mit dieser bis zur Grenze durchzuschlagen. Dabei lernt er manches über seinen eigenen Überlebenswillen, einiges über Politik und dazu noch wesentliche Dinge über geheimdienstliche Intrigen.

Mit Raumfahrt hat die Geschichte tatsächlich wenig zu tun; sie spielt größtenteils in den Wäldern Russlands. Damit erinnert sie an die klassischen Russlandromane, wie sie etwa der deutsche Schnellschreiber Heinz G. Konsalik verfasste und die in den 50er- bis 70er-Jahre das Russlandbild vieler Deutscher prägten. Die feindlichen Republiken erinnern dabei an die Sowjetunion, während Mark und seine Begleiterin fast wie deutsche Kriegsgefangene wirken, die sich auf der Flucht durch die russische Einöde schlagen.

Mag sein, dass solche Assoziationen nur jemand wie ich hat, der in den 70er-Jahren unter anderem durch Berge von »Konsaliks« sozialisiert wurde. Die Geschichte ist auf jeden Fall spannend und wird mit den entsprechenden Geräuschen und Dialogen sehr gut präsentiert. Der junge Mark und die erfahrene Kommandantin sind ein gutes Duo, ihren Abenteuern folgt man auch als erwachsener Hörer sehr gern.

Obwohl es keine »echte« Science-Fiction-Geschichte ist, sondern eher wie ein Abenteuer daherkommt: »Hinter den Linien« ist wieder gelungene Unterhaltung, die im Hörspiel hervorragend umgesetzt werden ist. Balthasar von Weymarn und sein Team von Interplanar Produktion haben mich damit erneut überzeugt!

19 Juli 2016

Ein Vierteljahrhundert Lombego Surfers

Ich sah sie zu Beginn der 90er-Jahre in einem kleinen Jugendzentrum in Rottenburg am Neckar. Schon damals waren die Lombego Surfers eine absolute Ausnahmeerscheinung: Sie spielten keinen Punkrock, waren von diesem aber beeinflusst, und ihr Surf-Sound hatte damals nichts von »good clean fun«, sondern klang durchaus dreckig und kratzig.

Die Band gibt es immer noch; keine Ahnung, wie viele Umbesetzungen es seitdem gab. Die aktuelle Platte, die ich von den Surfers habe, trägt den schönen Namen »Ticket Out Of Town« trägt. Vom Surf-Sound der frühen Tage hat man sich weit entfernt; das meiste, was ich auf dieser Platte zu hören bekomme, ist kratzige Rock-Musik, die nur einen Fuß breit vom Punk entfernt ist.

Stücke wie »Out Of Touch« sind in ihrer ruppigen Art sicher mehr Punk als manche Melodie-Schunkel-Kapelle; da kommt die manchmal gepresste, dann wieder quäkige Stimme des Sängers besonders aggressiv rüber. Nimmt man aber dieses Stück als Beispiel, folgt auf der Platte halt »Don’t Bug Me«, das sich dann wie ein schmutziger Bastard aus Blues und Hardrock anhört.

Alles in allem ist diese Platte der Surfers keine echte Überraschung für mich – sie passt zu dem, was die Band live bietet. Man ist älter geworden, aber seltsamerweise nicht ruhiger, sondern eher wütender. Dabei wird die Band sicher nicht zum Hochgeschwindigkeitspunk konvertieren – aber das macht nichts.

Respekt. Echt!

18 Juli 2016

Maigret akustisch

Ich habe endlich mal einen »Maigret« gehört. Im Auto hatte ich die Hörbuch-Fassung von »Maigret und Mademoiselle Berthe«, eine Erzählung, die bequem auf eine CD mit einer Länge von 78 Minuten passte. Dass ich die Romane von Georges Simenon gern lese, habe ich schon oft genügt erzählt – eine Erzählung zu hören, das ist etwas ganz anderes.

Mitschuld daran ist der Schauspieler Gert Heidenreich, der eine beeindruckende Stimme hat. Sie ist sehr tief, sie dringt einem schnell ins Bewusstsein – und doch liest Heidenreich zurückhaltend, drängt sich nicht zu sehr in den Vordergrund. Trotz seiner tiefen Stimme bringt er auch weibliche Charaktere gut zur Geltung.

Das ist auch bitter nötig, denn eigentlich schildert die Erzählung ein ungewöhnliches Duell. Maigret ist in dieser Geschichte kein Kommissar mehr, sondern lebt im Ruhestand, in einem kleinen Haus an der Loire. Ein verzweifelt klingender Brief, der aber auch »nach Literatur« riecht, abgeschickt von einer jungen Frau, lockt ihn erneut nach Paris.

Mademoiselle Berthe ist eine junge Schneiderin, die sich bedroht fühlt. Sie glaubt, jemand wolle sie umbringen, und in ihrer Not wendet sie sich an Maigret. Der ehemalige Kommissar schnüffelt und ermittelt, und recht schnell erkennt er die Zusammenhänge – und er steht kurz davor, einen ungewöhnlichen Fall aufzulösen.

Man muss kein Maigret-Fan sein, um die Geschichte zu mögen. Sie ist jederzeit verständlich, dank der Heidenreich-Stimme sollte sie jeden Hörer packen. Empfehlenswert, sehr sogar – erschienen ist das Hörbuch bei Diogenes, wo auch die Romane erscheinen. Ich denke, dass dieses Maigret-Hören nicht mehr letzter Versuch war, die Fälle des Kommissars auch akustisch wahrzunehmen.

17 Juli 2016

Ein Putsch und seine Folgen

Der Militärputsch in der Türkei, der an diesem Wochenende im Keim erstickt werden konnte, erinnert mich sehr an die frühen 80er-Jahre, in denen ich politisiert wurde. Als die Generäle im September 1980 putschten, brachte das eine irrsinnige Verhaftungswelle mit Mord und Totschlag mit sich. Zahlreiche Menschen kamen um, viele Gefangene wurden gefoltert.

Wann genau die Veranstaltung bei uns im Jugendzentrum war, weiß ich nicht mehr: Ende 1980 oder Anfang 1981. Es ging um die Folgen des Militärputsches, und der Veranstaltungsraum – das sogenannte Kleinkunstforum – war gut besetzt. Verschiedene Türken, meist aus dem linken Spektrum, erzählten dabei, wie es ihnen in der Gefangenschaft gegangen war.

Dann hob einer der Türken sein Hemd und zeigte uns seinen Oberkörper. Brust, Rücken und Oberarme waren mit Malen übersät, die offenbar übrig bleiben, wenn man mit Zigaretten verbrannt und mit Elektroschocks trakiert wird. Diesen Anblick werde ich wohl nie vergessen ...

Egal wie man zu Erdogan stehen mag – und ich finde den Mann und seine Politik auch höchst kritisch –, es wäre ein völliger Unfug, auch nur ansatzweise zu glauben, dass eine Militärdiktatur in Folge des Putsches demokratisch und korrekt vorgegangen wäre. Vor allem wären die demokratischen, »linken« und kurdischen Oppositionellen genauso in die Gefängnisse gewandert.

Ausnahmsweise muss ich hier der Mehrheit der Politiker zustimmen: Durch einen Mlitärputsch hätte sich die Lage in der Türkei sicher nicht verbessert.

16 Juli 2016

Medienjunkie-Neurosen

Der Freitag, 15. Juli 2016, hatte es für einen Menschen, der sich für Politik und Nachrichten interessiert, echt in sich: Morgens schaltete ich meinen Computer an, checkte meine Twitter-Timeline und stellte irritiert fest, dass viele Leute etwas von »nice« schrieben. Ich benötigte tatsächlich einige Sekunden, um zu erkennen, dass nicht etwa »nettes« gemeint war, sondern der schreckliche Anschlag in Nizza.

Tagsüber checkte ich immer wieder bei Twitter die aktuellen Ereignisse und versuchte, mir aus den verschiedenen Berichten ein eigenes Bild zu bauen. Das war – wie so oft – nicht so einfach. Da bin ich froh, wenn es vernünftigen Journalismus gibt, der mir dabei hilft, ein Bild zu gewinnen.

Nach dem Arbeitstag setzte ich mich abends vor die Glotze, um mir nacheinander die Sondersendung im ZDF, die »Tagesschau« im Ersten und dort gleich die Sondersendung dazu anschauen. Zwar wurden überall viele Bilder wiederholt, aber ich fühlte mich einigermaßen informiert. Richtig echte Neuigkeiten erlangte ich dadurch nicht.

Ich war unterwegs, und ich kam kurz vor Mitternacht zurück. Um »herunterzukommen«, gammelte ich mich aufs Sofa und zappte herum. Im Ersten lief in einem Nachrichtenband die Information, dass es in der Türkei offenbar einen Putschversuch gegeben hatte. Die nächste Stunde verbrachte ich damit, diverse Fernsehsender zu checken, um die wenigen Informationen anzuschauen, die es zur Türkei um diese Zeit gab.

Und der Samstagmorgen? Der begann nicht damit, dass ich in die Dusche ging, um mich zu erfrischen, sondern damit, dass ich die Glotze anmachte, um die Sondersendungen zur Türkei mitzubekommen. In den 80er-Jahren, als genausoviel passierte, verspürte ich nie diesen Drang, ständig »on« zu sein – das hat sich deutlich verändert.

15 Juli 2016

Historischer Andromeda-Irrtum

Ich war jahre-, nein, jahrzehntelang stolz auf ein Fanzine in meiner Sammlung, stolzer sogar, als ich auf manch anderes war. Ich besitze nämlich die erste Ausgabe von »Andromeda«, erschienen im September 1955 und damit das erste offizielle Fanzine überhaupt, das in deutscher Sprache erschienen ist. Herausgegeben wurde das Heft von Walter Ernsting, der unter dem Pseudonym Clark Darlton zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren überhaupt wurde.

Als ich das Heft vor einiger Zeit aus der Sammlung fischte und noch einmal durchblätterte, stellte ich fest, dass ich einen Irrtum begangen hatte. Mein Heft war die dritte Auflage – und diese war im August 1963 von Dieter Steinseifer nachgedruckt worden. Das ist immer noch sehr alt, zu der Zeit war ich noch nicht einmal geboren, aber es ist nur halb so cool ...

Ich komme mit dem Verlust wohl klar, die Lektüre des Fanzines ist immer noch bereichernd. Mit welchem Enthusiasmus die Fans an ihr neues Hobby gingen! Die älteren Mitglieder – etwa Walter Ernsting – hatten das Grauen des Krieges lange genug erlebt und sehnten sich nach einer friedlichen Zukunft, nach der Raumfahrt und nach dem Kontakt mit Außerirdischen.

Und wie nett man miteinander umging: »Um eine rege Beteiligung an der Gestaltung von ANDROmeda bittet höflichst und mit viel freudiger Hoffnung – der Herausgeber.« Ganz ehrlich: Hätte ich damals schon gelebt, hätte ich sicher einen Beitrag eingeschickt.

Ansonsten geht es um die echte Raumfahrt, um UFOs, um Geld und Science Fiction. Schön sind die Hinweise auf einen jungen Fan namens Greg Benford, der zu dieser Zeit sein Fanzine »Void« verlegte. Benford war damals 14 Jahre alt, lebte als Sohn eines amerikanischen Soldaten in Gießen und wurde später amerikanischer Physik-Professor und ein populärer Science-Fiction-Autor ...

Ich gestehe: Obwohl es ein Nachdruck ist, bin ich trotzdem stolz darauf, die erste Ausgabe von »Andromeda« zu besitzen. Dieses Heft hat zahlreiche Menschen beeinflusst – und auf diversen Umwegen eben auch mich!

14 Juli 2016

Readbox und die digitale Zukunft

Ich habe Ralf Biesemeier von der Firma readbox publishing – die Kleinschreibung ist gewollt – im Frühjahr 2011 auf der Buchmesse in Leipzig kennengelernt; wir trafen uns danach noch einmal aus geschäftlichen Gründen. Bei den Begegnungen mit ihm hatte ich stets den Eindruck, dass der Readbox-Geschäftsführer recht genau wusste, wohin sich der digitale Buchmarkt entwickeln wird.

Auf der Internet-Seite pubiz.de war dieser Tage ein interessantes Interview mit Ralf Biesemeier zu lesen, das diesen Eindruck, den ich gewonnen hatte, weiter bestärkt. In dem Interview geht es vor allem um seine eigene Firma und deren Wachstum, was ich mit Interesse gelesen habe – spannend fand ich ebenso einige allgemeine Thesen, die er aufstellte.

Was er über E-Books sagt, gilt gleichermaßen für andere digitale Produkte: »Ich glaube, dass grundsätzlich die Chancen im Internet so groß sind wie noch nie, auch kleine Nischen profitabel zu bedienen.« Mit den »gelernten Mechanismen der physischen Welt« funktioniere das aber nicht mehr; die Verlage müssten »weniger Handel und (wesentlich) mehr Direktgeschäft« anstreben.

Auch ein spannender Ansatz, den ich hundertprozentig teile: Er denkt an »kurze, eher schnell (und vor allem einfach und auch günstig) zu konsumierende Stücke«, wenn es um die Zukunft des E-Books geht. Es gehe dabei auch um »ein attraktives Alternativangebot zu CandyCrush und Facebook-Katzenvideos«.

Die Musik-Industrie überlebte unter anderem dadurch, dass sie ein »Album« in einzelne Stücke zerlegte und diese einzeln für recht viel Geld verkaufte. Vielleicht ist ein Teil der Zukunft für digitale Literatur die Sammlung kurzer Texte: keine Kurzgeschichtensammlung, weil so was echt nur Minderheiten kaufen und lesen wollen, sondern die Rückkehr der klassischen Fortsetzungsgeschichte, wie es sie schon im 19. Jahrhundert in den Tageszeitungen gab ...

13 Juli 2016

Wendepunkt im Historienkrimi

Der erste Band der Serie »Golden Dogs«, die auf vier Bände angelegt ist, gefiel mir im Sommer 2015 schon sehr gut. Umso gespannter war ich auf den zweiten Band, der unter dem Titel »Orwood« im Januar 2016 in den Handel kam. Auch dieses Hardcover-Album, für das der Panini-Verlag verantwortlich zeichnet, begeisterte mich in punkto Gestaltung und Verarbeitung.

Als Autor erzählt Stephen Desberg die Geschichte seiner Hauptperson Fanny weiter, wenngleich der Titel des Einzelbandes – »Orwood« – einen anderen Hinweis gibt. Die Golden Dogs sind eine Diebesbande, die im viktorianischen London ihr Unwesen treibt. Anführer der Bande ist der charismatische Orwood, während Fanny als Prostituierte immer dann zum Einsatz kommt, wenn es darum geht, Geheimnisse auf unkonventionelle Weise herauszufinden.

Während der erste Band der Serie vor allem die vier Hauptfiguren vorstellte, geht es im zweiten Band heftiger zur Sache. Die Bande fliegt auf, offensichtlich durch Verrat, und zerstreut sich in alle Winde. Auch Fanny flieht: zuerst nach Frankreich, später über den Atlantik. Doch es zieht sie zurück an die alten Wirkungsstätten ...

Auch jetzt ist die Geschichte wieder schnell, sie wird spannend erzählt und vor allem hervorragend illustriert. Ich mag den realistisch anmutenden Stil, den der Zeichner Griffo anwendet; er zieht in das Geschehen herein und wirkt fast glaubhaft.

»Golden Dogs« wird mit dem zweiten Band spannender und in gewisser Weise auch epischer. Nun warte ich gespannt auf die weiteren Teile. (Ach ja: 60 Seiten Umfang diesmal, eine Reihe von schönen Skizzen zum Abschluss!)

12 Juli 2016

Europäische Momente in den 90er-Jahren

Unlängst startete via Twitter eine schöne Intiative. Unter dem Titel »Mein europäischer Moment« sollten einzelne Menschen über Dinge schreiben, die sie positiv mit Europa verbinden. Da fiel mir einiges ein, allerdings noch viel mehr, was ich nicht in 140 Zeichen packen kann.

Deshalb gibt's heute einen kurzen Text dazu, was mir Europa zweimal in den 90er-Jahren bedeutete. Das Schöne dabei: Der Text umfasst die beiden Seiten meines Lebens – einmal geht's um Science Fiction, einmal um Punkrock.

Ich werde nie den FreuCon '92 vergessen. Durch einen »Wink des Schicksals« und vor allem den kurz davor ausgebrochenen Krieg in Jugoslawien wurde Freudenstadt zum Schauplatz eines sogenannten EuroCons. Der Europäische Science-Fiction-Kongress wurde also im Frühjahr 1992 im beschaulichen Schwarzwald veranstaltet – die Einheimischen bekamen davon so gut wie nichts mit.

Wir hatten auf einmal rund 800 Leute aus zwanzig verschiedenen Ländern in Freudenstadt. Ungarn und Rumänen unterhielten sich auf Russisch, Briten kommunizierten nachts via Fax mit Weißrussen, Ukrainer, Polen, Spanier, Italiener und Niederländer waren da, Rumänen kamen mit einem Reisebus ... es war ein unglaublich positives Europa.

Ganz im Gegensatz dazu standen die Chaostage '95 im August 1995 in Hannover. Einige tausend Punks aus Portugal und Polen, aus Großbritannien und den Niederlanden, aus Frankreich und Italien und sonstwoher wollten miteinander feiern.

Dummerweise hatte die Polizei etwas dagegen, und es entwickelten sich heftige Straßenschlachten. Die internationale Punkrock-Szene hielt der Polizei tage- und nächtelang stand, bis sie sich der Übermacht geschlagen geben musste. (Mich würde echt interessieren, was aus den damaligen Punk-Kids geworden ist, fünfzehn Jahre alte Jungs und Mädels, die mit Hass im Herzen und Steinen in der Hand auf die Polizei losgerannt sind.)

Für mich waren es europäische Momente, und ich möchte sie in meiner Erinnerung nicht missen. Wie man neudeutsch zu sagen pflegt: »never ever« ...

11 Juli 2016

Der Lehrerfreund und ich

Jetzt ist es amtlich: Mein »literarisches Werk« wurde endgültig für den Deutsch-Unterricht geadelt. Okay, Scherz beiseite – über den Unterricht auf Basis des Roman-Klassikers »Simplicius Simplicissimus« sowie meines Romans »Vielen Dank Peter Pank« hatte ich ja schon einmal berichtet. Jetzt ist das ganze Material auch auf der Website »Lehrerfreund« zu finden.

Die Seite bezeichnet sich selbst als »der Freund der Lehrer/innen« und ist im Wesentlichen ein »Portal rund um das Thema Schule und Bildung«. Zu finden gibt es Unterrichtsmaterialien, Analysen, Tipps und andere Inhalte. Begründet wurde die Seite im Jahr 2000; in heutigen Zeiten ist sie damit richtig alt.

Das aktuelle Thema steht im Bereich »Unterrichtssequenz Deutsch« und trägt einen schönen Untertitel: »Bauernjunge Simplicius Simplicissimus und der Punker Peter Pank – zwei Antihelden im Vergleich«. Verglichen werden zwei Kapitel aus dem »Simplicissimus« sowie der Anfang meines Romans, der als »moderne Picaro-Punker-Roman der 80er« bezeichnet wird. Ich wusste natürlich nicht, was ein Picaro-Roman ist, las den Begriff in diesem Zusammenhang zum ersten Mal.

Für Lehrerinnen und Lehrer, die Jugendliche mit Literatur konfrontieren wollen, ist so eine Punkrock-Geschichte wahrscheinlich sogar sehr sinnvoll. Ich fand und finde den Aufbau des Unterrichtes sehr interessant, auch die Kommntare und Hinweise sind spannend. Ein ganz anderer Zugang für mich ist das – so habe ich ein eigenes Werk noch nie gesehen!

10 Juli 2016

Die Schlosslichtspiele kommen!

Im Sommer 2015 war es einer der Höhepunkte: An mehreren Abenden spazierte ich mit Freunden und Bekannten zum Schloss Karlsruhe, gern nahm ich auch Besucher von »außerhalb« mit. Dann setzten wir uns irgendwo auf den Boden, entweder auf den von der Tageshitze angewärmten Asphalt oder auf den Rasen, und warteten. Es war abends, die Luft war warm, und die Schlosslichtspiele verzauberten die Nacht.

Das wird im Sommer 2016 ebenso sein. Die Stadt Karlsruhe ist pleite, keiner weiß, wie es mit dem Tunnel unter der Stadt weitergehen wird. Aber wir lassen es im Sommer noch einmal krachen – da bin ich egoistisch und freue mich darüber. (Die Kultureinrichtungen, die ich mag, bekommen eh keinen Cent aus der leeren Kasse der Stadt. Weder vor noch nach der Krise ...)

Ich zitiere aus der Presse-Information: »In diesem Sommer schaffen die Arbeiten wieder überwältigende visuelle Formen und Narrationen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft«. es werden verschiedene Arbeiten präsentiert. Unter anderem wir die Projektion »Paperlife« – im Bild – die Schlossfassade aus Papier erbauen. »Wie die Seite eines Buches wird sie gefaltet, gerissen und geknittert«, verspricht die Information.

Was ich in den bisherigen Informationen gelesen habe, klingt auf jeden Fall höchst spannend. Ich freue mich auf die Schlosslichtspiele, die in diesem Sommer vom 7. August bis 17. September zu sehen sein werden.

09 Juli 2016

Drei Räder und ein Weg

Im Norden von Karlsruhe: Ich fege mit einiger Geschwindigkeit über den Radweg in Richtung Innenstadt, rechts und links ist die Wiese ordentlich gemäht. Ich sehe, dass mir zwei sportlich gekleidete Radfahrer entgegen kommen, beide eher auf meiner Seite. Aber ich mache mir keine Sorgen.

Wir nähern uns einander. Eigentlich ist der Radweg breit genug, dass drei Räder aneinander vorbeipassen müssten. Doch die beiden, die mir entgegen kommen, bleiben stur: der eine in der Mitte, der andere auf der linken Seite – was dann dummerweise die rechte Seite von mir ist, auf der ich fahre. Sie machen keine Anstalten, fünfzig oder sechzig Zentimeter zur Seite zu gehen.

Ich habe, wie mir auffällt, drei Möglichkeiten: Wenn ich so weiterfahre wie bisher, stoßen wir zusammen und liegen alle miteinander auf dem Boden. Ich kann nach links rüberziehen, die beiden anderen damit schneiden und mich an ihnen vorbeiquetschen; das könnte reichen, aber dabei könnten wir zusammenstoßen. Oder ich weiche nach rechts in die gemähte Wiese aus.

Ich entscheide mich für die Wiese, bremse ab, holpere einige Meter durch das Gras – die beiden Typen fahren an mir vorüber, die Augen hinter wuchtigen Sonnenbrillen verborgen, die Körper in edle Radlerklamotten gehüllt, und scheinen mich nicht zu beobachten. Immerhin stürze ich nicht, komme nach der Rasenfläche wieder auf den Radweg und fahre weiter.

Das Interessante dabei: Ich rege mich nicht einmal auf. Offenbar bin ich, was Radfahrer in Karlsruhe angeht, doch schon einiges gewöhnt.